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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-01 · 40 (1.10.1909) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 40 Dr. Vlochs Wochenschrift. Sette 695 aufgebracht, wenn man ihnen die jüdische Abstammung bestreitet. Sie unterstehen in Bezug auf die allgemeine Verwaltung einem von den Franzosen bestätigten jüdischen Kaid, der seine Verordnungen auch in hebräischer Sprache abfaßt und dann mit dem französischen Amtsstempel versieht. Ich sah bei dem gegenwärtigen Kaid, der in einem stattlichen Hause wohnt, Kaid Sassi Mimun, eine ganze Reihe derartiger Dekrete. Aber selbst Mimun ist von demselben Aberglauben umfangen, wie die Masse der von ihm Regierten, von denen nur ein kleiner Teil des Lesens und Schreibens kundig ist. Dieser Aberglaube begleitet schon das Kind bei seinem Eintritt in das irdische Jammertal und verfolgt es durchs Leben bis zu seinem Tode. Bei der Geburt eines Sohnes wird eine zerdrückte Eierschale zur Abwehr alles Uebels auf Mutter und Kind gelegt. Am Eingang der Häuser sind kleine Papierstückchen mit Talmudsprüchen angebracht, manchmal auch Beschwörungen für allerhand Unbill und Krankheiten. So gibt es u. a. auch eine Beschwörungsformel für Skorpione, die ungefähr folgendermaßen lautet: „Bei dem Rabbiner X und dem Rabbiner D, bei allen Hohepriestern, möge jeder Skorpion, der sich diesem Hause nähert umkehren." Also mit anderen Worten: „Skorpionen ist der Eintritt verboten." Darunter ist das Bild eines Skorpions mit allerhand kabbalistischen Zeichen aufgemalt. Natürlicherweise wird jeder Skorpion, der das Verbot liest, sofort umkehren. Uralte Sitten und Gebräuche haben sich auch in gewöhnlichen Zeiten erhallen. So z. B. ist das Schlachten von Koscherfleisch ein Monopol, für das viel gezahlt wird und beim Verkauf des Fleisches müssen bestimmte Talmudverse verlesen werden. Der Sabbath und die hohen Festtage werden mit großer Strenge gefeiert. Als ich eines Samstags nach Menzell kam, fand ich alle Kaufläden, ja selbst die Haustore verschlossen und als ich einem Juden, mit welchem ich wegen eines Teppichs in Verhandlung war, das Kaufobjekt zahlen wollte, lehnte er es ab, mein Geld ananzunehmen. Er würde sich es am folgenden Tage selbst holen. Kein Jude von Menzell wäre zu bewegen, am Samstag ein Werkzeug auch nur zur Hand zu nehmen. Ziemlich allgemein wird angenommen, daß die nordafrikanischen Juden, von denen ich Kolonien sogar unter den Rifkabylen und bei den Berbern tief in der Sahara fand, von den zu Torquemadas Zeiten aus Spanien Vertriebenen oder von den portugiesischen abstammen. Bei einem großen Teil der Juden an den Mittelmeerküsten Afrikas ist das wirklich der Fall, aber die Juden von Menzell, wie weiter südlich in den afrikanischen Oasen können ihre Abstammung viel weiter zurückführen, bis zu den alten Aegyptern und Phöniziern. Schon als König Salomon regierte, unternahmen die Bewohner von Tyrus und Sidon Fahrten durchs ganze (Mittelmeer, von Juden begleitet. Als sie nahe Gabes die Stadt Gigtis gründeten, waren auch Juden unter ihnen. Die Vandalen haben Gigtis zerstört, die Ruinen liegen unter dem Wüstensande vergraben, die Einwohner, auch die jüdischen, flüchteten und ihre Nachkommen bewohnen heute die Oase Gabes. Auch die Juden aus der Pharaonenzeit, die jüdischen Sklaven der Römer, siedelten sich in den Saharaoasen an, ja waren sogar die Gründer der berühmtesten darunter, nämlich Tuat. Daß diese jüdischen Ansiedlungen wirklich aus jener grauen Vorzeit stammen, beweisen die Funde von Grabsteinen in Karthago, Tripolis und südlich des Atlas, mit Inschriften non . jenseits der christlichen Zeitrechnung. Von manchen späteren, aus dem elften und zwölften Jahrhundert, habe ich selbst den Abklatsch genommen. Daß die Juden im südlichen Tunis damals schon vorhanden waren, beweisen auch die Schilderungen des berühmten arabischen Reisenden Ibn Khaldun und des jüdischen Gelehrten Maimonides. Bald werden in der Nähe der alten Iudenstadt Menzell moderne Hotelpaläste für den europäischen Winteraufenthalt entstehen, denn der Palmenwald, der sich ein Viertelstündchen von der staubigen Franzosenstadt Gabes mehrere Quadratkilometer Land ausdehnt mit seinen wunderbaren Promenaden, seinem Reichtum an Flußläufen und seinem warmen Winterklima, stellt das vielgerühmte Biskra in den Schatten. Die Eisenbahn von der hochinteressanten Maurenstadt Tunis nach Gabes dürfte in zwei Jahren vollendet sein, und dann dürfte der Fremdenstrom, der jetzt schon Tunis besonders im Spätherbst und Frühjahr überflutet, in den beiden kalten Wintermonaten nach Gabes ziehen. Literat»». Monatschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Begründet von Dr. Z. Frankel. Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Herausgegeben von Dr. M. Braun. 53. Jahrgang. Neue Folge, siebzehnter Jahrgang. Heft 7/8 Juli-August 1909. BreSlau, Koebnersche Verlagsbuchhandlung. (Barasch und Riesenfeld.) Inhalt: Hermann Vogelstein: Zur Vorgeschichte des Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847. Moses Schorr: Einige hebräisch-babylonische Redensarten. Johann Oehler: Epigraphische Beiträge zur Geschichte des Judentums. (Fortsetzung.) Moritz Mainzer: Jagd, Fischfang und Bienenzucht bei den Juden in der tannäischen Zeit (Fortsetzung). Israel Friedländer: Das arabische Original der antikaräischen Verordnung des Maimonides. Besprechungen: Mechiltha. Ein tannaitischer Midrasch zu Exodus, ins Deutsche übersetzt und erläutert von I. Winter u. A. Wünsche. Mit Beiträgen von Prof. Dr. Ludw. Blau. Bon S. Horovitz- Thomson P., Systematische Bibliographie der Palästinaliteratur. Auf Veranlassung des deutschen Vereines zur Erforschung Palästinas bearbettet. Bon A. Sandler. — Deutsch Aladar, Die Zigeiner-Grosteuhof- und Neusynagoge in Prag. Denkschrift, herausgegeben anläßlich der Erbauung des aus diesen Gotteshäusern hervorgegangeneu Kaiser Franz Joseph-Jubiläumstempels. Von S. H. Lieben. — Bibliographische Ueberficht. Bon M. Braun. Berichtigung. Adolf Heinrich, vorm. Uebungsschullehrer und Dozent am Wiener städtischen Lehrer-Pädagogium. Methodik des Geschichtsunterrichtes. M a n z's ch e k. u. k. Hof-, Verlags- und Universitäts-Buchhandlung, Wien 1909. Paul Langenscheidt. G r a f C o h n. Roman, Doktor P. Langenscheidt's Bibliothek der Zeit. Verlag Doktor P. Langenscheidt, Groß-Lichterfelde-Ost 1909. David PhiIipso n, D. D., author of „The Jew in Engliah Fiction“, „Old European Jewriea“ etc. etc. The Reform Movement in Judaism. The Macmilli an Company, New-Tork 66 Fifth Avenue, 1907. Des Volkes Liebliugsbücher. Dessau, Mohr'sche Verlagsbuchhandlung. Eine 10 Pfennig-Bibliothek, bestimmt und geeignet, der Schundliteratur der Kolportageromane das Feld abzugraben, x. Helen Keller. Meine Wett. Uebersetzung von H. Conrad, Stuttgart. Rob. Lutz. Mk. 1.—. Ein Buch von Helen Keller bedarf keiner Empfehlung. Sie bedeutet ein Phänomen, an dem Niemand ohne irgend eine Teilnahme vorbei kann. Von besonderem Interesse ist die Art, wie sie die Korrespondenz schildert, in der die innere Wett, die sie sich erbaut, zur Wett der äußeren Wahrnehmung steht Md wie sie die Notwendigkeit dieser Korrespondenz (S. 95) daraus erweist, daß wir die Bibel lesen Md für ihre vielen anschaulichen SchilderMgen, wenn uns das Augenlicht fehlt, ein inneres Aequivalent schaffen müffen. B. 3.

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