Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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- Tunis 3× ep/1048155
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Nr. 40 Dr. Blvchs Wochenschrift. Seite 693 zfeuilleton. Mrnzell, eine Iuden-Oase. Von Ernst von Hesse-Wartegg. Auf seiner „Jachtreise in den Syrien", die Erzherzog Ludwig Salvator vor drei Jahrzehnten unternommen und in dem gleichnamigen prächtig ausgestatteten Buche beschrieben hat, fuhr der hohe Reisende in seiner Jacht „Nire" auch den Küsten von Tunis entlang. Er beschreibt die südlichste, schon in der Wüste gelegene tunesische Oasenstadt Zarzis und sagt von der nächsten, weiter nördlich gelegenen, folgendes: „ . . . Dann folgt der Palmenwald am Kabes . . . und es sind schon die meisten Häuser und das stattliche viereckige weihe Fonduch von Kabes zu unterscheiden. Die Stadt ist klein und bloß von Arabern bewohnt. Cs hält sich (von Europäern) dort nur ein französischer Konsularagent auf, der zugleich auch Sanitätsbeamter ist. Kabes ist durch ein Flüßchen ... in zwei Gruppen geteilt. Aus der rechts gelegenen Stadthälfte erhebt sich nahe am Meere ein großes, schloßartiges Fonduch; in der Mitte steht das Schloß mit einer Besatzung von 10 bis 12 Mann und in der Häusergruppe links sieht man das Minaret einer Moschee. ... Die Häuser sind ärmlich und schmutzig . . . Hinter der Stadt breitet sich ein ein großer Palmenwald aus, der bis ans Ufer reicht . . . Wir näherten uns der Stadt so viel als möglich, nachdem der wehende Nordost uns das Ankern nicht gestattete . . ." Diesen Nordostwind könnte man noch heute verdammen. Hätte er nMt geweht, dann wäre dem Erzherzog wohl das Landen möglich gewesen. In der Stadt hätte er von der Eristenz der Judenoase Menzell ein Viertelstündchen weiter landeinwärts gehört, und Menzell wäre um dreißig Jahre früher der Welt bekannt geworden. Kabes selbst hat sich seither aus einer „bloß von Arabern" bewohnten Stadt in eine bloß von Europäern bewohnte verwandelt und wird in den nächsten Jahren wohl viel von sich hören lassen, denn wie Assuan und Khartum am fernen Nil ist es berufen, zu einer großen fashionablen Winterstation der Europäer zu werden. Da die Seereise von Europa nach Gabes auf ungefähr zehn Stunden abgekürzt werden kann, während sie, um Aegypten zu erreichen, mindestens die sechsfache Dauer beträgt, so wird Gabes die Winterstationen Aegyptens wahrscheinlich in Bälde sogar weit überholen. Wie sehr sich selbst im südlichen Tunis, dem Lande des Islam, dem Hauptsitz der früher im Mittelmeer allmächtigen Piraten, seit der Oberherrschaft der Franzosen die Verhältnisse geändert haben, geht daraus hervor, daß von der Beschreibung des Erzherzogs wenig mehr zutreffend ist. Selbst der Name der Stadt hat sich aus Kabes in Gabes verwandelt und unter diesem muß man es heute auf den Landkarten suchen. Richtiger hat es der Erzherzog als Kabes bezeichnet, denn der Name ist eine Abkürzung von Tacapes, jener Stadt, welche die Römer, diese größten Kolonisten aller Zeiten, hier auf einer sanften Anhöhe erbaut haben. Nur mehr wenige Spuren sind von ihr vorhanden, und was bisher von den wie Maulwürfe grabenden Franzosen an Altertümern gefunden worden ist, steht vor dem" Gittertor des neuen Palastes von „Monsieur le Controleur". Dieser Herr Controleur sitzt heute auf dem Regentensessel des Distrikts, auf dem früher die Paschas des Bey von Tunis gesessen sind, um die Araber und Berber des ganzen Gebietes, ebenso wie die armen Juden von Menzell auszuplündern. Rings um den Controleurs- Palast sind an Stelle der „ärmlichen und schmutzigen Häuser," von denen Erzherzog Ludwig Salvator spricht, bescheidene, aber moderne europäische Häuser entstanden, an die Stelle der Moschee trat eine Kirche und statt des schmutzigen arabischen Fonduch laden heute mehrere europäische Hotels den Reisenden ein. Die Eingebornen haben sich aus dem an achthundert Europäer zählenden Gabes nach der Oase zurückgezogen, der französische Controleur sieht dem eingeborenen, von den Franzosen ernannten Kaid gehörig auf die Finger und an Stelle des früheren Raubsystems und der Bedrückung durch die Paschas ist eine geregelte Verwaltung getreten, dazu Ordnung, Sicherheit. So kann denn auch der Europäer das ganze Hinterland von Gabes bereisen, ohne Gefahr zu laufen, von den räuberischen Urghammas, welche früher die Gegend unsicher machten, bis auf's Hemd, inklusive, ausgezogen zu werden und splitternackt unfreiwillige Sonnenbäder zu nehmen. Auch die Juden, welche hier Industrie und Handel beherrschen, können ungestört ihren Berufen nachgehen. Der Hauptsitz der Juden in Südtunesien ist die Oasenstadl Menzell, wo sie drei Viertel der Bevölkerung bilden. Menzell wird daher mit Recht neuerdings als die Judenoase bezeichnet. Sie liegt nur ein Viertelstündchen von der Franzosenstadl Gabes entfernt. Gabes ist ringsum von der trostlosen, glühend heißen Sandwüste. eine Fortsetzung der Sahara, umgeben, und die Straßen der Stadt laufen unmittelbar in dieses Sandmeer hinaus, das sich bis an die Küste hinzieht. Die Judenstadt Menzell aber liegt höchst romantisch in einem wunderbaren Palmenhain eingebettet, der kilometerweit ins Inland hineinreicht. Während meines wochenlangen Aufenthaltes in Gabes im vergangenen Frühjahr erfuhr ich nur durch Zufall von der höchst merkwürdigen Einwohnerschaft Menzells. Begleitet von dem italienischen Konsularvertreter in Gabes, Lombroso, einem Verwandten des berühmten Türmer Gelehrten, machte ich dem alten Kaid von Gabes, Hadsch Mohamed Ben Khalife, meinen Besuch. Er empfing uns in einem in orientalischem Stil möblierten Salon und setzte uns sogar Champagner vor, merkwürdigerweise nicht französischen, sondern Deinhard Cabinet, von der bekannten Coblenzer Firma! Nach einigen Minuten meldete ihm ein Mochazni (Gendarm), die Juden wären im Gerichtssaale unten versammelt und der Kaid lud uns ein, der Sitzung beizuwohnen. Juden? Woher Juden? Aus der Oasenstadt Menzell, klärte mich Lombroso auf. Es handelt sich um ein Grundstück in der Nähe des Hafens von Gabes. wo sich früher jüdische Gräber befunden haben, und das noch bis heute der Gemeinde Menzell gehört. Die Regierung will es für Hafenzwecke kaufen, die Juden weigern sich aber, es herzugeben. In der Tat fand ich im Gerichtssaale neben zwei Dutzend Patriarchen mit ausgesprochen jüdischem Typus und langen, weißen Bärten in morgenländischer Tracht Gestalten, wie sie wohl nicht viel anders im salomonischen Tempel im Königreiche Judäa vor Jahrtausenden gewesen sein mochten und wie ich sie noch an der Klagemauer von Jerusalem gesehen habe. Ganz die gleiche singende Sprache. Anstößen der Zunge bei manchen und Sprechen mit den Händen. Mit bewundernswerter Zähigkeit hielten sie an ihrem durch die Gräber geheiligten Grundstücke fest und lehnten die verlockendsten Angebote ab. Wie die Sache schließlich endigte, weiß ich nicht, aber die alten Herren interessierten mich in hohem Grade. Am nächsten Morgen ging ich mit Lombroso nach der Judenoase. Unter den Palmen am Rande des grünen Dickicht hockten die Weiber und