Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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©ette 688 Dr. Blocks Wochenschrift. Nr. 40 Bürgermeister Dr. Lueger hielt folgende Ansprache an die Trauerversammlung: „Hochgeehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Herren! Theodor Ritter v. Goldschmidt, dessen sterbliche Hülle wir heute in die Erde senken, 8>ar ein Veteran des Wiener Gemeiuderates, ein wohlverdienter Veteran. Wenn Veteranen sterben, fragt man nicht, ob sie der einen oder der anderen Partei angehört haben, man kommt und salutiert! So bin auch ich erschienen, um dem verstorbenen Gemeinderat Goldschmidt hier zu danken für seine Wirksamkeit, die er im Gemeinderate der Stadt Wien entfaltet hat. Er hat der Opposition angehört; er betrieb aber die Opposition nur sachlich, und man kann wohl sagen, daß er bei allen großen Schöpfungen der Gemeinde Wien redlich mitgewirkt hat. Wir alle danken ihm dafür und sagen: Theodor Ritter v. Goldschmidt, uns trennt nichts mehr! Wir sind und bleiben dir dankbar für alles, was du geleistet hast, und dein Andenken wird gesegnet bleiben! Ich schließe mit dem Wunsche: Ruhe in Frieden!" Gemeivderat Doktor Reisch sprach: „Von Freund und Feind war dein selbstloses Streben anerkannt, und auch der Bürgermeister hat dein Lob im Gemeinderate verkündet. Möge nun auch schwerer Schutt und Schmutz auf den Ideen der Freiheit und der allgemeinen Menschlichkeit ruhen, diese Ideen werden nicht mit dir begraben. Wir geloben dir aufs neue Treue deiner Partei und legen den Bürgerkranz, geziert mit dem unvergänglichen Grün der Dankbarkeit, auf dein Grab, das des treuesten Sohnes deiner Vaterstadt Wien." Für die niederösterreichische Jngenieurkammer und den Verwaltungsrat des Ingenieur- und Architektenvereiues sprach Präsident E. A. Z i f f e r. Er nannte ven Verstorbenen eine Zierde der österreichischen Technikerschaft, einen Mann, der sich nicht bloß im Heimatlande, sondern auch in Frankreich, Deutschland, Italien, Rußland und Belgien rühmlich betätigte. Er schilderte sein Wirken in der Kammer. und im Verein und betonte seine herzliche Kollegialität im ^eise der Fachgenoffen. Dann wurde der Sarg in die Erde gebettet. Aus der Plenarsitzung des ifr. Kultusvorstaudes. In der Plenarsitzung der isr. Kultusgemeinde vom 27. September 1909 widmete Herr Präsident Doktor Alfred Stern dem Vize-Präsidenten Dr. Theodor Ritter v. Goldschmidt folgenden Nachruf: Zu einer Totenklage haben wir uns heute hier versammelt, zu einer Klage um einen teuren Dahingeschiedenen, dessen wir wehmutsvoll und schmerzbewegt gedenken. Wenn je das Dichterwort „die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht" voll Anwendung finden kann, so ist es hier. Denn wahrhaft geweiht ist diese Stätte der jahrzehntelangen, segensreichen Wirksamkeit unseres dahingeschiedenen Freundes Theodor Ritter von Goldschmidt. Ein guter, ein herzensguter Mann war er. Er hatte eine offene Hand, ein mitfühlend Herz für alle Bedrückten, er gab, so viel in seiner Macht lag, und sein nur der edelsten Regungen fähiges Gemüt kannte nicht das harte, das drückende „Nein" gegenüber dem Bedürftigen. Es sind 20 Jahre her; im Jahre 1889 trat er in den Kültusvorstand ein und was er in diesem Zeiträume als Vorstandsmitglied, als Obmann von Fachsektionen und — Kommissionen, als Vertreter und zuletzt als Vize-Präsident der Gemeinde geleistet hat, wird unvergessen bleiben. Verschiedenartig waren die Gebiete, auf denen er sich innerhalb der Gemeinde betätigte, so verschiedenartig und umfassend, wie seine Bildung, seine Kenntnisse. Wohl am stärksten betätigte er sich, dem Zuge seines edlen Hebens folgend, auf dem Gebiete der Wohltätigkeitspfiege und hier wirkte er nicht bloß erhaltend und verbessernd, sondern gerade schöpferisch. Seiner Initiative verdankt unter Anderem das Kaiserin Elisabeth-Krankenpflegeriunen-Jnstttut seine Entstehung, seinem unermüdlichen Wirken der Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen seine Gründung. Wenn wir uns hier in diesem Saale umsehen, so erblicken wir die Bildnisse zweier Familienmitglieder des nunmehr Verewigten, seines Vaters, Moritz Ritter v, Goldschmidt und seines Bruders Julius; es wird die Erinnerung in uns wach an das segensreiche Wirken dieser beiden Männer, deren ersterer zu den Gründern der Gemeinde zählte, während der letztere sich um die Ausgestaltung und finanzielle Sicherung der Gemeinde unvergängliche Verdienste erworben hat. Und in harmonischer Weise schloß sich das Wirken des Verewigten der bedeutsamen Tätigkeit dieser beiden unvergeßlichen Männer an. Nun ist auch er dahingegangen. Es würde zu weit führen, wenn ich der umfassenden Tätigkeit des Dahingeschiedenen eine eingehende Würdigung zuteil werden lassen wollte; insbesondere aber auch seiner mustergiltigen Betätigung aus seinem eigentlichen Gebiete, in technischen Angelegenheiten. Gerade in der letzten Zeit wurde es von uns allen schwer empfunden, daß schwere Krankheit den Dahingeschiedenen von der Stätte seiner ihm ans Herz gewachsenen Wirksamkeit ferne hielt, daß wir in mancher wichtigen Angelegenheit gerade seinen weisen Rat, seine gediegenen Fachkenntnisse entbehren mußten. Denn was er tat, war wohl durchdacht und mit einer seltenen, in unserer raschlebigen Zeit nicht immer gewürdigten Gründlichkeit behandelte er alles, auch das scheinbar Geringfügige. Und alle die vortrefflichen Eigenschaften des Geistes und des Herzens des Verewigten wurden verschönt durch die herzgewinnende Art seines Umganges. Sein liebenswürdiges Wesen ^war der Ausdruck eines wahrhaft guten Herzens, die Herzlichkeit, mit der er allen entgegen kam, war das äußere Zeichen einer wahrhaften Menschenfreundlichkeit. Sein Wirken, seine Persönlichkeit wird in unserer Mitte, wird in der Gemeinde unvergeßlich sein. Sein Andenken sei gesegnet. Eine Jlldensteuer in Przemysl. Der Postmeister von Przemysl hat allen Grund, auf eine hohe Auszeichnung Anspruch zu erheben, denn er hat es verstanden, durch eine eigene Judensteuer dem Staate unerwartete, wenn auch ungesetzliche Mehreinnahmen zuzuführen. Wie überall, wird auch in Przemysl unter den Juden der alten Sitte, Rosch-Häschonöh-Kärten zu versenden, in hohem Matze gehuldigt. Nach österreichischem Tarif ist auf solche Sendungen eine Drei- Hellermarke zu verwenden. An den letzten Tagen vor Rosch-Haschonoh war jedoch in ganz Przemysl keine Drei-Hellermarke zu bekommen. Die kleinste Briefmarke, die erhältlich war, betrug 5 Heller. Auf die verschiedenen Rekriminationen der jüdischen Vriesaufgeber hätte .der schlaue Postmeister blotz die ironische Bemerkung: „Sam-, stag (nach Rosch-Haschonoh) können Sie wieder Drei- Hellermarken haben." Und tatsächlich gab es nach den Neujahrstagen solche Marken in Hülle und Fülle. Die Juden, von denen viele diese eigenartige Judensteuer sticht unempfindlich verspürten, mutzten sich bequemen, die Mehrzahlung zu leisten, wollten sie nicht ihre vielen Verwandten, Freunde und Bekannten, die auf den Neujahrsgrutz schon warteten, verletzen. Der echt galizische Postmeister sollte sich diese nur in Galizien mögliche Judensteuer wenigstens patentieren lassen. Die Wahlreform in der Bukowina. \ Aus Czernowitz wird uns gemeldet: In Bezug auf den vom Permanenzausschuß ausgearbeiteten Wahlgesetzentwurf auf Grund nationaler Kurien hat die Regierung offiziell den Bukowinaer Landtag verständigt, daß sie zwar im Prinzip , der Schaffung einer Wahlreform auf Grundlage des nationalen Katasters zustimme, den jüdischen Kataster aber kategorisch ablehnen müsse. Um aber das Reformwerk nicht zu vereiteln, schlägt die Regierung vor, daß die Deutschen und Juden in einen Kataster vereinigt werden. Am 1. Oktober tritt nun der Permanenzäusschuß neuerlich zusammen, um zu dieser durch das Verhaltender Regierung geschaffenen Situation Stellung zu nehmen. Die feierliche Eröffnung der neuen Synagoge in Sofig. Die Eröffnung des neuen israelitischen Tempels hat ist feierlicher Weise stattgefunden. Der Zeremonie wohnten bei: Ihre Majestäten der König und die Königin mit ihren Suiten,