Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr 40 Dr. Blochs Wochenschrift. Teile 685 Die I a b n e h ak a d em i e im Dienste des Judentums al^ Religion und Kultur. AUs der Feststellung dessen, was die Akademie nicht sein darf, haben wir auch Positives entnehmen können. Sie darf keine Synode sein, die über strittige Religj^nsfragen entscheidet, aber sie kann eine Religionskommission ins Leben rufen, die mit einer gewissen Synhedrialäutorität das allen religiösen Parteien im Judentums Gemeinsame nach Innen begeisternd verkündet und nach Außen würdig verteidigt. Sie kann kein israelitisches Parlament sein, aber die Repräsentanz und teilweise die Exekutive einer modernen Synagoge magna, das heißt eines „Weltjudentages" oder eines panjudaistischen Kongresses. Sie soll ihrer Wirksamkeit nicht den Stempel Palästinas und des Hebräischen allein aufdrücken, sondern allgemein bleiben und zugleich im Dienste der hebräischen Sprache und palästinensischen Kultur stehen. Die Hauptfelder ihrer Tätigkeit sind die Wissenschaft des Judentums, die Literatur der Juden und die jüdische ftunft. Wissenschaft des Judentums. In bezug auf die Wissenschaft teile ich die Ansicht, Ludwig Geigers, daß es keine jüdische Wissenschaft gibt, sondern nur eine. Wissensch aft des Judentums. Allerdings hat Moritz Goldstern in seinem Aufsätze in „Ost und West" recht, wenn er betont, daß es wichtig wäre, die Geschichte des Anteiles der Juden an wissenschaftlichen Arbeiten zu studieren und das Wesen der jüdischen Kritik in der Literatur zu erfassen. Ich kann jedoch nicht finden, daß das Resultat solcher Unter- ' suchungen die Feststellung einer besonderen jüdischen Wissenschaft wäre. Die Naturwissenschaften sind vom religiösen und nationalen Bekenntnis der Forscher unabhängig. Nur auf die G e i st e s Wissenschaften haben die religiösen und nationalen Momente einen gewissen Einfluß, aber auch auf diesen Gebieten soll das Internationale und Interkonfessionelle vorherrschend sein. Die Wissenschaft als solche kommt somit nicht für die Jabnehakademie direkt in Betracht. Eine indirekte Rolle hat sie jedoch aus folgender Erwägung: Das Judentum hat seit Philo mit der jeweiligen Zeitphilosophte in Frieden zu leben gesucht; , da nun in unsern Tagen die Philosophie mit den Resultaten der Naturwissenschaften rechnen muß, erwächst unserer Religionsphilosophie die Aufgabe, die jüdische Theologie mit der modernen Naturwissenschaft zu versöhnen. Mehrere jüdische Denker zeigten jedoch die Schwäche, die Lehren des Judentums mit irgend einer klassischen Philosophie, die vor hundert Jahren geherrscht, in Einklang zu bringen. Als moderne Menschen ist es uns aber Geistesbedürfnis, das Judentum mit der Philosophie derGegenwartin Verbindung zu bringen. Einen schönen Anfang nach dieser Richtung hat Dr. S e l i g m a n n, Frankfurt gemacht. In einer jüdischen Akademie würden die jüdischen Vertreter der Natur- und Eeisteswiffenschaft die Aufgabe haben, den Kogit a n t e n - - C h a r a k t e r des Judentums zu wahren und als Friedensapostel die Wissenschaft und Weisheit der Zeit mit dem unsterblichen Geiste des Judentums zu vereinigen. Die Haupttätigkeit der Akademie auf wissenschaftlichem Gebiete gehört der sogenannten Wissenschaft des Judentums, die Zunz und Jost, Krochmal und Rappaport, Reggio und Luzzato, Geiger und Frankel, Graetz und Veiß, Munk und Steinschneider im neunzehnten Jahrhundert aufgebaut haben. Diese Wissenschaft. welche bis jetzt mehr einen philologischen, historischen und theologischen Charakter hatte, sollte zukünftig immer mehr ein psychologisches, philosophisches und ethisches Wesen annehmen. Vis jetzt hat dieselbe hauptsächlich im Westen, in erster Reihe in Deutschland, gethront; nun soll sie ihre Herrschaft auf dem Osten — Rußland und Orient — ausdehnen und übers Meer nach Amerika tragen. Zu den oben genannten Hauptrepräsentanten gesellen sich die Lichtgestalten Lazarus, Steinthal, Cohen, Achad, Haam und Dubnov. Die Literatur der Juden. Die Wissenschaft des Judentums ist mit der Literatur Israels eng verbunden, so daß die Jabnehakademie auch eine literarische Akademie werden muß. Die Gegner einer literarischen Akademie — z. B. Mar Nordau — müßten es jedoch in bezug auf die Juden gelten lassen, daß chne scharfe Scheidung zwischen Wissenschaft des Judentums und Literatur schwer durchführbar ist. Die Befürchtung, daß eine literarische Akademie die Entwicklung der Individualitäten hemmen würde und eine literarische Hierarchie erzeugen könnte, was unter Umständen noch schlimmer als eine literarische Anarchie wäre, ist in bezug auf die Juden ohne Belang; denn der jüdische Individualismus ist so mächtig, daß keine noch so bedeutsame Einrichtung ihn ernstlich schädigen könnte. Eine andere Frage von Bedeutung ist: Was gehört zur jüdischen Literatur? Gehört zur jüdischen Literatur alles, was im Hebräischen oder in den anderen jüdischen Idiomen geschrieben wird? Alles, was einen Juden zum Verfasser hat? Alles, was jüdischen Inhalt hat? Da es in verschiedenen Sprachen eine jüdische Literatur gibt, da jüdische Schriftsteller auch fremde Literaturen bereichert haben und da die geschichtlichen und legendären Stoffe eines Volkes auch von den Schriftstellern anderer Völker verarbeitet werden, müssen wir eine andere Definition für jüdische Literatur finden. Zur jüdischen Literatur gehört dasjenige, was im jüdischen Geiste gedacht und ausgedrückt wird. Der jüdische Geist manifestiert sich allerdings mit besonderer Kraft im Hebräischen und in den seit Jahrhunderten von Millionen Juden als Umgangssprachen gebrauchten Idiomen. Der jüdische Geist verkörpert sich im Wesen der großen Söhne unseres Stammes, in der Geschichte. Sage und Ueberlieferung unseres Volkes. Wenn jedoch ein Werk nicht — bewußt oder unbewußt — von jüdischem Geiste beseelt ist, gehört es nicht ganz der jüdischen Literatur an, wenn es auch ein Jude in hebräischer Sprache verfaßt. Die Schwierigkeit besteht darin, festzustellen, was man unter jüdischem Geiste zu verstehen hat. Das kann man eher fühlen als definieren. Eine für alle Zeiten und alle Parteien allgemein giltige Antwort auf diese Frage wird wohl nie gegeben werden können. Von Fall zu Fall kann unser Gefühl entscheiden, aber auch die Mitglieder einer Jabnehakademie werden kein literarisches „Ketzergericht" bilden dürfen. Allenfalls wird eine Gesellschaft jüdischer Forscher und Künstler dieses Problem vertiefen können. Teilweise gehört zur jüdischen Literatur alles, was ein hebräisches oder jüdisches Sprachengewand angelegt, wenn es auch fremden Ursprungs ist, alles, was jüdische Talente hervorgebracht, wenn es auch in fremder Sprache zum Ausdrucke kam, alles, in dem sich Judentum verdichtet, wenn auch Urheber und Erscheinungsform nichtjüdisch sind — alles, von dem man behaupten kann, daß Text oder Weise oder Verfasser jüdisch sind. Je mehr Zugehörigkeitsmomente qualitativ und quantitativ an einem Werke zu finden sind, desto mehr gehört es der jüdischen Literatur an. Das Maß der Dinge liegt freilich weniger in dem zu beurteilenden Objekt und mehr in dem urteilenden Subjekte.