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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-09-24 · 39 (24.9.1909) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
39 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 670 Dr. Blochs Wochenschrfft. Nr. 38 Jüdische Patronage-Gesellschaft in Ungarn. Aus Budapest wird uns geschrieben: Als vor mehreren Jahren das Gesetz über den staatlichen Kinderschuh vorbereitet wurde, stellte es sich heraus, daß unter den auf öffentlichen Schutz angewiesenen Kindern sich auch verhältnismäßig viele jüdische Kinder sich befinden. Wohl wurden settdem Versuche gemacht, den Schutz jüdischer Kinder besonders zu organisieren, die Versuche blieben jedoch stets erfolglos. Erst nachdem mittlerweile die Zahl der vom Staate in Schutz genommenen jüdischen Kinder auf 1500 anwuchs und diese fast durchwegs bei christlichen Parteien untergebracht wurden und nachdem ferner selbst in der Behandlung dieser Frage sich der Antisemitismus geltend gemacht, schritten die ungarischen Juden daran, durch Gründung einer jüdischen Patronage-Gesellschaft die Rettung jüdischer verwahrloster Kinder selbst in die Hand zu nehmen. Vorige Woche wurde in einer stark besuchten Versammlung in Budapest die Gründung einer solchen Gesellschaft beschloffen und ein logliedriges Organisationskomitee eingesetzt, an dessen Spitze Rabbiner Dr. Hevesi und Adolf Kohner stehen, die auch auf dem vor einigen Tagen abgehaltenen allgemeinen Patronage-Kongreß in Budapest die jüdische Gesellschaft vertraten. Die neue Gesellschaft beabsichtigt, ihre Tätigkeit auf das ganze Land zu erstrecken und an den exponiertesten Stellen eigene, moderne Kinderheime zu errichten. Die Cuquete der galizischen Schanker. In Anwesenheit von 100 Delegierten fand in Lemberg die von den Handelskammern einberufene Enquete über die durch die Abschaffung der Propination geschaffene Lage der Schänker statt. Den Standpunkt der jüdischen Schanker, die von der Verfügung am meisten zu leiden haben, vertrat das Mitglied des zionistischen Zentralkomitees, das in längerer Rede auseinandersetzte, daß es sich da um die Existenz von dreitausend Familien handelt, die in höchstem Maße gefährdet erscheine. Die Landesregierung, sagte Dr. Frostig, hat die Absicht kundgetan, die materielle Lage der galizischen Juden zu verbeffern. Nun habe die Regierung die Gelegenheit, zu beweisen, daß sie es mit dieser Absicht ernst meine, indem sie bei Verteilung der neuen Lizenzen die berechtigten Wünsche der jüdischen Schänker berücksichtigt. Die von Dr. Frostig in diesem Sinne vorgeschlagenen Resolutionen wurden angenommen. Es sprachen noch Abgeordneter Bataglia, der Vertreter des Landesausschuffes Dr. Zahl, die gleichfalls versprachen, die Forderungen der Schänker zu unterstützen. Berlin. Die dritte Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden, die im Oktober d. I. in Breslau zusammentreten wird, zufällig also wieder an demselben Orte, wo eben vorher die deutschen Katholiken tagten, beansprucht, abgesehen von ihrer allgemeinen Bedeutung, in der Oeffentlichkeit besonderes'Interesse dadurch, daß nach einem Vortrage des Breslauer Rabbiners Dr. Guttmann „Die Idee der Versöhnung im Judentum", zwei Vorträge die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Ostmarken beleuchten werden, nämlich: „Die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen" (Justizrat Breslauer-Berlin. 2. „Die Juden der Ostmarken. — Was haben sie dem preußischen Staat und was hat er ihnen geleistet?" (Justizrat Wolff-Lissa, M. d. Abg.-H.). — Die Vorbereitungen zur Aufnahme der aus allen Teilen des Reiches erwarteten 4—500 Delegierten, welche die Gäste der Breslauer Gemeinde sein werden, trifft ein von dieser eingesetzter Ortsausschuß, an deffen Spitze der Geh. Justizrat Landgerichtsrat Wollstein in Breslau steht. Neben den sonstigen Unterausschüssen wirkt diesmal ein Frauenkomitee, das sich den zu erwartenden Damen der Delegierten widmen soll; diese Neuerung ist umso berechtigter, als — ein erfreuliches Zeichen der Zett — in diesem Jahre zum ersten Mal auch unter den Delegierten selbst einige Frauen Sitz und Stimme haben werden. — Während der Begrüßungsabend am 16. Oktober in der Breslauer „Gesellschaft der Freunde" nur die Versammlungstellnehmer vereinen wird, ist die eigentliche Hauptversammlung am Sonntag dem 17. Oktober vormittags im großen Saale des Breslauer Konzerthauses öffentlich; Zuhörerkarten werden in Breslau wie im Bureau des Verbandes in Berlin ausgegeben. Georg v. Rosenthal gestorben. Aus Amsterdam wird unterm 11. d. M. berichtet: Eine der markantesten Persönlichkeiten Amsterdams ist mit dem Tode Georg v. Nosenthals verschwunden. Er war 1828 geboren und wurde noch verhältnismäßig jung Mitdirektor der Internationalen Bank von Luxemburg. Am 1. März 1859 errichtete er mit dem Bankier Leo Lippmann das Haus Lippmann, Rosenthal & Ko., das bald mit den ersten Firmen des Landes wetteiferte und namentlich für Russenwerte, ebenso wie das alte Bankhaus Hope, zur maßgebendsten Firma Hollands und zu einem Welthaus wurde. Rosenthal selbst hat sich überdies einen über Holland hinausgehenden Namen durch die Stiftung der Bibliotheca Rosenthaliana gemacht, die mehr als 8000 Werke jüdischer Literatur umfaßt. Diese kostbare Sammlung wurde der Universitätsbibliothek angegliedert und Rosenthal hat die nötigen Stiftungen gemacht, um für ihre sachgemäße Verwaltung zu sorgen. Große Summen hatte Rosenthal stets für wohltätige Werke bereit. Er hat für die Volksgegend Amsterdams eine mustergültige Schule ins Leben gerufen, die zur Aufnahme kleiner Kinder dient, deren Eltern den Tag über zur Arbeit gehen. Als portugiesischer Generalkonsul wurde er vom König von Portugal zum Baron gemacht. Er war als Konsul Doyen des Konsularkorps pon Amsterdam. Sein überaus schlagfertiger, ein wenig ironisierender Witz war bekannt. Seine Arbeitskraft schien unerschöpflich und bis vor kurzer Zeit noch war es stets der alte Herr, der als letzter noch zu später Abendstunde in den Bureaus zu arbeiten pflegte. Um 5 Uhr nachmittags hat er noch die letzten Firmenbriefe unterzeichnet und in der Nacht darauf ist er gestorben. Im Armen- und Fürsorgewesen Hollands ist durch seinen Tod eine große Lücke entstanden. Der jüdische Sekretär des türkischen Finanz- Ministers. Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, wurde der bekannte Vorkämpfer der türkischen Freiheitsbewegung Nissim Effendi Rousso, über dessen Ernennung zum Offizier der französischen Ehrenlegion wir erst kürzlich berichteten, zum Sekretär des Finanzministers ernannt. Neue Pogroms in Südrußland. Privatnachrichten, die aus Kiew nach Podwoloczyska gelangt sind, melden, daß in Kiew große Ausschreitungen gegen die Juden stattgefunden haben. In der Vorstadt Solomka, wo die Juden eng beisammen wohnen, hat das von den Revolutionsjahren her als „Huligans" bekannte Pogromgesindel besonders gewütet. Bewaffnete Banden durchzogen das Judenviertel, verwüsteten die jüdischen Wohn- und Geschäftshäuser und plünderten sie. Die Juden versteckten sich auf Dachböden und in Kellern; viele, die sich zur Wehr setzten, wurden erschossen, andere blutig geschlagen und lebensgefährlich verletzt. Selbst Frauen und Kinder wurden nicht geschont. Die Polizei sah den wüsten Ausschreitungen untätig zu. Die Zensur wird mit besonders großer Strenge gehandhabt, damit das Ausland nichts von den Vorgängen erfahre. Terminverlustrge Täuflinge. Aus Petersburg wird berichtet: Im verflossenen Monate hat die Taufbewegung unter der jüdischen Jugend Rußlands wieder größere Dimensionen angenommen. Der Grund für diese traurige Erscheinung liegt lediglich in der besonders strengen Handhabung der Gesetze über die Perzentnorm der jüdischen Schüler an den Mittel- und Hochschulen. In der Moskauer Universität allein haben 25 erst im vorigen Monate getaufte jüdische Hörer um Aufnahme angesucht. Nun meldet ein hiesiges Blatt, daß im Ministerium für Volksbildung ein neuer Erlaß vorbereitet werde, wonach nur jene Juden über das festgesetzte Maß in die Universitäten ausgenommen werden dürfen, welche bis spätestens 20. August 1909 die Taufe genommen haben. Diejenigen Juden hingegen, die sich nach diesem Termin taufen ließen, werden so behandelt, wie wenn sie noch Juden wären, und werden für's kommende Schuljahr keine Aufnahme in den Universitäten finden.

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