Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 667 Jabneh : an Stelle der Könige und Priester, Mitglieder des Synhedriums und Gelehrte. Das Heiligtum zu Jerusalem war das Symbol eines priest erlichen Judentums, der Talmud das des rabbinischeu Systems; der Prophetismus das einer fortschrittlichen Bewegung; Zion das eines politischen Judentums und Jabneh, das eines kulturellen Judentums. Rabbi Jochanan ben Zakkai verneinte nicht die andern Formen des Judentums, suchte aber in erster Reihe im Kulturellen die Rettung der Juden. Es ist hier nicht der Ort, ausführlich über den Jabnehismus zu verhandeln: es genügt, festzustellen, daß der Jabnehismus das Kulturelle betont und dadurch die Kluft zwischen den verschiedenen Judengruppen zu überbrücken sucht. Ein spezifisch jüdisches Kulturmoment geben auch die Bundisten zu, welche neben ihren Interessen als Russen oder Polen, als Sozialdemokraten und Arbeiter, auch für die jüdische Kultur Fürsorge treffen wollen. Freilich, die Fanatiker unter den alten und neuen Orthodoxen, die Chauvinisten unter den Nationaljuden und die Ultraassimilanten kommen bei der Kombination einer Union Israels nicht in Betracht. Fanatiker leben im Zauberschlosse ihrer Fantasie oder in einer fetischistischen Tradition.. Die Chauvinisten sind entweder bedauernswerte Illusionisten oder gefährliche Reaktionäre. Die Ultraassimilanten sind für uns verloren: wir haben nur die Pflicht, die Gesunden vor Ansteckung durch die Kranken zu hüten. Außerhalb der alljüdischen Vereinigung bleiben auch diejenigen, welche nicht nur international, sondern auch antinational sind, die es nicht verstehen, ihr kosmopolitisches Ideal mit den aus den Wirklichkeitsverhältnissen resultierenden Pflichten in Einklang zu bringen, die infolge der großen Dimensionen der Wälder die Bäume von einander nicht unterscheiden können. Für alle anderen Kreise der Juden kann eine Iabnehakademie als Einigungspunkt dienen. Auch für die Orthodoxen, für welche das Rituelle von besonderer Wichtigkeit ist, hat das Kulturelle eine große Bedeutung. Unsere alte Kultur besitzt auch für die Reformierten, die vielfach der Mode des Tages huldigen, die Kraft der Verjüngung. Auch die gemäßig - ten Assimilanten geben zu, daß unsere Religion mehr Lehre als Glauben ist, nicht nur Kultus, sondern auch Kultur. Die Nationaljuden aller Schattierungen wissen, daß ohne Pflege der eigenen Kultur Nationalismus ein Unsinn ist, daß Zion ohne die Lehre Zions, ein jüdisches Territorium, das kein Territorium des Judentums ist, eine national-jüdische Partei, die nicht für das Judentum Partei nimmt, einen tragikomischen Eindruck machen müßten. Das kulturelle Element ist somit für die meisten Parteien in Israel ein gewichtiger Faktor und kann als 'Grundstein eines Einheitstempels im Judentums dienen. III. Die Mission einerKulturunion Israels. Häckel hat das Gesetz des Parallelismus in der Entwicklung des Individuums und der Art formuliert. Lilienfeld bedient sich dieses Gesetzes auch in der Soziologie. Was im Laufe der Zeiten nacheinander gewesen, ist in irgend welcher Form zu gleicher Zeit nebeneinander vorhanden. Dasselbe Gesetz wiederholt sich auch im Individuum. Wenn wir dieses Gesetz auf die Juden anwenden, können wir behaupten, daß die organische Einheit der verschiedenartigen Formen Israels in der Gegenwart zugleich ein Abbild unserer gesammten Geschichte enthält. Dem Gesetze des Parallelismus würde eine Organisation entsprechen, in welcher die mannigfachsten Formen Israels, welche die Jahrtausende gezeitigt, in einen umfassenden Rahmen gebracht werden. Während jetzt auf die einen der Geist der Propheten, auf die anderen die Mosaische Gesetzgebung wirkt: auf die einen die Vielseitigkeit des Talmuds und die Konsequenzstärke des Rabbinismus, auf die anderen der Rationalismus unserer Philosophen oder der Gefühlsreichtum der Mystiker, auf die einen die Natürlichkeit unserer Ethik, auf die andern die Idealität unserer Literatur, sind all' diese Momente Bestandteile der Einheit Israels. Die Geschichts k r i t i k entscheidet sich für die Priester oder für die Propheten, für die Hellenisten oder für die Chassidäer, für die Pharisäer oder für die Sadduzäer, für die Zeloten oder für bjie Friedenspartei^ für die Schule Hillels oder für die Schammais, für die Rabbaniten oder für die Karäer, für die Anhänger des Maimonides, oder für dessen Gegner, für die Kabbalisten oder für die Nationalisten, für die Chassidlm oder für die Mithnagdim, für die Reformierten oder für die Orthodoxen, für die Assimilanten oder für die Nationalisten. Die Wissenschaft des Judentums wird sich mit all' diesen Parteien und Gruppen in gleicher Liebe zur Wahrheit befassen. Mit einem Worte, die Mission einer Kulturunion aller Juden entspricht einer Vereinigung aller Geschichtsepochen Israels. Der Charakter der Iabnehakademie. Die geschilderte Mission einer Kulturunion soll durch eine allisraelitische Akademie vollbracht werden. Auch andere Akademien haben einen Vereinigungszweck. So hat z. B. die rumänische Akademie die Tendenz, alle Zweige des in verschiedenen Staaten lebenden rumänischen Volkes geistig, sprachlich und literarisch zu vereinigen. Selbstredend wird eine jüdische Akademie eine Akademie 8ni Z6N6ii8 sein, da Israel ein Volk 8ni <reneri8 ist — eine originelle Mischung von Konfession. Nationalität und Kultur. Wir bilden eine Konfession. ohne bindende Dogmen, eine Religion, bei der der eigentliche Glaube in zweiter Reihe steht, eine Nationalität, die ihr geschichtliches Territorium — politisch nicht besitzt, eine Kultur, die in verschiedenen Sprachen zum Ausdrucke gelangt. Wir sind ethnisch ein Volk und ethisch in mancher Beziehung eine internationale Gesellschaft Alle auf unseren Stamm angewandten Bezeichnungen haben einen relativen Wert, da sie nicht ganz dem eigenartigen Wesen Israels entsprechen. Auch die Institution, die wir vorschlagen, muß ein eigentümliches Gepräge haben, ein Abbild des Israels der Vergangenheit, ein Ebenbild des gegenwärtigen Israel und ein Vorbild für das Israel der Zukunft sein. Eine moderne Synagoga magna. Der Titel Synagoga magna wäre wohl zur Bezeichnung der Institution, die wir vorgeschlagen, geeignet: wir wählen jedoch die Benennung Akademie, die zugleich das Kulturelle und das Moderne zu betonen vermag. Unter Akademie versieht man vielerlei. Angegangen von der Platonischen Akademie kennt die Geschichte im Altertum 5 Akademien. Wenn wir das Museum zu Alerandien, die Akademie zu Rom, die aas der Renaissance-Epoche, das Institut de France und die übrigen jetzt bestehenden Akademien in Betracht ziehen, so können wir die verschiedenartigsten Formen von Akademien konstatieren. In der Gegenwart verstehen wir unter Akademie entweder eine hervorragende Gelehrtengesellschaft im Dienste der Forschung oder eine Hochsuchle für ein bestimmtes Gebiet des Wissens und Könnens. Die Iabnehakademie soll eine Gelehrtengesellschaft sein — zur Förderung verschiedener Zwecke unseres Geisteslebens: sie soll keine Hochschule sein, aber eine Gesellschaft, welche an die „traditionelle" Synagoga magna erinnern, ihr allneuer Charakter und alljüdisches Wesen ist im Hinweis auf Jabneh angedeutet. (Fortsetzung folgt.)