Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 665 erwähltheit Israels für den göttlichen Dienst durch den messianischen Gedanken erläutern und verbessern. Wir zitieren oben den Satz: „Liebe Deinen Nächsten (Reacho) wie Dich selbst." Unter dem Nächsten, dem Rea, ist nicht nur der Glaubensgenoffe, sondern auch der Bolksfremde, der Andersgläubige zu verstehen; heißt es doch beispielsweise in Levit. 19, 33 : „Wenn ein Fremdling bei Dir in Eurem Lande wohnen wird, den sollt Ihr nicht drücken. Wie der Eingeborne unter Euch, sei auch der Fremdling, der bei Euch weilet, und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst; denn Ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Egypten. Ich bin der Herr Euer Gott" und ebenso in Deuteronom. 10, 19 : „Wie ein Einheimischer soll Dir der Fremde sein, Du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn auch Ihr seid Fremdlinge gewesen in Egypten." Und da alle guten Dinge drei find, so sei noch angeführt die wunderbare, den Fremden zur vollen Teilnahme an der ethischen Gesamtheit berufende Stelle: „O, Gemeinde! Eine Satzung sei Euch und dem Fremdling! Eine ewige Satzung soll dies Eueren nachkommenden Geschlechtern sein: daß vor dem Ewigen der Fremdling seid wie Ihr. Einerlei Gesetz und einerlei Recht soll Euch sein und dem Fremdling, der unter Euch wohnt." (4. B. M. 15, 15 ff). Vor Gott gibt es eben keinen „Fremdling". Ja, die heilige Schrift geht noch weiter. Der große, gewaltige, unvergleichliche Künstler, der einen armen Hirtenstamm nahm und daraus ein den Jahrhunderten und Jahrtausenden trotzendes Volk, ein Volk Gottes schuf, das allen anderen Völkern als Muster, ja, der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte — Moses, der Schöpfer Israels, stellt bei der Aufzählung derjenigen, denen liebevolle Fürsorge erwiesen werden soll, immer den Fremden der Waise und der Witwe voran; bis auf ein einziges Mal nennt er ihn unmittelbar nach dem befitzlosen, gottgeweihten Leviten und vor den des Schutzes und der Wohltat Bedürftigen Israels. Der Monotheismus des Judentums charakterifiert fich darnach ebenso prägnant als deutlich durch häufige, genaue und eindringliche Bezugnahme auf die Fremden. Gott führt den Titel des „Freundes der Fremdlinge". Der Gedanke, Gott liebe die Fremdlinge (Deuteronom. 10, 18), verbindet den Gedanken, mit dem der Beruf Israels anfängt, den Gedanken der Erwählung, mit demjenigen Gedanken, mit welchem der Beruf Israels abschließt, mit dem Gedanken der meffianischen Einheit des Menschengeschlechtes. Beide Begriffe hat das Judentum erfunden, nicht bloß den einen. In prägnantester Weise äußert fich der jüdische Volksgeist in der von MoseS eingeführten theokratifchen Regierungsform, welche Jahrhunderte hindurch die einzige Grundlage der Staatsverfaffung war und blieb. Unter den natürlichen Folgen, welche fich aus dem theokratifchen Staatsrechte ergeben, steht die bürgerliche Gleichheit obenan; die Kaste ist unwiderruflich verurteilt; fie gehört dem Reiche der Unmöglichkeiten an. Bor Gott gibt es keinen Unterschied der Person; alle Israeliten, ob fie nun Häupter, Aelteste und Amtsleute oder Holzhauer und Wafferschöpfer find, find Abkömmlinge eine- Stammvaters, Mitglieder einer Famüie, sämtlich Erstgeborene und Auserkorene, Teilnehmer au dem Bunde und Bundesgesetze, durch das Gebot der Liebe verbrüdert. Damit Israel das Prinzip der vollkommenen Gleichheit aller anerkenne und würdige, mußte ein jeder, ob arm oder reich, zur Errichtung des ersten fichtbaren Heiligtums in der Wüste außer der freiwilligen Gabe noch einen halben Schekel als Opfergabe darbringen. „Der Reiche", heißt es im Exodus, „soll nicht mehr geben und der Arme nicht weniger als einen halben Schekel." Dies sollte zur Lehre dienen, daß das Wohl der Gesamtheit auf der Gleichheit der ethischen Persönlichkeit der Einzelnen beruhe und durch fie bedingt werde. Frei und ungehindert entfallen die Kinder Israels ihre Kräfte, Fähigketten und Eigenschaften auf dem Allen gemeinsamen Boden. Die Frauen machen keine Ausnahme hievon. Sie erfreuen fich im Gegensätze zu den Frauen aller anderen allen Völker der gleichen Selbstäudigkett und Wertschätzung wie die Männer. Die Bibel, die älteste Urkunde des Menschengeschlechtes, weist gleich auf den erste» Blättern dem Weibe die Stellung a», welche seiner psychischen Eigentümlichkeit und seiner Würde als Ebenbild Gottes entspricht; fie bezeichnet es als Männin, Jschoh, als Gehilfin, Beraterin und Ergänzung des Mannes, mit welchem eS in liebevoller ehelicher Gemeinschaft Lust und Leid des Lebens gemeinsam trägt und zu einem Wesen, zu einer moralischen Person verschmilzt, wohingegen die Apostel und die Kirchenväter die Ehe als ein notwendiges Uebel, als einen Notbehelf für die Befriedigung der Fleischeslust bettachten und fortwährend auf die Löblichkett und Seligkeit des Zölibats Hinweisen. Und kann es eine erhabenere, weihevollere Heiligung der Ehe geben als das von den Propheten öfter gebrauchte feinfinnige Bild, Gott habe fich Israel angettaut, indem er fich chm offenbarte? Die Frauen nehmen aber nicht nur in der Familie, sondern auch im öffentlichen Gottesdienste und unter dem Botte eine würdige, sogar ehrfurchtgebietende Stellung ein; liebliche Bestallen wetteifern mtt heldenmütigen Naturen um die Ehrenkrone; Mirjam und Deborah bieten eine glänzende Gewähr dafür, daß dem schönen Geschlechte der Lorbeer der Poefie nicht versagt ist; es kan« seine eigene Rechtssache führen und in wichtigen Angelegenheiten seine Meinung geltend machen; das jüdische Weib wird Richteriu und leitet die öffentlichen Geschäfte; in außerordentlichen Nöten tritt es als Prophetin auf mit lauter Rede, öffnet den Mund mtt Weisheit und bat anmutige Lehre auf der Zunge. Seine geistige Sphäre ist vom jüdischen Stamme nie engherzig und mit männlicher lleberhebung umschrieben und begrenzt worden. Die Priester ragten nicht aus der Menge hervor. Der Stamm Levi, deffen Elite fie waren, war nicht der erste unter den zwölf Stämmen, und die Sage weiß wenig von Levi, dem Sohne des Patriarchen Jakob, zu erzählen. Die Priester besorgten die Geschäfte des Gottesdienstes, übten aber auf das bürgerliche und politische Leben keinen Einfluß aus, zumal fie nicht als Vermittler zwischen Gott und Menschen, geschweige denn als Stellvertreter Gottes auf Erden betrachtet wurden. Jeder Israelit brachte sein Opfer selbst dar oder konnte nach Belieben auf eigene Kosten für kürzere oder längere Zett einen Priester herbeirufen und im Hanse behalten. Eine organifierte Priesterschast, ein geistlicher Stand bildete fich erst nach dem Tempelbau, als durch die Krone dem Gottesdienste ein offizieller Charakter ausgeprägt wurde. Gerade zu dieser Zett traten aber, um das Gleichgewicht herzustellen, die Propheten auf. Sie erhoben fich mitten aus dem Volke, um als Dolmetsche und Organe des lebendigen Gewiffens der Gesamtheit die Volksstimme zur Gottesstimme zu adelu. Sie waren die echten, berufenen Vollstrecker des heiligen Gebotes von der Bekehrung aller Juden zu einem heiligen Votte und einem Priesterreiche. Ihre Tätigkeit findet kein Seitenstück in der ganzen Wellgefchichte. Ohne ein öffentliches Amt zu bekleiden, nur dem Drange ihrer inneren Stimme gehorchend, waren fie Erzieher, Lehrer und Mahner des Volkes, deffen Heil ihre ganze Seele ausfüllte. Aus dieser ihrer inneren Mission heraus schöpften fie den unvergleichlichen Mut, den Königen und den Priestern, den Hofleuten, den Reichen und den Vornehmen, aber auch der großen Masse des Volles mtt unbeugsamer Wahrhaftigkeit und rücksichtsloser Offenheit gegenüberzuttetev. Aus des Bottes Bedürftigkeit in ihrer Zeit stammte ihr Wollen und Wirk»; aber zeitlos war ihr Geist geartet, zeitlos war ihr tieftes Wesen. Der Milttarismus konnte schon deshalb im Judentume nicht austommen, weil es den Krieg verabscheute und stetals ein schweres Unglück bettachtete. Nach den ersten Kriegen» die Israel hatte führen müssen, um fich ein Vaterland zu erwerben, kämpfte es nur noch, wenn es herausgefordert und bedroht wurde und wenn es galt, seinen Glauben zu verteidigen. ES pflegte denjenigen einen Helden zu nennen, welcher die moralische Macht besaß, den Sieg über seine Neigungen zu erringen und nicht nur pflichtgemäß, sondern auch aus Pflicht zu handeln. Das höchste Ideal seiner Propheten und sein tägliches Gebet war und ist noch heute, daß der Tag anbreche, an dem der Krieg von der Erde verschwinde, die Schwerter zu Sicheln, die Spieße zu Winzermessern geschmiedet werden, die Gerechttgkeit