Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 664 Dr. Blochs Wochenschrift. Sir. 39 die Hauptstadt Judäas allein, sondern fast der ganzen Welt", oder (de mon. p. 821): „Es gibt nur einen Gott und deshalb nur einen Tempel". Als später dieser Mittelpunkt zerfiel, nachdem Jerusalem durch Titus zerstört, durch Hadrian in eine römische Militärkolonie umgewandelt, durch Konstantin endlich zur heiligen Stadt der Christenheit erhoben worden war, vereinigten sich die Israeliten in dem felsenfesten Glauben an den Gott der Gnade und des Erbarmens, in der Hingabe an die Bibel, welche das Buch der Bücher, das Buch der ganzen Welt, der Geistes- und Sittlichkeit-quell der gesamten zivilisierten Menschheit geworden ist, und in den von einem entschiedenen Altruismus getragenen, lediglich von der Rücksicht auf das Gemeinwohl eingegebenen Gebeten, welche durchwegs auf den Akkord gestimmt find: „Herr, erhöre unsere Stimme, sei schonend, milde und barmherzig gegen u n s". Sie fanden überdies ein neues Einigungsband in dem Verstand und Gemüt speisenden Talmud, welcher die genaueste Erläuterung des Gesetzes für alle möglichen Einzelheiten von Lehre, Leben und Glauben in sich faßt. Und — last not least — waren sie von der Hoffnung auf die zukünftige Einheit des Menschengeschlechtes in der Gotteserkenntnis, die Jesaias so idyllisch ausgemalt hat, beseelt. Sie verrichteten rastlose Arbeit im Dienste der Verwirklichung der meffianischen Idee, welche die reifste und reichste Frucht ihrer Kultur, die kostbarste Perle an der Krone ihrer Verdienste ist. Wie kleinlich und dürftig nehmen sich neben der Proklamation der Gotteskindschaft aller Menschen und der meffianischen Idee die von den militärischen Weltreichen dem Einheits- und Gleichheitsprinzipe geleisteten Dienste aus! In Asten erreichte das System der Weltherrschaft seine Mittagshöhe durch Persien, das seine Arme über drei Weltteile ausbreitete. Aber ebenso wenig als Egypten, Babylonien, Assyrien und Medien gelang es Perfien, die innere Kraft mit der äußeren Macht ins Gleichgewicht zu bringen; es verstand meisterhaft die große Kunst des Siegens und des Eroberns, nicht die noch größere des Regierens und Organisierens. Der Militärdespotismus suchte ausschließlich sein höchstes Ziel in physischer und numerischer Ueberlegenheit und unterlag daher einem einzigen wohlgeführten Stoße. Unter den Flügeln Mazedoniens wurden in noch größerem Umfange und mit noch dauerhafteren Folgen Orient und Okzident zu einem Ganzen verbunden, durch den belebenden Einfluß der griechischen Staatsprinzipien, der griechischen Kunst und Wiffenschast die Kluft zwischen den Nationen der damaligen Welt ausgefüllt. Von weit größerer Bedeutung, als das griechischmazedonische Reich für den Orient gewesen war, wurde für den Okzident das römische, indem das System der Weltherrschaft fich zum höchsten Gipfel der Vollkommenheit, deren es fähig war, emporrang. Das römische Reich ruhte auf der Grundlage tief durchdachter Politik, daher sein Umfang, seine Kraftfülle und Dauer, welche ihresgleichen nicht haben; es gelang ihm unübertrefflich, die unterjochten Völker als Glieder eines fest abgeschloffenen Staatsorganismus zu vereinigen, sie zu derselben Kulturstufe zu erheben, in ein befreundetes Verhältnis zu einander zu bringen, durch das Band gleicher Sprache, gleichen Rechtes und Gesetzes zu umspannen und zugleich die allerorten zerstreuten Elemente menschlicher Geistesentwicklung in seinem Schoße zu sammeln und zu einem unvergänglichen Erbteil für die nachfolgenden Geschlechter zu verarbeiten. Das war eine Einheit, eine Gleichheit, eine Gemeinschaft, wie fie die Welt noch nie zuvor in solchem Maße und in solcher Ausdehnung gesehen hatte. Allein das stolze Gebäude, welches nach Jahrhunderten und abermals Jahrhunderten harter Arbeit bis zur Zinne vollendet war, zerfiel in Trümmer und mußte mit Notwendigkeit in Trümmer zerfallen. An der politischen Einheit und Gleichheit haftete nämlich von Anfang an ein organisches Gebrechen; fie vernichtete unwiderruflich das teure Kleinod der politischen und nationalen Freiheit. Nachdem sie ihre Aufgabe rühmlichst gelöst und fich selber demzufolge überlebt hatte, räumte fie das Feld, um einer Einheit von höherem Werte Platz zu machen, welche von Haus aus auf rein sittlicher Grundlage fußt. Den neuen Bedürfniffen entsprechend, trat das Christentum auf die Weltbühne, um ein internationales Band um die verschiedenartigsten Völker zu schlingen, wie sehr fie auch sonst einander widerstreben mochten. Ist die Urgeschichte des Christentums aber im Grunde genommen etwas anderes als wesentlich die Geschichte des Judentums? Liegt das Geheimnis seines Werdens nicht in den heiligen Büchern enthüllt vor uns? Ist die Welt nicht jüdisch geworden, indem fie sich zu den Gesetzen der Demut, Milde und Menschlichkeit bekehrte, welche von Jesus und seinen Jüngern gepredigt wurden? Lehrt Jesus etwas anderes als die mit Moses, dem größten Lehrer der Menschheit, eröffnete stattliche Reihe der Gottesmänner, die in schön gestimmter, harmonischer Menschlichkeit eine im Geiste und Gemüt lebendige Religion verkündeten, deren Leitmotiv sich in Goethes Versen: „Es reget fich die Menschenliebe, Die Liebe Gottes regt sich um." klar spiegelt? Es sei mir gestattet, als klassischen Zeugen hiefür L e s s i n g anzuführen, der dem Klosterbruder die Worte in den Mund legt: * „Nathan! Nathan! Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein beff'rer Christ war nie!" und den Angesprochenen hierauf antworten läßt: „. . . . Wohl uns! Denn was Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir Zum Juden!" Der mitten in den politischen Wirren, den entsetzlichen religiösen Verirrungen und der sittlichen Fäulnis ertönende Weckruf des Jesaias (49, 1, 6), der jüdische Gott sei kein nationaler, sondern ein internationaler Gott, Israel solle nicht allein zur Errichtung des Gottesreiches auf Erden erzogen werden, sondern durch Israel alle Völker, — die von dem verzückten Seher verkünoeten Worte: „Höret, ihr Inseln, auf mich, und horchet auf, ihr Völker in der Ferne! . . . . . Gott spricht: es ist zu gering, daß Du mein Diener seiest, aufzurichten die Stämme Jakobs und die Geretteten Israels zurückzuführen; ich mache Dich zum Lichte der Völker, daß mein Heil reiche bis zum Ende der Erde" haben fich glänzend bewahrheitet, denn die Anfänge des Christentums muffen mindestens 750 Jahre vor Christi Geburt in die Epoche verlegt werden, in welcher die gottbegnadeten und gottinnigen Propheten durch Vertiefung und Verinnerlichung der mosaischen Lehre ihr das Schicksal des Vogels Phönix bereiteten, fie zur universalen, die ganze Menschheit umfassenden Ethik abklärten. Ihr unvergleichliches Verdienst ist es, daß dem Judentum nach langwierigen Kämpfen gegen den rohen, grobfinnlichen, selbstischen Naturalismus, welcher Gott zu einem nationalen Schutzgotte herabwürdigte, der nach dem Muster aller anderen Nationalgötter sein Volk, den Klienten, nach Belieben schirmt oder verwirft und danach die Gewogenheit seiner Verehrer gewinnt oder verscherzt, der strenge Monotheismus sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen war, daß es sich endgültig zu dem einig einzigen, unsichtbaren, übersinnlichen Gott bekannt hat, welcher aus Liebe die Welt geschaffen und die reine, lautere Religion geoffenbart hat, in deren Mittelpunkt die goldenen Lehren: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" und: „Was Du nicht willst, daß man Dir tue, das tue auch einem Anderen nicht" prangen. Es klingt fürwahr wie Sphärenharmonie, wenn die Propheten ihrem Volke zu bedenken geben, daß der wahre Gottesdienst durchaus nicht etwa in äußeren Zeremonien, sondern in der Läuterung des inneren Menschen, in der religiösen Gesinnung und sittlichen Tat besteht, daß der Buchstabe tötet und der Geist belebt; wenn fie, entflammt vom heiligen Feuereifer, den nationalen Opferkultus herabsetzen, das „Bethaus für alle Völker" predigen, in der Darstellung ihrer Berufung fich als Propheten nicht „für Israel allein", sondern „für alle Völker" bezeichnen (Jerem. 1, 5), mit einem Worte den Gedanken des nationalen Pathos von der Aus-