Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 663 Klüten de» antisemitischen Regime» in Oesterreich. Das „Forum" publiziert in der letzten Nummer über die derzeitige Wirtschaft in Oesterreich nachstehenden Artikel unter der Überschrift: Siaatsbahnbankeroti! Gleichwie die Rechnungsabschlüsse der Aktiengesellschaften, der grossen Bankhäuser, der bedeutendsten Handels-, Industrie- und Verkehrsuuternehmungen wurden bisher auch die Ergebnisse der Staatsbahnverwaltung im Frühjahre publiziert. Diesmal aber hat der junge Lenz den Rechenschaftsbericht der Staatsbahnen nicht erblickt. Und erst jetzt, wo die Tage bedenklich kürzer werden, die Blätter eine gelbe Färbung erhalten und das Jahr eilenden Schrittes seinem Ende entgegengeht, erst jetzt ist uns das langersehnte Operat des kaiserlich königlichen Eisenbahnministeriums zu Gesicht gekommen. Man scheute sich offenbar, die Wahrheit, die traurige Wahrheit zu verkünden, man suchte wohl, wie das Glück auch die Zahlen zu korrigieren. Das Defizit der Staatsbahnen hat sich, trotz der normalen Zunahme des Verkehres, trotz der befriedigenden Steigerung der Einnahmen gegenüber dem vorhergehenden Jahre um 22 Millionen erhöht. Das gesamte Defizit im Jahre 1908 beträgt 78 Millionen Kronen. Achtundsiebzig Millionen müssen aus den schwer herausgezogenen Steuergeldern auf die Verwaltung der Staatsbahnen in einem Jahre darauf gezahlt werden. Man bedenke nur, was das zu bedeuten hat! Die Südbahn, die armselige Südbahn, die ihren Aktionären seit Jahren keinen Deut an Dividenden entrichtet, ist gegenüber den k. k. Staatsbahnen ein Heros an geordneter Wirtschaftlührung, ein Krösus, ein Nabob an Geschäftsüberschüssen. Es gibt auch anderwärts schlecht situierte Eisenbahnen; aber ein solches Defizit hat keine andere Eisenbahn aufzuweisen. Es gibt keine andere Bahn der Welt (weder eine Staatsbahn, noch eine Privatbahn), die so passiv, so bankerott wäre, wie die k. k. österreichischen Staatsbahnen. Auf diesem Gebiete sind wir tonangebend, sind wir unerreichte Meister! Und wenn ein Umstand dieses erhebende Gefühl zu steigern berufen wäre, so ist es die Tatsache, dass die österreichische Staatsbahnverwaltung auf diesen bewundernswerten Grad der Passivität auch eine der reichsten Bahnen der Welt herabzudrücken befähigt war. Wir sprechen natürlich von den verstaatlichten Linien der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, die seit ihrem Bestehen, so lange sie von einer privaten Gesellschaft betrieben wurde, wahre Ströme von Gold in die Taschen der Aktionäre zu leiten wusste, die das Ideal einer rentablen Bahn war, das Kronjuwel im Reiche Rothschilds. Im ersten Jahre staatlicher Betriebsführung (im Jahre 1907) waren noch die Grundsätze privaten Bahnbetriebes in Geltung; die Nordbahn warf dem Staate einen Reingewinn von 18 Millionen Kronen ab. Ein Jahr darauf ist, trotz der Steigerung der Einnahmen, der Reingewinn auf — 4 Millionen Kronen herabgeschmolzen, und heuer dürfte die Nordbahn schon passiv sein. Wenige Jahre genügen der staatlichen Verwaltung, um ein Defizit herauszubringen aus der Nord bahn, dar Kaiser Ferdinands-Nordbahn, einer der ältesten, der rentabelsten, der reichsten Bahnen der Welt! Kann das Unvermögen der österreichischen Staatsbahnverwaltung besser, prägnanter, treffender dargelegt werden? Und wie könnte es auch anders sein. Zu der Trauermelodie der Staatsbahnbilanz geben die in der letzten Woche verkündeten Ernennungen leitender Staatsbahnfunktionäre ein würdiges Accompagnement. Greifen wir uns aus dem vollen Beamtenleben einige Beispiele heraus : Geutebrück, Aurednicek* Trnka. Zum Direktor der verstaatlichen Nordwestbahn wurde Ministerialrat Dr. Geutebrück (ein Mann Mitte der Vierziger) ernannt. Die Zeitungen beschreiben seinen Lebenslauf, sie sagen, wann er ins Eisenbahnministerium gekommen, wann er Präsidialchef geworden ist. Aber sie sagen nicht, dass er, ein Grazer, bloss deshalb — von einer Privatbahn! — ins Eisenbahnministerium berufen wurde, weil damals ebenfalls ein Grazer, Graf Gleispacb, Justizminister war und sich für ihn eingesetzt hatte; sie sagen nicht, dass er bloss deshalb Präsidialchef wurde, weil damals ebenfalls ein Grazer, sein Duzfreund und Kommilitone: Derschatta, Eisenbahnminister war. Und jetzt ist er wieder hloss deshalb Direktor der Nordwestbahn geworden, weil es — znm Unterschiede von allen anderen Ministerien Oesterreichs — im Eisenbahnministerium zur süssen Gewohnheit des Daseins geworden ist, dass sich die Herren Präsidialisten die fettesten Posten zuschanzen. Dass Geutebrück mit den alpenländischen deutschen Abgeordneten nach seinen Antezedentien in guter Fühlung ist, dass ihn, den pauschal- und freikartengebenden Präsidialchef ausser Dienst, die Presse über den grünen Klee lobt, darf wohl nicht wundernehmen. Geutebrück ist nicht auf Grund seines Wissens, nicht auf Grund seiner fachlichen Tüchtigkeit und Befähigung, sondern lediglich und ausschliesslich dank seiner früheren und jetzigen Beziehungen Direktor geworden. Alle sachlichen Momente standen (wenn sie überhaupt in Frage kamen) in zweiter, dritter, zehnter Reihe. Trnka. Ein Mann in den Dreissigern. Also ein junger Mann: schon Hofrat, schon Direktor der verstaatlichten Linien der Staatseisenbahn-Gesellschaft! Warum? Auch er war im Präsidialbnreau tätig, auch er steht mit den Zeitungen auf gutem Fusse. Aber selbst die sind trotz dem besten Willen nicht in der Lage, auch nur eine rühmliche Tatsache aus dem Leben des so j ungen Hofrates hervorzuheben. Er ist Techniker, aber von seiner technischen Qualifikation weiss kein Lied, kein Heldenbuch. Auf diesem, gleichwie auf administrativem Gebiete ist er von rührender Unschuld, von naivster Un—hefangenheit. Deshalb schweigen darüber die gönnerhaft seine kurze Lebensbahn beschreibenden Blätter, denen sonst genügend biographisches Material zur Verfügung steht, wenn ein angesehener Universitätsprofessor, ein anerkannter Gelehrter, ein hervorragender Richter am Schlüsse seines mühevollen Lebens den Hofratstitel und -Charakter erlangt. Ueber den schneidig-eleganten, glänzend böhmakelnden jungen Trnka schweigen sie und könnten doch leicht wenigstens ein unschätzbares Verdienst in'seinemLeben herausstreichen, die Tatsache nämlich, dass Trnka der Schwiegersohn des Leibarztes des Kaisers ist, des wohlbekannten Dr. Kerzl. Und noch ein Posten wurde vergeben, der eines Direktor- Stellvertreters in Triest. Den erhielt Dr. Aurednicek, ebenfalls ein Mann Ende der Dreissiger, Sekretär im Eisenbahministerium. Warum? Weil Dr. Aurednicek, der schon zum Staatsbahndirektor in Pilsen ausersehen ist, ausgezeichnete Verbindungen zum Cesky- Klub hat. Es wurde seitens der Herren Tschechen als nationale Ehrensache angesehen, ihn zu protegieren, weil ein Hintermann von ihm, ein Germane, dank seinen parlamentarischen Beziehungen einen — Orden erlangt hat. Nach den fachlichen Fähigkeiten des einen oder des anderen wurde selbstverständlich nicht gefragt. Hie Orden — hie Posten, hie Teutscher, hie Libussas Sohn! Alles Uebrige — Larifari. Auch kümmerte man sich nicht um das Pfeifen der Spatzen auf den Dächern, die uns von dem enormen, in die Hunderttausende gehenden Schuldenstand des jungen Direktor-Stellvertreters, eines Freundes der Damen und des moussierenden französischen Weines, zwitschernd Nachricht geben. Man kann wohl insolvent und trotzdem ein grosser Nationalökonom sein. Man kennt ja die Schicksale unseres Lorenz von Stein. Aber zur wirtschaftlichen Leitung eines kaufmännischen Unternehmens dünkt uns wohl der nicht am besten geeignet, der nicht einmal seinen kleinen Haushalt zu leiten versteht, der seinen Sachen negligentissime versteht. Freunde von Parlamentariern und Ministern, Schwiegersöhne von Leihärzten, Proteges einflussreicher Kokotten, Verwandte von Maitressen sehr, sehr hoher Herren — die finden schöne Stellungen und reichliches Brot in den Gefilden des staatlichen Flügelrades. Sind jetzt Herren dort, wo früher die tüchtigsten Finanzleute, die geriebensten Fachmänner — Grimburg, Jeiteles, Taussig — zu gebieten hatten. „Der lausigste Lump von der Normandie wird Lord in dem Reiche der Briten.“ Ist es da verwunderlich, dass die Staatsbahnen passiv sind, dass sie eine vollkommene Der oute der österreichischen Finanzen herbeifübren werden, dass von einem Staatsbahnbankerott gesprochen werden muss? Dr. Josef v. J a e g e r. Grnndtegende Ideen des Indentnm». Vortrag gehalten im „Verein zur Abwehr des Antisemitismuszu Wien am 19. Mai 1909. Von Bibliothekar Dr. Bernhard Münz. (Schluß.) Unter den Völkern, welche im Lause der Jahrhunderte das Ihrige zur Erreichung dieses erhabenen Zieles beigetragen haben, stehen die Israeliten in vorderster Reihe. Durch fie erhielt das große Prinzip der Einheit und Gleichheit zu allererst eine mächtige religiös-sittliche Grundlage, welche durch keine Spaltung oder Trennung je untergraben werden konnte. Trotz aller Zerstreuung war und blieb für jeden Israeliten, wo immer er sich aus der weiten Welt befinden mochte, der Tempel in Jerusalem das einzig wahre, über alles teure Heiligtum. Dorthin strömten dreimal im Jahre Wallfahrer von nah und fern zur Feier der großen Jahresfeste zusammen. Die Tempelstener wurde aus allen Ländern gewifserhaster als später der Peterspfennig eingebracht. Auf der Insel Kos erbeutete einstmals nach der Angabe des Josephus Flavins (Antiq. Jud. XIV. 12) der pontische König Mithradates eine zu diesem Zwecke bestimmte Summe von 800 Talenten. Ohne Uebertreibung konnte daher Philo (ad. Gai. p. 587) rühmend sagen: „Jerusalem ist nicht