Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 662 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 39 das Leben zu fristen, dann nahm er Unterricht bei Märtel und anderen ersten Mitgliedern der Comedie Frantzaise und warf sich mit so außerordentlichem Elfer und unermüdlichem Fleiß auf das Studium der französischen Sprach-', daß er es in ganz kurzer Zeit dahin brachte, selbst Unterricht in der französischen Sprache erteilen zu können. Was er tagsüber selbst gelernt, das lehrte er am Abend ferne Schüler; ja er beherrschte das ihm bisher fremde Idiom so meisterhaft, daß er sogar französischen Dialekt zu sprechen vermochte. Da unternahm er es 1867, in einer öffentlichen Akademie vor dem Pariser Publikum, (im salle üsrr) Gedichte und Monologe aus französischen Klaff kern vorzutragen. Er sprach ein „proverbe" von Muffet, das unter dem Titel „Zwischen Tür und Angel", von Lilli Lauser übersetzt, seinerzeit am Burgtheater zur Aufführung gelangte, ferner: „La bailade du desespere" von Murger, Szenen aus „Andromache" von Racine und zum Schluß spielte er im Kostüm eines Mönches Lamartines „Jocelin". Das Wagnis gelang über alles Erwarten. Publikum und Kritik konstatierten einen großen Erfolg. So schrieb unter anderen der berühmte Kritiker Jules Janin damals, Strakosch hätte „mit deutschem Herzen und französischen Lippen gesprochen", und auch Heinrich Laube, der den Vortrag anhörte, berichtete in Worten größten Lobes über den sensationellen Erfolg in den Wiener Zeitungen, ja man bot Strakosch sogar sofort ein Engagement für tragische Liebhaber ans Odeontheater. Der Künstler zog es jedoch vor, vorläufig nach Wien zurückzukehren und sich auszuruhen. Da erkrankte er nicht unbedenklich an einer Sehnenscheidenentzündung eines Fingers, die Heilung schritt nur langsam vorwärts und da eine Lähmung der Hand zu befürchten war, mußte er fünf Jahre den Arm in der Schlinge tragen. Damit hatte - nun allerdings seine schauspielerische Laufbahn für alle Zeit ihr Ende erreicht. Er wollte nach Paris zurück, allein Laube, der ihn mittlerweile schätzen gelernt hatte, ihm ganz außerordentlich gewogen war und es auch bis zu seinem Tode blieb, veranlaßte ihn, seinen Reiseplan aufzugeben und engagierte ihn, da er es für besonders vorteilhaft hielt, daß ein deutscher Schauspieler, der die ganze französische Vortragsschule systematisch durchqemacht hat", als Vortragsmeister für das Leipziger Stadttheater, dessen Leitung Laube im Jahre 1868 übernommen hatte, gewonnen werde. Strakosch blieb sein treuer Adlatus, sein hingebender, pflichteifrigster Mitarbeiter und folgte ihm auch 1872 ans Wiener Stadttheater, für welches er ohne Agenten fast alle Mitglieder engagierte, zu diesem Zwecke sämtliche deutsche Hof- und Privatdübnen bereiste und zuweilen, wo es nötig schien, Schauspielern den grundlegenden Sprechunterricht erteilte. Dreimal übernahm Laube die Direktion des Stadttheaters und dreimal schied er aus derselben, und ebenso oft folste ihm Strakosch nach. Nach dem dritten Male (18801 unternahm er seine großen Rezitationsreisen, die ihn durch die aanze Welt führten. (Oesterreich-Ungarn, Deutschland, Rußland. England, Holland, Italien. Türkei, 1887 und 1888 Amerika.) Ueberall riß er durch die Schönheit der Aussprache, den höchst rhythmischen Wohlklang, die strengste Behandlung des Verses, durch die Kunst, das Charakteristische einer Dichtung im weitesten Sinne des Worte« zu erfaffen und in die Plastik des Wortes zu übertragen, zu stürmischem Beifall hin. Erwähnung verdient auch seine meisterliche Behandlung der Geste, die den ehemaligen Schauspieler nicht verrleugnet und deren Anwendung beim dramatischen Vortrag er bekanntlich zum erstenmal öffentlich wagte. Zu seinen berühmtesten Vortragsstücken zählten: „Die Turmszene aus den Räubern", „Der Reichstag" in „Demetrius", „Die große Forumszene" aus „Julius Cäsar", „Die Fluchtszene" aus „König Lear", „Uriel Acosta" und von lyrischen Gedichten namentlich „Die Wallfahrt nach Kevlaar". Strakosch, der auch wiederholt zu Vortragsabenden im Kreise der Familie des kaiserlichen österreichischen Hofes (1892), sowie des Zaren, geladen wurde, wurde 1868 zum Professor an der Akademie der Tonkunst in München ernannt, wo es ihm gleichzeitig oblag, junge Talente am Hoftheater künstlerisch zu bilden. Er schied jedoch 1890 aus dieser Stellung, um ei'rem Rul an das Hofburgtheater Folge zu leisten, wo er bis 1898 verblieb, und zweimal im Jahre dazu ausersehen war, auf seinen Rezititionsreisen Talente fürs Burgtheater zu erwerben. Auch war er berett, begabte junge Künstler, die der Direk or gefördert wissen wollte, in der Sprechkunst zu unterweisen. Strakoich, dieser hervorragende Meister der Rezitation, deffen Name als Rhetor in der alten und neuen Welt den besten Klang hat, wirkte auch 1898 bis 1902 als Vortragsmeister am Deutschen Volkstheater in Wien. Seine erste Frau war die Schauspielerin Toni Fürst, geboren 1852 in Wien, gestorben 1873. Am Leipziger Stadttheater wirkte sie als Vertreterin des naiven Liebhaberfaches und zeugten Leistungen wie: Rcn6 („Wildfeuer"), Hermance („Kind des Glücks"), Alice („Spiele nicht mit Feuer") rc. von ihrem großen Talent. Seine zweite Frau Anna Fuchs heiratete in zweiter Ehe den Dichter Gustav Freytag. Seine dritte Frau war Ortrud Menzel aus Leubau in Preußisch- Schlesien. Vor kaum vier Wochen hatte er zum viertenmal geheiratet. Und zwar Leopoldine Konstanten, ein Mitglied der Reinhardtschen Bühne. Aus Berlin, 20. d. M., wird gemeldet: Die Beerdigung Alexander Strakosch' fand heute nachmittags auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee statt. Zahlreiche Freunde umstanden die Bahre, namentlich stark war die Beteiligung der Theaterkreise; das Wiener Burgtheater und das Wiener Volkstheoter entsendeten besondere Deputationen mit Kränzen. Der abwesende Direktor Max Reinhardt lieb durch seine Ellern einen Kranz niederlegen. Rabbiner Dr. Weisse hiell eine kurze Gedächtnisrede. Dann sprachen Felix Holländer namens der Direktion des Deutschen Theaters, Dr. Emil Milan namens der Regisseure und Schauspieler und Dr. Paul Legbrand namens der Lehrer und Schüler der Reinhardtschen Schauspielschule, deren Hauptstütze Strakosch war. Die Entstehungsgeschichte des Kol Nidre. Sehr geehrter Herr Redakteur! Von einer längeren Reise zurückgekehrt, finde ich in der „Oesterr. Wochenschrift" eine Reihe trefflicher Ausführungen als Widerlegung der neuerlichen Ausfälle von antisemitischer Seite gegen das (feierliche, jeden Juden heilige) Lol Nidre. Der klaren und deutlichen Erklärung dieses Gebetes läßt sich wohl nichts mehr hinzufügen. Wenn ich mir aber trotzdem erlaube, zu diesem Gegenstände in den Spalten Ihrer gesch. Zeitschrift das Wort zu erbitten, so geschieht dies aus ganz besonderem Grunde. Ich vermiffe nämlich in den betreffenden Ausführungen ein, wie mir scheint, nicht ganz unwichtiges Moment. Das ist die Geschichte des Lol Nidre, resp. seine Entstehung und ursprüngliche Bedeutung. Nach Angaben mehrerer Schriftsteller entstand das Lol Nidre- Gebet zur Zeit der Annussim, die man später Marannen genannt hat. Da waren die „Gezwungenen", jene Juden, die gewaltsam in den Schoß der christlichen Kirche getrieben wurden. Sie mußten öffentlich den Glauben der Väter abschwören, da ihnen und ihren, oft kranken und transportunfähigen Verwandten im widrigen Falle der quäl- und schmerzvollste Tod sicher war. Diese Annuffim, die im Herzen dem angestammten Glauben treu geblieben waren, stahlen sich regelmäßig am Vorabende des Versöhnungstages zu den geheimen Betstuben ihrer früheren Glaubensbrüder, um dort den Jom Kipur zu feiern. Aber diese wehrten den Abtrünnigen den Zutritt ins Gotteshaus. Die Inquisition hatte die Scheinchriften gezwungen, zweimal jährlich in der Kirche den neuen Glauben zu beschwören, zu geloben, keine jüdischen Bräuche zu üben, u. zw. gerade vor Jom Kippur und vor Erew Peffach — gleichzeitig zu beichten und das Abendmahl zn empfangen. Das waren unmoralische Zwangseide, welche aber das Gewissen der Gemeinde schwer belasteten. Wenn diese Zwangschristen inmitten der betenden Juden erschienen, weigerte man sich anfänglich, ihnen die Teilnahme am Gottesdienst zu gestatten. Die armen Annussim warfen sich zu Boden, weinten und jammerten, daß es einen Stein gerührt hätte. Nunmehr erbarmten sich die Juden der Unglücklichen, gestatteten ihnen die Teilnahme an der Feier, doch nur unter der Bedingung, daß sie vor Beginn des Gottesdienstes die Erklärung abgeben, sie seien zum Uebertritt mit Gewalt gezwungen worden, ihre Gelübde seien daher keine Gelübde, ihre Schwüre keine Schwüre. Die Annussim taten dies und ihre Erklärung klang in den Worten aus: 8oüu^oseuu lo schewuos! ' Diese Prozedur hatte für die „Gezwungenen" so viel Erniedrigendes an sich, daß die dem alten Glauben treu gebliebenen Juden von aufrichtigem Mitgefühl für die Unglücklichen erfüllt wurden und sie beschlossen deshalb, das Gebet, das im Laufe der Jahre eine konkrete und unverrückbare Form angenommen hatte, in Gesellschaft der Annussim zu verrichten, d. h. mit ihnen mitzubeten. Keiner war sicher, daß nicht auch er im Laufe des kommenden Jahres von dem gleichen Unglück heimgesucht werde. Die ganze Gemeinde sagte nun regelmäßig vor Beginn des Gottesdienstes das Lol Nidre. Da das Lol Nidre weiters auf die menschliche Schwäche Rücksicht nimmt, die im Affekt sich leicht zu einem Gelübde Hinreißen läßt, so war es eben wie geschaffen zu einer feierlichen Erklärung am Beginn des Versöhnungstages. So wurde das Lol Nidre zum Gemeingut aller Juden. Auch der rätselhafte Satz vor dem Lol Ni dr e ntSÖ bv TOTtH rf?J7Ö bv ND'V'2 bnpn nn bin .vipvn ron bv a^-Dun di? bbannb p'na m zeigt, daß es sich darum gehandelt hat, die Scheinchristen am Gottesdienste teilnehmen zu lassen. kd. L.