Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nt. 39 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 681 er im Aufträge der englischen „Montefiore"-Gesellschaft im Jahre 1888 nach Jerusalem, Kairo und Konstantinopel. Hier erwarb er eine Sammlung karaitischer Manuskripte, die sich im Besitze der Witwe eines Karaiten-Chachams befunden hatte. Als seine bedeutungsvollste Reise gibt Adler diejenige nach Kairo im Jahre 1895 an, bei welcher Gelegenheit er die Genizah von Kairo entdeckte. Die alte Synagoge von Fostat bei Kairo wurde eben renoviert und Adler begab sich zur Besichtigung derselben in Begleitungdes Oberrabbiners dahin. Er kroch in das Gelaß, wo die Genizah aufbewahrt wird und das erste Manuskript, das er hier aufstöberte, war ein altes Gebetbuch nach egyptischem Minhag. Einen Behälter, die Manuskripte heimzutragen, hatten wir nicht zur Hand und so benützte ich alte Thora-Mäntelchen, von denen ich übrigens eine ganze Kollektion nach England heimbrachte. Dieses Manuskript bildete dann den Ausgang verschiedener Forschungen, die. Neubauer und des nders Professor Schechter später mit Erfolg anstellten. Nach wiederholten Besuchen in Palästina ging Adler im Jahre 1892 nach Spanien. Portugal und Marokko. Auf dieser Reise hielt er förmliche Jagd nach Erinnerungen an die Inquisition. In Madrid fand er bei einem Buchhändler im 4. Stock eines alten Hauses mehrere, wertvolle, auf die Inquisition bezügliche Manuskripte, die er erwarb, da der Buchhändler einen Verkauf derselben mühseligen Abschreibungen vorzog. Adler kam dann noch dreimal nach Spanien. Marokko, bis hinauf nach Algier und Tripolis. In Nordafrika fand er wohl weniger Handschriften, aber desto mehr alte, wertvolle Bücher. Im Jahre 1896 ging Adler nach Persien, wo er sehr wichtige, bis dahin völlig unbekannte, hebräisch-persische Handschriften fand und erwarb. Von Manuskripten dieser Art hatten sich damals bloß 2 bis 3 im British-Museum und einige wenige in Petersburg befunden. Dieser Erfolg regte nun Adler an, im darauffolgmden Jahre nach Zentralasien — Bokhara und Samarkand — zu gehen. An demselben Abend, an welchem er London verließ, nahm er noch an dem Bankett des Orientalisten-Kongresses teil und ging nach einem anregenden Gespräche mit Vambery vom Bankette direkt zur Bahn. Die russische Regierung verwehrte ihm die Benützung der transkaspischen Eisenbahn und die Bewilligung zur Reise wurde ihm eist nach ener gischer Intervention des englischen Ministers des Auswärtigen nach dreimonatlicher Verzögerung erteilt. Dasselbe Schicksal wurde damals dem größten Persienforscher Professor Salemann zuteil. Adler kam mit Salemann zugleich eine Station vor Bokhara an. Während Salemann den russischen Statthalter Grafen Jgnatiew auisuckte, eilte Adler ins Innere und diesem Vorsprung hatte er es zu danken, daß er in Bokhara 37 Manuskripte erwarb, während Sftemann nur eines erhaschen konnte. Schwach vom Standpunkte der jüdischen Geschichtsforschung war das Ergebnis seiner wiederholten Reisen nach Südamerika. In Amerika widerfuhr ihm auch eine Täuschung. In Chili erwarb er für 560 Dollar einen für echt gehaltenen Brief Kolumbus', der jedoch nach langen, seinerzeit viel erörterten Kontroversen sich als gefälscht erwies. Im Jahre 1906 war Adler in Indien. Auch von dieser Reise brachte er reiche, wissenschaftliche Beute heim. Am interessantesten waren Wohl seine Erlebnisse in Rußland. Fünfmal war er in Rußland, das erüe Mal 1889 und das letzte Mal 1905. Er erhielt jedesmal die Erlaubnis, das Land zu bereisen. Die größte Schwierigkeit wurde ihm im Jahre 1893 bereitet, als der englische Botschafter ihm rundweg erklärte, die russische Regierung wolle einen ausländischen „Adler" nicht ins Land kommen lassen. Die englische Regierung ließ jedoch nicht locker und die Erlaubnis zum Betreten des Landes wurde ihm erteilt. Er wurde jedoch besonders davor gewarnt, mit der Presse in Fühlung zu treten, und darauf aufmerksam gemacht, daß alle seine Briefe in Rußland geöffnet würden. Trotz aller Vorsichten wurde Adler eines Tages in Wlodawa unter der Beschuldigung verhaftet, ohne Erlaubnis des Gouverneurs fremde Kapitalien in die Stadt geschmuggelt zu haben. Zu Fuß, unter starker Bewachung wurde Adler zur Polizei gebracht. Erst nach langwierigen Rekursen und Unterhandlungen wurde Adler freigelaffen, von dem, wie sich später herausgestellt hatte, die Polizei behauptete, daß er ein „Spitzel des Baron Hirsck" sei. Adler rechnet es sich als Glück an, gerade während der „Hundert Freiheitstage" im Jahre 1905 in Petersburg gewesen zu sein. Alles war freiheitstrunken, der Generalstreik machte sich allenthalben fühlbar und Niemand mochte daran denken, daß die schönen Freiheitstage so bald vorüber sein würden. Um diese Zeit hatte er auch eine Unterredung mit dem Grafen Witte, der die Existenz einer Judenfrage in Abrede stellte. Einen Tag nach Gewährung der Konstitution ging Adler via Berlin und dann zu Schiff über Stockholm und Kopenhagen nach London. In der ersteren Stadt „erwischte" er noch rechtzeitig die erste Ausgabe von Heines ersten Buch der Lieder. Zahlreich sind die Funde, die Adler auf seinen verschiedenen Reisen gemacht hat, und zahlreich sind die Publikationen, die er in verschiedenen Sprachen gemacht hat. Adler ist noch immer nicht reisemüde. Jetzt „liegt" er irgendwo in West-England, um alte Handschriften aufzustöbern. Alexander Strakosch. In Berlin ist der berühmte Rezitator und dramatische Lehrer Alexander Strakosch im Alter von 64 Jahren gestorben. Mit ihm ist eine besonders ausgeprägte Persönlichkeit ins Grab gesunken, ein Mann, der, ohne selbst Schauspieler zu sein, im Theaterleben Deutschlands an allererster Stelle stand. In Wien hat er lange gelebt, bevor er vor Jahren nach Berlin ging. Er war Vortragsmeister, Sprachlehrer einfacher gesagt. Und wenn auf irgend einer größeren Bübur ein neuer Heldendarsteller, eine neue Heroine mit dem klassischen Pathos des alten Burgtheaters auftauchte, so konnte man hören: Der war sicher bei Strakosch. Von den neuen Bestrebungen wollte er nichts wissen, obgleich er in den letzten Jahren bei dem modernsten Theaterdirektor, in Max Reinhardts Thenterichule als Lehrer wirkte. Als man dort auf die Klassiker zurückgriff (bei denen erfahrungsgemäß die moderne Art nichts auszurichten vermag), berief man Strakosch als Mithelfer, den „alten Strakosch", dessen Methode und Richtung die Jungen mit Vorliebe als veraltet darstellten. Und er hat vielen Damen und Herren, die sich zur Bühne berufen fühlten, das Klassische „beizebracht". Speziell im letzten Jahre in Berlin hatte er Erfolge aufzuweifen. Die jüngeren Kräfte Reinhardts, wie Moiffi, lernten von ihm manches an klarer Plastik der Rede. Auch vo Wien kamen immer wieder Schüler. Nun ist der kleine Mann, dessen ausdrucksvoller Kopf mit dem langen wallenden Haar immer wie von innen heraus revoltiert, von einem ungeheuren Willen bewegt schien, tot. Und die Erinnerung steigt auf, wie er am Vorlesetisch stand, wie er klassische Szenen ins Publikum schmetterte, wie er den Lear wütete, wie er die Forumszene zu einem Solostück von unheimlicher Kraft machte, wie er bei alldem mitging mit jedem Wort, mit jedem Ton, mit jedem Hauch. Und das Publikum — der Wiener Musikvereintzsaal konnte die Tausende von Strakosch-Verehrern oft kaum fassen — saß wie gebannt da von der Kraft und der Leidenschaft des Künstlers und rührte sich nicht, dis er zum Schluffe kam und der Enthusiasmus sich in stürmischen Dankeskundgebungen äußerte. Alexander Strakosch wurde am 3. Dezember 1845 in Sebes bei Eperies als der Sohn eines Kaufmannes geboren. Schon beim Studium des Talmuds bekundete er ein außerordentliches Gedächtnis, denn er kannte z. B. das ganze Buch Hiobs und die Svrüche Salomonis auswendia. Auf Grund dieser Kenntnisse, sowie infolge seiner unter großem Beifalle im Tempel gehaltenen Konsirmationsrede bestimmte man ihn zum Prediger. Allein Strakosch hatte seit Kindesbeinen eine stürmische Neigung zur deutschen Po, sie und schon als kleiner Junge zog er mit einem Leierkasten herum und deklamierte die „Glocke", begleitet von einer Schar von Kindern, die ihm nicht minder aufmerksam 'Uhörten wie die Landleute in den Dörfern, durch welche die sonderbare Gastspielreise den kleinen Rezitator führte. 1856 wurde er nach Wien ins akademische Gymnasium geschickt. Während der Zeit seines Studiums jedoch verarmten seine Eltern gänzlich, er mußte nun trachten, sein Geld selbst zu verdienen und trat in ein Geschäftshaus, wo er es bald zum Buchhalter brachte. Seine freien Stunden jedoch benutzte er dazu, bei Schauspieler Julius Findeisen dramatischen Unterricht zu nehmen, und als das Geschäftshaus fallierte, ging er schnurstracks zu Sonnenthal, um sich prüfen zu lassen. Die kleine Gestalt des angehenden Schauspielers hatte aber wenig Vertrauenerweckendes, und auf seine unscheinbare Gestalt hinweisend, wollte ihn der Meister gar nicht hören. Doch Strakosch bat so flehentlich, mit Tränen in den Augen, daß sich Sonnenthal endlich entschloß, von ihm die Deklamation des „Liedes von der Glocke" anzuhören. Von Strophe zu Strophe wurde der grroße Schauspieler aufmerksamer und als Strakosch geendet, erklärte er, diesen als Schüler annehmen zu wollen. Er war ihm aber nickt nur ein hingebender besorgter Lehrer, sondern nahm sich auch in wahrhaft väterlicher Weise des armen verlaffenen jungen Mannes an. Nach einjähriger Unterweisung erhielt Strakosch ein Engagement in Troppau (1862), wo er als „Spiegelberg" zum erstenmal die Bühne betrat. Er wurde daselbst zu allem Möglichen verwendet, spielte Liebhaberrollen, war Charakterschauspieler, sang im Chor (er reichte mit seiner schönen Stimme bis zum 613), ja tanzte sogar Ballet, und zwar wiederholt als Partner der berühmten Tänzerin Katharina Lanner (Tochter des Walzerfürsten), bis er 1863 Engagement am Deutschen Theater in Pest erhielt. Er trat als Franz Moor auf und erregte geradezu Sensation. Auch erwies sich während seiner Tätigkeit daselbst seine große Wandlungsfähigkeit. So spielte er den Kniffling im „Winkelschreiber", den Mathias im „Sonnwendhof", den Wurm oder Zanga, aber auch den Benjamin in „Valentine", ja erschien wiederholt mit der Gallmeyer in Possen, kurz, war eines der verwendbarsten Mitglieder. 1856 trat er in den Verband des Hoftheaters in Hannover, und zwar debütierte er als Page in „Romeo und Julia" (in der Goetheschen Einrichtung) und erregte da mit der Erzählung des Leichenbegängniffes der Julia gerader» Aufsehen. Nichtsdestoweniger erhielt er trotz seiner zweijährig n Tätigkeit daselbst nicht den richtigen Wirkungskreis, man vertröstete ihn immer auf den Tod eines hervorragenden Charakterspielers, in Wirklichkeit scheint es jedoch, daß man ihn bloß wegen seiner kleinen Gestalt nicht ausgiebig genug beschäftigt hat. Das Warten wurde diesem reichbegabten Schauspieler auf die Zeit jedoch zu lange, und so brannte er 1866 einfach nach Paris durch, denn er wußte recht wohl, daß die Franzosen viel nachsichtiger mit dem Aeußern des Schauspielers find (spielten doch 60jährige Greise und Greisinnen in Frankreich mit bestem Erfolge Liederhaberrollen). Zuerst hielt er deutsche Vorträge, um