Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-09-17 · 38 (17.9.1909) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021857--18629-3043568
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 645 Nr. 38 Dr. Blocks Wochenschrift. in Amerika. So hat die jüdische Kultur große Erfolge zu verzeichnen. Zwar ist auch viel „Talmiwissenschaft", viel „Talmiliteratur" entstanden: allein es ist auch viel Großes geschaffen und noch Größeres angebaut worden, so daß es uns gestattet ist, von einer goldenen Zukunft unserer Kultur zu träumen. Wir haben ein hebräisches Gymnasium in Palästina. Eine humanistische Lehranstalt mit hebräischer Unterrichtssprache ist eine Konsequenz der herrlichen Entwicklung der hebräischen Sprache, eine „R e n a i s s a n c e"- konsequenz, die früher oder später gezogen werden wird. Die große Nationalbibliothek wurde in Palästina, dank der unermüdlichen Tätigkeit des Herrn Dr. Chasonowitz, eine erfreuliche Wirklichkeit. Die Idee einer hebräischen Universität in Jerusalem erzeugte die Begeisterung des seligen Professors Schapira. Von der Entstehung einer jüdischen Universität in Amerika war neulich die Rede und Martin B u b e r hat Recht, wenn er meint, daß die Juden Europas sich auch zu einem derartigen Institute emporschwingen könnten und sollten. Es ist wohl auch gestattet, einen Schritt weiter zu gehen und an eine jüdische Akademie zu denken. Dr. S i n g e r in Amerika und der hebräische Schriftsteller R. Brainin hiaben übrigens auch zu einer solchen Gesellschaft die Anregung gegeben. Nach meiner Auffassung ist es kein utopistischer Wunsch, den Träumer ausgesponnen, wenn sie von Akademien und Universitäten reden. Es ist vielmehr eine gebieterische Forderung unserer ganzen Entwicklung. Wie RabbiJochanan b en Sakkai^ bei der Zerstörung des Tempels, die Lehranstalt und Akademie zu Jabneh zum Zentrum des jüdischen Stammes erhoben, so sollen auch wir ein geistiges Zentrum, ein „Altneujabneh", schaffen, das uns vereinigt. Wie Leibnitz und Humboldt die Bedeutung einer Akademie, einer Universität für Preußen und Deutschland vorausgesehen, so sollte das moderne Judentum die bedeutsamen Folgen der Gründung eines Kulturinstitutes mit zentralem Charakter erkennen. Selbstredend kenne ich auch die Kehrseite der Medaille, weiß ich, daß in Deutschland, dem Geburtslande der Wissenschaft des Judentums, sowohl in der Masse des Volkes, als auch in den höheren gebildeten Schichten große Unwissenheit in jüdischen Fragen herrscht, daß in Rußland und Galizien, wo der Junghebraismus siegte und in Amerika, wo der Jargon ein freies Vaterland gefunden, sehr viele sich vom lebendigen Quell unserer Kultur entfernt haben. Dessen ungeachtet, kann man den festgestellten Fortschritt nicht verneinen und dem Plane der Schöpfung einer Institution, welche die Schatten unserer Entwicklung verscheuchen soll, nicht widersprechen. Die Differenzierung unseres Volkes zwingt uns sogar, einen Einigungspunkt zu suchen. Die Differenzierung unse.resStammes in religiöser, kultureller und sozialpolitischer Beziehung. Niemals war unser Stamm so zerklüftet, als jetzt. Verschiedene Parteien hat es immer gegeben, aber niemals so viele Gruppen, wie in der Gegenwart. In religiöser Hinsicht kannten die letzten Jahrhunderte des jüdischen Mittelalters keine eigentlichen Parteien, abgesehen freilich von den Ritualunterschieden, Nüancen der Frömmigkeit und privatem Ketzertums. Der Entwicklungsprozeß im 19. Jahrhundert änderte den Stand der Dinge. In der Jetztzeit können wir unterscheiden: 1. Altorthodore und zwar zwei Riten: a) Aschkenasim, b) Sefardim. 2. Chassidim, welche in vier Hauptrichtungen und viele Gruppen zerfallen. 3. Neuorthodore, welche der Richtung der Rabbiner S. R. Hirsch in Frankfurt und Hildesheimer in Berlin huldigen. 4. Konservative, welche mehr oder weniger auf dem historischen Standpunkte des Zacharias Frankel in Breslau stehen. 5. Liberale, die Jünger Abraham Geigers und die Neologen Ungarns. 6. Radikalreformer, Mitglieder der Holdheimgemeinde zu Berlin und verschiedener Kongregationen in Amerika. 7. Freireligiöse, welche in Wirklichkeit konfessionslos sind, sich zu Spinoza bekennen, für die ethische Kultur eines Felir Adler sind und bloß einem jüdischen Ethizismus huldigen. 8. Oestliche Progressssten, welche freikonservativ in der Synagoge, liberal im Leben und radikal-modern im Denken sind. So lange die Juden an der allgemeinen Zivilisation nicht teilgenommen, unterschieden sie sich von einander in bezug auf ihre Kultur zumeist graduell und nur selten qualitativ. Jetzt aber, indem auch wir an der Geistesarbeit der Völker, in deren Mitte wir leben, teilnehmen und am Staatsleben einen größeren oder kleineren Anteil haben, unterscheiden wir uns von einander durch die Sprache, die wir sprechen, durch die Staatsinteressen, die wir haben und durch die politische Partei, zu der wir uns zählen. Bezüglich der Sprache ist das Hebräische unsere historische Nationalsprache, sind einige Jargondralekte unsere Volkssprachen, in sechs europässchen Sprachen bringen Hunderttausende unserer Stammesgenossen ihre Gedanken zum Ausdrucke und in 16. Sprachen gibt es mehr oder weniger ansehnliche Literaturen Israels. Während in früheren Zeiten die ökonomischen Gegensätze nicht so ausgesprochen und herausfordernd und die politischen Unterschiede nicht so deutlich und scharf waren, manifestierten sich Juden im 19. Jahrhundert als Konservative in England und Süddeutschland, als Liberale in Norddeutschland. Oesterreich. Ungarn, Frankreich usw. und als Sozialdemokraten, besonders in Rußland und Galizien. Die Nationalfrage. welche Jahrhunderte schlummerte, erwachte und errichtete neue Scheidewände in Israel. Die Assimilanten zerfallen in viele Gruppen, je nach den Völkern, welchen sie sich angeschlossen. Gegner des jüdischen Nationalismus sind einerseits antinati'onale Kosmopoliten, andererseits orthodoxe Religionsnationale. Die nationalen Juden sind a) kulturell-national — Iabnehisten, b) politisch-national — in Oesterreich und Rußland, c) religiös-national — Misrachisten, d) sozial-natwnal — Poale-Zion, Sozialistische Zionisten und Bundisten, o) zionistisch-national — Zione-Zion und poliitische Zionisten, f) territorialistisch-nationat. — ZangwiÜ- Organisation. Sicherlich sind gewisse Lehren des Judentums und bestimmte Stammeseigenschaften Israels allen jüdischen Gruppen gemein; immerhin ist der Differenzierungsprozeß derart, Haß, wenn Israel sich nicht in unzählige Judenatome auflösen soll, wir ein Mittel zur Vereinigung, einen Vereinheitlichungspunkt suchen müssen. Ein Mittel der Einigung. Der Tempel zu Jerusalem, die Bibel, der Talmud und der Schulchan Aruch waren und sind bis zu einem gewissen Punkte Zentralmomente des Judentums. Da aber die Auslegung der Bibel, die Würdigung des Talmuds und die Anerkennung des Schulchan Aruchs verschiedenartig sind, bedürfen wir einer Institution, welche uns auch in moderner Zeit zu einigen vermag. Man wird entgegenhalten, daß die Entwicklung und Steigerung der Differenzierung gegen eine Anifiziierungstendenz spricht. In Wirklichkeit veranlaßt uns die Differenzierung, bloß eine Dezentralisierung anzustreben, die der verewigte Heinrich Meier Cohn als wünschenswert erachtete. Ein Dezentralisierungssystem soll bei der Konstituierung und Organisation der Iabnehakademie in Anwendung kommen, aber nach Einheit sollen wir ringen. Zweifellos will der jüdische Stamm,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.