Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 38 (17.9.1909)
- Date
- 1909-09-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 644 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 38 Sir Matthew Nathan — Sekretär des englischen Generalpostamtes. Wie aus London berichtet wird, wurde der Gouverneur von Natal, Oberstleutnant Sir Matthew Nathan, zum Sekretär des Generalpostamtes ernannt. Dieser Posten istmit einem Jahresgehalt von 2000 Pfund Sterling verbunden. Sir Matthew Nathan hat seine Keamtenkarriere im Jahre 1880 eröffnet, als er zum königlichen Ingenieur ernannt wurde. Er wurde 1885 und 1889 den Nil- und Lushai-Erpeditionen zugeteilt. Im Jahre 1895 wurde Nathan zum Sekretär des Lolonial-Verteidigungskomitees ernannt und 1899 mit der Administration von Sierra Leone betraut. Hierauf war er nacheinander zum Gouverneur der Goldenen Lüste und später von Hong-Long ernannt. Seit 1907 bis zu seiner jetzigen Ernennung zum Generalsekretär war er Gouverneur von Natal. Sir Matthew Nathan hat sich auch den jüdischen öffentlichen Angelegenheiten gewidmet, ist Vizepräsident der Änglo-Jewish- Association und bekundete wiederholt ein reges Interesse für die Pläne der „Jto", deren ausgesprochener Anhänger er ist. _ Die Nase des Genies. Das Rätsel des Genies hat seit jeher die Forschung gereizt. Man hat auf den verschiedensten Wegen zu ergründen gesucht, welches die Wesens- und Daseivsbedingungen jener höchsten Blüte des Menschentums, des Genies, eigentlich sind. Besonders in der neuesten Zeit wurden die merkwürdigsten Hypothesen ar fgestellt. Es ist deshalb eigentlich gar nicht so merkwürdig, daß ein Dr. Phil. Edgar v. Mojsisovics in einem jüngst erschienenen Büchlein „Die Gesichtsbildung des Genies", Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Menschen, das Eharakteristische für das Genie in der — Nase findet. Wählen wir den Schädel eines Genies, so schreibt Dr. v. Mojsisovics, etwa den Schädel Goethes, so wird uns ein Blick auf die Profile Goethes und eines Normalmenschen einen auffälligen Unterschied lehren, einen so auffälligen und in die Augen springenden, daß wir uns wundern, desselben erst jetzt gewahr zu werden. Der Unterschied ist rein äußerlicher Natur, wenn wir diese Erscheinung nur oberflächlich betrachten, und besteht in der verschiedenartigen Bildung der Nase. Diese wird uns zuerst auffallen und wir werden an Goethe die stark gebogene Nase gegenüber der geraden des Normalmenschen rühmend und als etwas Besonderes hervorheben. Sehen wir uns nun in der „Liste von Genies" um, betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus einmal unsere Dichter Dante, Taffo, Moliöre, La Fontaine, Shakespeare, Schiller oder unsere großen Maler Tizian, Michelangelo, Rubens, Gelehrte wie Descartes, Newton, Linne und große Staatsmänner wie Julius Cäsar, Napoleon I. und Moltke — um nur wenige aus der großen und erhebenden Zahl geniebegabter Männer zu nennen — betrachten wir diese und laffen wir an unserem Auge die Profile dieser Männer vorüberziehen. Es find lauter „Goethes". Sie alle haben jene eigenartige Gesichtsbildung, deren Wesen in der starken Krümmung des Nasenrückens zum Ausdrucke kommt. Ich stelle daher das Gesetz vom Vorhandensein eines „Genietypus" auf: Der mit universeller Schöpferkraft ausgestattete Mensch, das „Genie" kurzweg genannt, besitzt eine nur demselben zukommende Gesichtsbildung, deren Eigenart in der stärkeren oder .schwächeren Krümmung des Nasenrückens besteht. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen beschäftigt sich Dr. v. Mojsisovics mit den gekrümmten Nasen als Raffeneigentümlichkeit und kommt da gleichfalls zu sehr merkwürdigen Schlüffen. Er bespricht.dann die „gebogenen Nasen der Semiten" und führt aus: Ich zähle daher die Semiten zu den Vertretern des Genietypus, und betrachte diese als einzige Raffe, welche in ihrer Gesamtheit eine „Genieraffe" zu nennen wäre. Wir finden bei den Semiten eine außerordentliche und auf allen Berufsgebieten zu Tage tretende Intelligenz, die sich aber bisher vorwiegend einem speziellen Berufe hingegeben hat: dem Handel. Doch zeigt sich auch in den heutigen Nachkommen der semitischen Raffe das Vorhandensein der dem Genietypus eigenen Universalität. Wir finden in der Reihe großer Künstler, Gelehrter und Denker eine Anzahl von Juden, deren Anwesenheit auf diesen Gebieten anfangs Lbecrascht. In der Dichtkunst Heine, in der Musik Offenbach, Mendelssohn, Meyerbeer und noch mehr, als wir authentisch wissen. Die große Zahl musikalischer Wunderkinder, die aus dem jüdischen Stamme hervorgegangen sind — ich nenne die Geiger Wieniawski, Ernst, Joachim aus der Vergangenheit, Hubermann, Elmann, Vecsey aus der Gegenwart — weist auffällig darauf hiu, daß hier bereits im Kinde eine geniale Anlage vorhanden ist, die sich später zum vollwertigen Genie entfalten kann. Die Großzahl ausübender Virtuosen von gutem Namen Herz, Rubinstein, Ernst, Vieuxtemps aus der Vergangenheit, Mark-Hamburg, Sauer, Rosenthal in der Gegenwart, sind Juden und in ihrer Kunst anerkannte und gefeierte Meister. Girre „Moderne Jabrrehalradermr". Von Rabbiner Dr. I. Niemirover, Jassy. Im Jahre 1902 habe ich unter diesem Titel einen Aufsatz über die Gründung einer jüdischen Akademie als Geisteszentrum des Judentums publiziert. Diese deutsch geschriebene, aber in einer in Rumänien erscheinenden Zeitschrift veröffentlichte Arbeit wurde wenig bekannt. Mehrere Persönlichkeiten, wie Prof. Lazarus, Mar Nord au und H. M. Lohn, haben sich dennoch über meinen Vorschlag geäußert. Trotz allem Zweifel, dem ich begegnet, trotz der scharfen Lritik seitens M. A. Llausners halte ich doch das Ideal einer Jabnehakademie für durchführbar. Selbstredend waren die blutigen Jahre der jüdischen Geschichte in Rußland für die Gründung einer außerordentlichen Lulturinstitution ungeeignet. Die Entwicklung des jüdischen Volkes in den letzten Jahren bestärkte mich jedoch in der Ueberzeugung von der Möglichkeit und Notwendigkeit einer jüdischen Zentralakademie. Während ich vor sieben Jahren in allgemeinen Zügen das Warum und Wie einer modernen Jabnehakademie schilderte, gilt es jetzt, folgende 8 Punkte zu behandeln: 1. Eine jüdische Zentralakademie ist als das Resultat unserer kulturellen und sozialpolitischen Entwicklung zu betrachten. / 2. Dieselbe kann nur auf der Grundlage des „Jabnehistischen Alljudentums" errichtet werden. 3. Ihre Mission wäre die geistige Einigung aller Juden und aller Epochen der Geschichte Israels. 4. Wesen der Akademie. 5. Literarisch-wissenschaftliches Programm. 6. Lultur-Programm. 7. Die Organisation der Jabnehakademie muß den Bedürfnissen der Gegenwart, den Überlieferungen der Vergangenheit und den Hoffnungen für die Zukunft entsprechen. 8. Eine solche Institution sollte durch eine Lommission ins Leben gerufen werden, in der die Organisationen Gesamtisraels vertreten sind. * * * I. Eine jüdische Zentralakademie ist als Resultat unserer kulturellen und sozialpolitischen Entwicklung zu betrachten. Die jüdische Lultur hat im 19. Jahrhundert Triumphe gefeiert. Die hebräische. Sprache, welche lange Zeit bloß im Altenheim der Gelehrten und in den geweihten Räumen der Gotteshäuser zurückgezogen wohnte, betrat auch in jugendlicher Frische den Lampfplatz des Lebens und wurde weltlich, modern. Der jüdisch-deutsche Dialekt schwang sich zu einer nicht zu unterschätzenden Literatur empor. Die jüdische Chronik entwickelte sich zur Geschichte des Judentums und der Juden. Unsere Literatur wurde in der Stammessprache und in europäischen Sprachen bereichert. Die jüdische Gelehrsamkeit entfaltete sich zu einer Wissenschaft, welche große Meister und epochale Werke gezeitigt. In den Synagogen ertönen gottesdienstliche Vorträge, die der altjüdischen Homiletik und den Lunstgesetzen der Rhetorik gerecht wurden. In den Schulen wird die Jugend nach den Lehren der modernen Pädagogik mit der alten Stammesweisheit vertraut gemacht. Die Rabbinerschulen zu Breslau, Berlin. Budapest, Wien, Paris, London. Cincinnati, Newyork, Konstantinopel usw. sind jüdische Universitäten, in einem beschränkten Sinne dieses Wortes. Große Zeitschriften, gelehrte Gesellschaften und Lulturvereine verschiedener Art entstanden; Bibliotheken wurden angelegt und ein jüdisches Museum in Wien begründet. Auf Hamburgers Real-Encyclopädie folgte die großangelegte