Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 38 (17.9.1909)
- Date
- 1909-09-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 643 Wesen und vielvermögende Götter seien, sondern einfach Werke oder Geschöpfe Gottes, der die Welt in sechs Tagen oder in sechs Perioden hervorgebracht und ins Dasein gerufen hat. Wenn wir die 6 Tage der Schöpfung in 6 Perioden verwandeln, so können wir uns auf alte Autoritäten berufen; denn bereits im Talmud wird irgendwo angedeutet, daß der Akt der Wellschöpfung mindestens sechstausend Jahre in Anspruch genommen habe, da es doch ausdrücklich (Pf. 90, 4) heißt: „Denn tausend Jahre sind in Deinen Augen wie der Tag von qestern, so er vergangen." Das heißt tausend Jahre zählen in der Ewigkeit kaum so viel als bei uns e i n irdischer Tag. *) - Auch Raschi bemerkt zu Genesis I, 1, daß die Heilige Schrift uns nicht die Reihenfolge der Weltentstehung lehren und somit durchaus nicht als eine Kosmogonie gelten will, weil sie etwa als Dogma ausgestellt sei. Wenn David Friedrich Strauß in seinem berühmten Werke „Der alte und der neue Glaubemeint, daß die biblische Erzählung von der Weltschöpfung geradewegs zum Glaubensartikel gestempelt wurde, so sind nicht wir es, die diesen Stempel prägt haben. Hingegen können wir ihm nur beistimmen, wenn er (I, 5.) bemerkt: „Nehmen wir diese Erzählung, wie sie lautet, fasien wir sie als Produkt ihrer Zeit und vergleichen si» mit den Schöpfungsgeschichten oder Kosmogonien, die wir bei anderen Völkern antrcffen, so werden wir sie bei all ihrer Kindlichk.it höchst sinnig finden und mit Achtung und Wohlgefallen betrachten. Daß er vom kopernikanischen Weltsystem und den neueren Ergebnissen der Geologie nichts wur?te, werden wir dem alten hebräischen Dichter nicht zum Vorwurf machen. Welches Unrecht tut man doch einer solchen biblischen E-zählung, die uns an und für sich nur lieb und ehrwürdig sein könnte, wenn man sie zum Dogma versteinert. Denn da wird sie alsbald zum Riegel, zur bemmenden Mauer, gegen dl sich nun der ganze Andrang der fortschreitenden Vernunft, alle Mauerbrecher der Kritik mit leidenschaftlichem W derwillen richten. So hat es ganz besonders dieser mosaischen Schöpfungsgeschichte ergeben müssen, die, einmal zum Dogma gemacht, die ganze neuere Naturwissenschaft gegen sich unter die Waffen rief." Die Schöpfungsgeschichte — nicht als Dogma, sondern als literarisches Produkt aufgefaßt — steht übrigens nicht gar zu sehr im grellen Widerspruch zu den Ergebnissen der modernen Forschung. Man vergleiche zum Beispiel H a e ck l, „Welträtsel, Kap. I, kosmologische Perspektive." Unser altehrwürdiges Schrifttum braucht somit das Licht der Wiffenschaft nicht zn scheuen und das Studium der Bibel, richtig betrieben und rationell aufgefaßt, läßt sich ganz gut mit moderner Bildung vereinen. Unsere großen Lehrer und Me'ster, wie M a i m on ides, Albo u. v. A. haben viel Geist und Scharfsinn angewendet, die Bibel mit den Ergebniffen der Forschung und der Philosophie in Einklang zu bringen. Ihr Beispiel kann und soll auch für uns allezeit maßgebend sein! Wenn wir die Bibel unserer wiß- und lernbegierigen Jugend Vernunft-, sach- und zeitgemäß erklären, so wird sie auch für sie sein, was sie für uns war und noch immer ist — das Buch der Bücher. Wien, 20. Elul 5669. _ Adolf Sternfeld. &evmattn Bang über Arthur Schnitzlers „Der Weg ins Freie". Der berühmte dänische Erzähler bespricht in einem Feuilleton des „Leipziger Tageblatt" gelegentlich eines Exkurses über neue Literatur, insbesondere über die deutsche, auch das letzte Werk Schnitzlers. Er sagt: „Arthur Schnitzler ist in Dänemark bekannt. Vielleicht-hauptsächlich dem Namen nach. Dem Namen nach dafür so berühmt, daß einige Hoffnung ist, seinem Roman „Der Weg ins Freie" Aufmerksamkeit zuzuwenden — einem bemerkenswerten Buch, eine Art Karte der vielen Rätsel rings um den Stephansturm. Der Roman ist Arthur Schnitzlers erstes „großes Werk". Das heißt, daß der, der ihn schrieb, zum erstenmal den großen Rahmen ausgesucht bat. Als Arthur Schnitzler dieses Spiel wagen wollte, wählte er die Erde, auf der er wie kein anderer daheim ist: er wählte Wien, das seine Wiege ist: jeder Wiener ist ein Stück von ihm, und er ist ein Stück von jedem Wiener. Und er wählte von Wien wieder das jüdische Wien, das doppelt seine Heimat ist. Sein Roman verdankt dieser Wahl seinen Sieg. Seine Komposition ist mittelmäßig, seine Breite macht die Lektüre bisweilen mühsam. . . . Aber sein „Dahpimsein" in dem Stoffe verlohnt mit alle dem. „Der Weg ins Freie" ist ein Kulturbild, das uns Wien offenbart und uns Oesterreich ahnen läßt. Es ist eine Entschleierung der jüdischen Welt. Welche seltlame, welche unbegreifliche Welt — uns so nah und doch so ganz fern. Mit einem Ehrgeiz, den wir kaum fassen; mit unbekannten Wund n, rmt Leiden, die sich verhehlen und an denen wir vorübergeben, mit Siegen, deren derbe und geheime Lust wir nicht ermessen. Wir sehen diese Welt wie in einem Querschnitt. Wir sehen und wir staunen. Diese Welt ist mitten *) Aehnlich L. Büchner („Der Mensch und seine Stellung"): „In der Geschichte der Entwicklung der Erde zählen tausend Jahre kaum mehr als einen Augenblick in unserem eigenen Dasein." in der Gesellschaft ein Lager. Die Männer dieses Lagers — und die Frauen — machen Ausfälle in die große Welt — machen Ausfälle und werden zurückzeschlagey. Beginnen von vorne und werden von neuem zurückgeworfen — im tiefsten Gesellschaftsfrieden ruht dieser geheime Gesellschaftskampf nie. Rur wem die Augen dafür aufgegangen find, der sieht ihn. Aber sein Blut und Herzblut rinnt jeden Tag- Ich sprach mrt einer jüdischen Dame über Arthur Schnitzlers Buch. Diese Dame ist sehr reich, seit Generat'vnen. Ihre Familie zählt zu den großen Bankhäusern Europas. Seit Jahrzehnten baden sich ihre Mitglieder auf Landgüter zurückgezogen. Sie sagte: „Mein Freund, dieser Kampf ist noch bitterer, als Arthur Schnitzler ihn geschildert hat. Wir wisftn, und nur wir wissen, gegen welche Grenzen wir kämpfen. Was sollen unsere Millionäre mit ihrem Gelde? Wir stehen damit in unseren offenen Händen und reichen es dem Staate und dem Heere. Aber weder der Staat, noch das Heer nimmt uns auf. So gründen unsere Söhne noch eine Unternehmung, die uns bereichert, und unsere Töchter stecken noch einen Brillantrtng an ihren Finger." . . . Von diesem Kampf und diesen Kämpfenden spricht der „Weg ins Freie" ... Jüdische Offiziere in Oesterreich. Unter vorstehender Ueberschrift schreibt Oberst Gädke im „Berliner Tageblatt" vom 13. September 1909: „Angeregt durch meinen Aufsatz über das Militärkabinett, in dem ich die Ausschließung der Juden aus dem Offizierskorps als verfaffnngswidrig nachwies, teilt mir ein österreichischer Schriftsteller eine Liste jüdischer höherer und höchster Offiziere mit, die teils noch im österreichischen Heere Dienste tun, teils vor nicht langer Zu durch Tod oder Verabschiedung ausgeschieden find. Es find dies: 1 Feldmarschalleutnant (Generalleutnant), 3 Generalmajore, 10 Obersten einschließlich eines Linienschiffskapitäns, 11 Oberstleutnants, 17 Majore. Es sei bemerkt, daß die Angaben auf amtlicher Auskunft beruhen, wobei das Reichskriegsministerium dem österreichischen Verfasser das größte Entgegenkommen bewiesen hat. Ein christlicher Feldmarschalleutnant aber schreibt ihm bei dieser Gelegenheit: „Die Zahl israelitischer Offiziere war und ist relativ auch jetzt noch keine große; um so erstaunlicher ist die Menge hervorragender Wapentaten, für die solche Offiziere mit allerhöchsten Dekorationen begnadet wurden. Ich habe in meiner ganzen Dienstzeit keinen israelitischen Offizier kennen gelernt, der seinen Platz nicht ganz auSgesüllt hätte; sie verbinden durchweg mit viel Wissen großen Eifer und höchstes Pflichtgefühl — letzteres vor dem Feinde bis zur Selbstaufopferung." vis Judenfrage auf dem Berliner Zahnärztliehen Kongress. Vor Schluss des jüngst in Berlin abgehaltenen zahnärztlichen Kongresses wurde über den Ort ries nächsten Kongresses beraten, wobei von deutscher Seite Petersburg vorgeschlagen wurde. Einige russische Teilnehmer wiesen aber darauf hin, dass der Aufenthalt in Petersburg für die ausländischen jüdischen Zahnärzte mit Schwierigkeiten verbunden sein würde. Als Beispiel führten sie an, dass zu dem letzten Allrussischen Zahnärzte-Kongress in Petersburg auch einige ausländische Spezialisten und Professoren eingeladen waren, die den Kongress mit den neuesten Erfindungen und Fortschritten auf diesem Gebiete bekannt machen sollten. Unter den Eingeladenen befanden sich auch einige Juden, die sich aber am Kongress wegen der Aufenthaltsschwierigkeiten in Petersburg nicht beteiligen konnten. Der Kongress beschloss darauf, den nächsten Zahnärztlichen Kongress, der im Jahre 1914 stattfinden soll, in London abzuhalten. Einwanderungsbeschränkungen in Südafrika. Die »Captown Jewish Philantropie Society« versendet folgende Mitteilung: »Das Komitee der Captowner Philantropie Society weist die nach Südafrika Auswandemden darauf hin, dass jeder Emigrant bei seiner Ankunft mindestens 20 Pfund Sterling (400 Mark) besitzen muss. Auch muss er in irgend einer europäischen Sprache gehörig zu schreiben verstehen, — wobei auch das Jüdisch-Deutsch als Sprache anerkannt wird. Diejei igen, welche nach Transvaal fahren wollen, müssen auch die gesamten Reisekosten bis zum Reiseziel selbst bestreiten können; in Transvaal fordert von ihnen das Emigrations-Departement den Ausweis von 20 Pfund Sterling. Diese Verordnungen werden streng gehandhabt, und es helfen dabei keinerlei Bemühungen und Bittgesuche; wer den genannten Betrag nicht besitzt, der wird zurückgeschickt.«