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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-09-17 · 38 (17.9.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 639 erhob sich über die Teile zum Ganzen, es blieb nicht bei der äußeren Welt mit ihren Widersprüchen, noch bei dem Menschen mit seiner Selbstsucht, mit seinen Trieben und Leidenschaften stehen, sondern rang sich zu dem Monotheismus empor. Gott ist unveränderlich, absolut und unbedingt, einig-einzig und unendlich. Und wie er unendlich ist an Kraft und Wesenheit, so ist er auch unendlich an Güte, an Gerechtigkeit und an Heiligkeit. Die Gottesidee schuf eine unüberbrückbare Kluft zwischen Israel und den anderen Völkern, deren Gottheiten durchwegs der Welt der Erscheinungen und den im Universum wirksamen Einzelkräften entnommen waren. Der Gegensatz wurde jedoch noch schärfer und bestimmter, sobald man von den Ideen zu ihrer Darstellung und Verbildlichung im Ritus und im Leben herabstieg. Den mannigfaltigen, sonderbaren und oft ungeheuerlichen Gottheiten der alten Völker entsprachen ebenso mannigfache, sonderbare und ungeheuerliche Gebräuche. Das ganze religiöse Leben Egyptens war eine Verherrlichung des Tierischen, seine Mythen von Isis, Ofiris, Typhon und Hathor find eine Apotheose der Natzlrkräfte und der menschlichen Leidenschaften. Desgleichen find die Götter der kanaanitischen und der assyrischbabylonischen Völker Personifikationen der Wollust, der zeugenden und zerstörenden Kräfte, und ihr Kultus schamlose Unzucht, grausame Menschenopfer und Kinderverbrennungen. Gegen diese Erniedrigung der Menschennatur erhebt fich das Judentum mit seinem reinen Kultns, mit der Ausprägung seiner erhabenen Gottesidee im Gesetze wie ein lebendiger Protest und ruft den kühnsten, beseligendsten und gnadenreichsten Gedanken in die Welt hinaus: „Heilig sollet ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott!" Die Begründung des jüdischen Sittengesetzes liegt also jenseits der Sphäre des Naturlebens. Damit aber empfängt schon das Naturleben des Menschen, seine Leiblichkeit die Weihe der Heiligkeit, und indem seinem irdisch-stofflichen Wesen der Gottesgeist eingehaucht ist, wird der Mensch zum Träger des Gottesgeistes gestempelt. In diesem ethischen Sinne faßt das Judentum den Menschen als Mikrokosmos auf, als ein Wesen, welches die Welt, Gott und die sittliche Weltordnung in fich selbst im Kleinen abspiegelt. Die Gottesebenbildlichkeit erheischt es, daß er nach höchster moralischer Vollkommenheit strebe, um fich immer mehr seinem Ideale, seinem göttlichen Vorbilde zu nähern. Er soll fich immer mehr von den endlichen und materiellen Dingen unabhängig machen, seine Sinnlichkeit beherrschen und sie zu edler Harmonie mit dem Geiste erziehen. Er soll sie durchaus nicht etwa abtöten und vernichten, sondern regulieren, das Reis der Sittlichkeit auf fie pfropfen, mit einem Worte sie idealisieren. Dieser Standpunkt ist für das Sittengesetz des Judentums einzig und allein entscheidend. Ueberall, wo die sinnliche Willensregung im Menschen austritt und ihn in ihren Bann zu ziehen droht, tritt ihr der höhere sittliche Wille der göttlichen Vernunft reinigend und läuternd entgegen. Es wäre sicherlich nur zu begreiflich, wenn im Herzen eines Israeliten gegen einen Egypter oder Edomiter keine freundliche Teilnahme fich regen würde; es wäre sogar erklärlich, wenn ein gehäffiges Gefühl gegen die Angehörigen dieser Völker fich in ihm festsetzte. Doch die heilige Schrift hält es für menschenunwürdig, sich zu rächen und Groll nachzutragen, und schärft darum den Bekennern des Judentums ein: „Du sollst den Edomiter nicht verabscheuen, denn er ist dein Bruder und verabscheue nicht den Egypter, denn du weiltest einst als Fremdling in seinem Lande." Dieses letztere „denn" sagt mehr als eine ganze Charakterschilderung. Die heilige Schrift macht es ferner zur Pflicht, aller Abneiguug zum Trotze auch dem Feinde Gutes zu tun und Böses mit Gutem zu vergelten. So zieht fie den Fall in Betracht, daß jemand das Nutztier seines Feindes auf dem Felde herumirrend antrifft. In diesem Falle, in welchem selbst ein stoischer Philosoph für einen Augenblick sich der Schadenfreude nicht erwehren könnte, keineswegs aber sich veranlaßt fühlen würde, das Tier einzufangen und es seinem Besitzer zuzuführen, gebietet fie: „Du sollst es ihm zurückbringen." Das ist der hohe kategorische Imperativ des jüdischen Moralgesetzes und darin spiegelt fich die Wahrheit des von Schiller getanen Ausspruches: „Der Mensch in seinem physischen Zustand erleidet bloß die Macht der Natur, er entledigt fich dieser Macht in dem ästhetischen Zustand und er beherrscht fie in dem moralischen." In dem allgemein menschlichen -Charakter der jüdischen Ethik liegt der Schlüffel zu der in ihrer Schlichtheit und Klarheit so überaus ansprechenden Theodicee des Judentums, welche von der theosophischen Spekulation des Apostels Paulus und des Kirchenvaters Augustinus, an die fich die kirchlichen Lehrbestimmungen zum großen Teile mehr oder minder genau anschloffen, wohltätig absticht. Sie betrachtet das Uebel in finniger Weise als ein wesentliches Element der erhöhten Sittlichkeit, sofern aus ihm die duftige Blume des Mitleids und der Liebe hervorsprießt, sofern es die edelsten Formen des Daseins zeitigt, der werktätigen ethischen Gesinnung Grund und Gelegenheit zu hervorragender Entfaltung bietet. Leiden und Liebe gehören zusammen; Liebe gilt vor allem dem Leidenden, das Leiden weckt und ruft das Mitgefühl, welches das Glanzjuwel der die Stirne des Naturbeherrschers schmückenden Krone ist, es ruft die heilige, weltbefreiende, erlösende Liebe. Die heilige Schrift hat im Deuteronomium die Tatsache, daß es in der menschlichen Gesellschaft an Hilfsbedürftigen niemals fehlen wird, mit der Vorschrift der Wohltätigkeit in Verbindung gesetzt. Sie hat damit den fortwährenden Kampf der Liebe gegen das Leiden zur Pflicht gemacht. Mit der Einheit Gottes ist die Einheit der Welt unzertrennlich verbunden. Gelange die verschiedenen Erscheinungen der Natur, ihre Gebilde und ihre Kräfte als Gottheiten gedacht, Personenhaft getrennt vorgestellt werden, gibt es keinen Begriff der Welt, des Universums. Erst durch die Idee Gottes als des Einen und als des Bildners aller Naturgebilde entwickelt fich allmählich der Begriff des Weltganzen. Der Sinn erweitert, der Blick erhebt, der Gedanke klärt sich, die engen Schranken fallen, die Trennung verschwindet. Und so hören wir denn auch schon Melchisedek im Segen Abrahams, Moses in seinem erhabenen Schwanengesang und Jesaias in seiner großen Strafrede Himmel und Erde zusammen als Zeugen anrufen, und der Psalmist entwirft Bilder des Universums von einer Großzügigkeit und Einheit, die nicht leicht ihresgleichen hat. Gott ist aber auch Schöpfer des Menschen, aller Menschen. Nach der Bibel wurde nur ein einziges Menschenpaar geschaffen und nicht mehrere auf demselben Punkte oder auf verschiedenen Punkten der Erde, auf welchen Umstand der Talmud mit dem Bemerken hinweist, daß alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens und des Volkstums als Angehörige einer Familie fich betrachten und im Bewußtsein dieser Einheit des Menschengeschlechtes die Verträglichkeit, den Frieden, die Rechtsgleichheit und die Brüderlichkeit unter fich pflegen sollen. Und zum Danke dafür, daß der Talmud einen höheren und breiteren, sittlichen Standpunkt einnimmt als der göttliche Plato, welcher mit seinen nach Kalokagathie lechzenden Konnationalen die Nichtgriechen chauvinistisch als Barbaren brandmarkte und somit einem führenden Geiste unserer Stadt, den ich wohl nicht erst zu nennen brauche, die hohe Errungenschaft von den „lästigen Fremden" vorwegnahm, gefällt man sich darin, ihn zu verlästern und zu beschimpfen. Unter den eigentümlichen Grundzügen, welche das Menschengeschlecht als solches kennzeichnen, ist keiner so tief gewurzelt, keiner so unwiderstehlich wie das Bedürfnis nach Einheit und Gleichheit. Was wir Kostbares für Zeit und Ewigkeit besitzen, vor Allem die Freiheit, ist unmittelbar aus dieser Quelle geschöpft. Ja, die Behauptung ist gewiß nicht gewagt, daß sich der große Entwicklungsgang der menschlichen Kultur von ihrem Beginne bis zum heutigen Tage in seinen entscheidenden Wendepunkten immer der Schwungkraft und dem Flügelschlage der erwähnten Genien angepaßt hat. Die ganze Weltgeschichte legt davon das unzweideutigste Zeugnis ab. Die Einheit ist der Odem, welcher fie belebt, die Macht, welche alle ihre Verwicklungen zur Lösung führt. Die Folgerung liegt demnach auf der Hand, daß das Gesetz der Einheit das höchste

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