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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-09-17 · 38 (17.9.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 638 Dr. Blochs Wochenschrift. acht gelassen, was uns zur Ausgestaltung, zur Verschönerung und zur Verinnerlichung unseres Daseins geboten worden ist. Immer durften wir uns erfreuen an den Wundern der Schöpfung, an den Reizen, die die Natur zu jeder Zeit und Stunde dem liebevoll beobachtenden Auge dartut. Von allen Seiten strömte des L-bens Fülle auf uns ein. Wir durften uns erfreuen au den Segnungen der Kunst, an den neuesten Errungenschaften, die Menschengeist und Tatkraft ins Dasein gerufen, wir durften teilnehmen an ernsten, tiefen Fragen, die hohe Geister beschäftigen, wir durften unfern Gedanken Schwungkraft und Flug geben durch ernstes Arbeiten und durch die Beschäftigung mit dem, was edle und vornehme Geister als Ergebnis jahrelanger, mühevoller Arbeit in Wort und Schrift uns dargetan. Wir durften Liebe genießen von denen, die uns nahe stehen, Freundschaft und herzlicher Gedankenaustausch ward uns zuteil, auch Erfolg und gesegnete Arbeit verklärte dann und wann unser Dasein. Nicht immer gingen wir durch dunkle Wege, immer wir der zeigte sich dem Hoffnungsmüden ein Sonneublick. wenn oft auch nur flüchtig, so doch erwärmend und beruhigend. Immer weiter und weiter, immer tiefer und tiefer bohren sich unsere Gedanken in die Reihe vergangener Tage. Iu unserer Seele, die nichts weiter in dem Augenblick der Erregung und der beginnenden Andacht gekannt, als heißes Begehren, Wünschen und Hoffen, wird es ruhiger. Die bange Frage: „Warum" schweigt. Eine stille Wehmut breitet sich über unser Empfinden aus. Wir fühlen, daß wir nicht berechtigt sind, nur zu fordern, sondern daß wir Pflichten haben, nicht nur nach außen, sondern auch geg-n uns selbst, gegen unser Del ken und Empfinden. Wir fragen uns: Ha'en wir dem Leben W>it geballen? Diciem Lebe», das e«wä nt-nö und b f u1tenb durch imieie A ern rinnt und uns fähig macht, den Platz auf Erden auszufüllen. Wir halten den Schatz iu der Hand, wir sollen die Bildner sein, die ihn formen und ausg-stalten, daß die tausend edlen Kerne, die in ihm ruhen, zu Strahlen werden, die iu uns leuchten, uns durchglühen und uns reich machen au Werten, die dauernd sind, die keine Zeit vermindert, die wachsen und reifen und ihren Segen täglich und stündlich aus uns ausgießen. Je mehr wir diese inneren Schätze sammeln, je mehr wir sie durch stete Arbeit an uns selbst mehren, desto fester werden wir in dem Getriebe der Welt stehen. Sie werden uns ein Fels werden, den die Brandung des Lebens wehrlos umflutet, sie werden uns stark machen, allen Ereignissen des Daseins in Ruhe entgegen zu sehen. Das Unglück wird uns nicht hoffnungslos machen und verbittern, die Enttäuschungen werden uns nicht Niederdrücken, die Einsamkeit wird ihre Schrecken verlieren, denn das Leben, dem wir Wort gehalten, wird in uns wirken und uns zeigen, daß wir trotz all der herben Schickfalsschläge doch so unendlich reich sind an dem, was wir an uns selbst und in uns besitzen. Und wenn dann die Gnadenhand des Schöpfers unser Dasein zeitweise verklärt durch ein Erfüllen unserer Sehnsucht, dann werden wir dankbarer und weiser diese Gnade empfangen und uns bewußt fein, daß wir ein Geschenk erhalten, und uns doppelt bemühen, dessen würdig zu werden. Nicht begehren und nicht fordern, sondern an uns selbst arbeiten und dem Leben Wort halten, die große Verantwortlichkeit jeden Tag und jede Stunde fühlen, daß wir das kostbare Gut. das uns der Schöpfer in die Hand gegeben, hüten sollen, das ist der Grundgedanke, der unsere Seele zur Jahreswende bewegen muß. Nicht draußen ist das Glück zu suchen, nicht in der Erfüllung der äußeren Wünsche, die Ehrgeiz. Genußsucht erstreben, sondern in uns liegen tausend Faden, die, von uns zusammengefügt, das bilden, was den Edelkern unseres Seins ausmacht, was uns fähig werden läßt, zu leben in dem höchsten Sinne des Wortes und uns heranreifen läßt zu dem Ideal, das dem Schöpfer vorgeschwebt, als er dem Menschen, dem vernunftbegabten Wesen, den erobernden Platz auf der Erde angewiesen. So möge das Leben, das uns tausend Güter in die Hand gegeben, nicht irre an uns werden. Es soll uns vorbereitet finden, seine Gaben so zu verwerten, daß wir bleibenden Nutzen, dauernde Freude daraus schöpfen. Doch der Allerbarmer, den wir in der Scheidestunde des Jahres näher fühlen, Er möge seine Hand segnend auf all Denen ruhen lassen, die in ernstem Streben gewillt sind, dem Leben im höheren Sinne des Wortes Wort zu halten. Seine Gnade möge dauernd das Leben Derer verklären. die auf Ihn hoffen und im ernsten Wollen zu ihm hinauf streben, und auch Jene möge sie erleuchten, die vergebens ringen, um äußeren Wünschen Herr zu werden, die die Bitternis des Unglücks kraftlos und müde macht, die den dunklen Weg in der Irre wandern und immer von außen her das suchen, was sie niemals dauernd beglücken und befriedigen kann. Wenn wir in der Jahreswende um das Leben beten, so sollen wir auch um die Kraft bitten, es so zu leben, es so zu würdigen, es so zu gestalten, wie es wert ist, gelebt, verstanden und gewürdigt zu werden. Dann wird die Zukunft nicht in ihrem Dunkel uns Furcht einjagen, die Schatten der Vergangenheit werden nicht drückend auf uns lasten, die Gegenwart wird uns arbeitsfroh und freudig finden und jeden Augenblick werden wir uns bemühen, wirkliche Hüter des Schatzes zu sein, den er uns in die Hand gegeben. So möge die Scheidestunde uns nicht verzagt finden, sondern hoffnungsfroh und freudig. Nicht in banger Erwartung, sondern arbeitsfroh, schaffensfreudig und dankbar für das, was wir empfangen uua was wir in uns zu baue »dem Leben, zu dauerndem Glück ausgestalten wollen. Grundlegende Ideen des Judentums. Vortrag*), gehalten im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" zu Wien am 19. Mai 1809. Von Bibliothekar Dr. Beruh. Münz. Die Geschichte der Juden ist eine vergeistigte Geschichte. Israel ist von Haus aus der Bannerträger des Menschheitsideals, welches trotz aller scheinbaren Niederlagen stetig und kontinuierlich die Welt umgestaltet. Die Ideen, zu deren Verkünder es berufen ward, find einfach, wie alles wahrhaft Große und Bleibende, und lassen sich zurückführen auf die Einheit Gottes und die sich aus ihr mit zwingender Notwendigkeit ergebende Einheit, als da sind: die Einheit der Person, der Natur und des Menschengeschlechtes. Aus dem Antagonismus, in welchem Israel durch diese Ideen zu der übrigen Welt trat, und aus dem Kampfe, den es für sie zu bestehen hatte, lernt man seine ganze Geschichte von den ältesten bis herab zu den neuesten Zeiten begreifen. Aus ihnen fließt der Glanz, der es verklärt, und zugleich alles Unheil, das sich über seinem Haupte entlud; sie bilden seinen unsterblichen Ruhm und zugleich sein endloses Martyrium. Alle Völker des Altertums suchten ihre Gottheit in den verschiedenen Naturerscheinungen, welche in irgend einer Weise ihre Sinne oder ihre Phantasie lebhaft erregten, Gefühle der Wollust oder des Schmerzes in ihnen erzeugten, sie mit Hoffnung oder mit Furcht und Schrecken erfüllten. Mit dem rohesten Fetischismus beginnend, stiegen sie allmählich die Stufenleiter der sichtbaren Schöpfung hinan und beteten nacheinander oder auch abwechselnd die Elemente, die Pflanzenwelt, die Tierwelt, die Sternwell und endlich den Menschen selbst an. Sie blieben an der Welt mit ihren vielfältigen und widersprechenden Erscheinungen hasten und gelangten demgemäß mit Notwendigkeit zu ebenso vielfältigen und widersprechenden Gottheiten, welche in ewigem Streite miteinander lagen. Das Judentum hingegen *) Siehe Nr. 23 der „Oesterr. Wochenschrift" 1909, S. 386,

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