Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 634 Dr. Blochs WoKenschrtst. Nr.;37 Da wird es endlich eins, und er mutz gehen. Er beginnt geduldig und ergeben seine Wanderung. Er geht straßauf, straßab. Stunde aus Stunde. Er zieht die belebten Straßen vor, weil man dort nicht so sehr auffällt, den Wosnessenski-Prospekt, die Sadowaja, den Newski. Die Kais meidet er, 'weil es dort, so sagt er sich, feucht sei, weil es dort „zieht". In Wirklichkeit aber fühlt er sich unbehaglich angesichts all der Paläste, er hat das Gefühl, daß an jeder Ecke dort ein Minister steht und Wache hält und den Blick auf ihn gerichtet hat. Nein, da will er schon lieber sein Inkognito wahren. Hier und da gibt es sogar eine Bank, eine Stufe, da könnte er sich eigentlich für einen Augenblick ausruhen, seine Füße sind ihm einfach geschwollen. Aber so lange er geht, wird ihn kein Mensch anhalten. Kaum aber setzt er sich um diese Zeit für einen Augenblick, so ist gleich ein Gordo'woj da und erkundigt sich leutselig nach seinem Wohlergehen. Wenn er an so einem Gordowoj, ja sogar an einem Dwornik vorbeikommt— er weiß ja, daß sie ihm hier auf der Straße nichts antun werden —, empfindet er in seinem Herzen einen Ruck, und er duckt sich im Innern gleichsam zusammen. Er ist der Feind, dem er nicht gewachsen ist. An der Ecke steht ein lustiger, halbwüchsiger Bursche mit einem flachen Samowar auf der Brust und bietet ihm Tee an. Schon wieder Tee! Als wäre er nach Petersburg nur gekommen, um Tee zu trinken! Und dann diese schmutzigen, dicken Gläser! Doch der Bursche winkt ihn heran und schickt sich an, ihm etwas zuzuflüstern. Da wird der Wanderer begierig. Also, ob er nicht Schnaps haben wolle, ein Schnäpschen? Der Verkauf von Branntwein um diese Zeit, dazu noch auf der Straße, dazu noch ohne Konzession, wird hart bestraft, aber desto besser verdient man dabei. Und der Bursche zeigt ihm verstohlen, was auf andere eine Zauberwirkung ausübt, ein Monopolfläschchen. Nein, er dankt. Was der Bursche ihm da Zutrauen mag; er ist doch kein ,Tonje, kein Säufer: ein Jude betrinkt sich nicht. Oder, vielleicht ihn fragen —? Ach, was, häng' er sich auf! — Eine stark rauchende Dirne kreischt ihm mit heiserer Stimme entgegen: „Mann, kommst du mit mir?" Mann, das ist die technische Anrede. Doch er sieht zu Boden und schüttelt, würdevoll verneinend, den Kopf. Einmal und nicht wieder. Ms er das letztemal hier war, vor bald anderthalb Jahren, und als er eine bittere Frostnacht durchspazieren mußte, da hatte er sich von solch einem Wesen ansprechen und sich zu ihr nach Hause führen lassen. Den ganzen Weg war es ihm, als ob er auf Stecknadeln ginge, und als ob seine ganze Heimatstadt hinter ihm her sei und auf ihn mit Fingern zeige. Und als er dann mit ihr auf der Treppe angelangt war, da hat er sich zu erkennen gegeben, ihr einige Rubel in die Hand, gedrückt rund ,fie gebeten, ihn bei ihr allein zn lassen und selber mäh der. Straße zurückzukehren, sie werde schon anderswo die Nacht verbringen können. Das Geschöpf zeigte ein gutes Herz und ging darauf ein. Abek es war ihm da oben fürchterlich zumute. Der Gedanke an all die Unzucht, die da getrieben jtojorfcen war! Es war unheimlich auszudenken, und er hatte das Gefühl, Mz ob irgend etwas an ihm kleben bliebe. MnmÄk Md nicht wieder. Und schließlich ist er doch cmch nur Ins Fleisch und Blut, nicht mehr als ein Mensch. Rem, nein. Die zweite Nacht war er auch damals durchspaziert. So eine endlose Petersburger Nacht, an zwanzig Grad Frost, und diese fürchterlichen Winde, diese Petersburger Winde! Wie mit Messern schneiden sie. Irgendwo, auf dem Marsseld bleibt er vor einem Scheiterhaufen stehen, wie sie in Petersburg bei starkem Krost auf den Straßen brennen, und obwohl einige Schutzleute und Dworniks daneben stehen, tritt er dennoch hinzu und wärmt sich. Die Leute lassen ihn ruhig stehen, sie wärmen sich und unterhalten sich ganz anständig über ihre Dörfer und ihre Sorgen. Die Polizisten stehen da und streichen sich mit der Rückfläche der behandschuhten Hand den Schnurrbart, die Dworniks sitzen auf Holzklötzchen und werfen Holzscheite in das hochflackernde Feuer, Kutscher kriechen aus ihrem Schlitten heraus, treten herzu, schlagen die Schöße der langen, breiten Kaftane zurück, damit die Wärme besser herankommt, und erzählen allerlei Schauergeschichten von Erfrorenen und Wölfen und vergrabenen Schätzen. Die Wärme hat sie alle gutmütig gestimmt, und viel seltener hört man sogar den Mutterfluch. Rings um das Feuer ist eine Wasserlache, und auf dem Schnee liegen die langen, flackernden Schatten der Umstehenden. Ihm wird so wohl und so matt in den Gliedern, daß er sich am liebsten auf den Schnee legen und einschlafen möchte. Aber anderswo, auf der Sadowaja, sieht er einen Betrunkenen heranschwanken. Ein gelangweilter Schutzmann tritt an den Taumelnden heran und versetzt ihm einen Fußtritt, daß er hinfällt. Dann beginnt der Schutzmann, dem am Boden Liegenden mit seinen dicken Handschuhen die Ohren zu reiben. Einige grinsende Dworniks kommen mit zynischen Rufen herangewatschelt, und man versetzt dem blöde und zusammenhanglos Stöhnenden neue Fußtritte; alsdann zieht man ihm die Hosen ab und reibt seinen nackten Körper mit Schnee. Nein, die Leute haben wirklich kein Herz. Er weiß, der Betrunkene wird zu guter Letzt auf eine Droschke geworfen, während der Kutscher sich vor dieser unentgeltlichen Fahrt zu drücken sucht, und nach dem Revier gebracht, in den Karzer geworfen, oder wenn dieser überfüllt ist, in den Stall, und die Mißhandlung wird fortgesetzt. Und wenn der arme Jude abgefaßt .wird, wirft man ihn in den Karzer zu den Betrunkenen Auf dem Newski begegnet er einem jungen Mann in einem leichten Paletot und einem Baschlik mit hilflosen, großen, dunklen Augen und vor Frost entstelltem Gesicht. Sie sehen einander, sehen sich ernst an, und. als sie vorüber sind, drehen sie sich beide noch einmal um. Sollte man nicht stehen bleiben und sich aussprechen? Das war ein Stammesgenosse, der sicherlich in derselben Lage ist, wie er selber. Das mag ein junger Künstler sein, der nach Petersburg gekommen ist, um etwas zu lernen, sich durchzuringen. Und wenn er mal zu Ehren und Ruhm gelangt ist, wird, die „Nowoje Wremja" ihn für sich mit Beschlag belegen. „Unser russischer Aniokolski", „unser russischer Rubinstein". Eine üble Zeitung, die „Nowoje Wremja". Aber erst die armen Mädchen! So manche hat sich als Prostituierte eintragen lassen, hat ein „gelbes Billet" bekommen, nur um das. Wohnrecht zu erhalten und. ruhig studieren zu können. — — Ja, man soll, behüte/ nicht sündigen. Jetzt i.m Sommer ist es doch, Gott sei Dank, gar nicht so schrecklich. Aber müde ist er dennoch, schrecklich müde, im ganzen Rücken, in den Beinen zieht es, drückt es. All die schönen Läden, die leerstehenden Paläste, wie das alles unbenutzt dastehl, wie schön man doch darin schlafen könnte! Und wozu spazieren all diese dummen Leute herum, wenn sie doch nach Hause gehen könnten und sich schlafen legen? Hm, sie alle haben das „Recht"! Es sind Diebe darunter, Trunkenbolde, Mörder: hm, wenn sie nur keine Juden sind; eigentlich ist es doch gar nicht recht. Warum denn? Ach ja, Petersburg ist eine große Stadt, eine schöne Stadt, aber nichts für Juden. Er begreift es sehr gut, wenn so manche Kaufleute erster Gllde, die nach Petersburg kommendes vorziehen, in gewissen Gasthäusern unangemeldet abzusteigen, obwohl sie das. Wohnrecht haben: aber sie zahlen gern