Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021856--18616-3043554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 638 Nr. 37 frommen, jüdischen Frau, ivie sie der Pmlmist schildert, ausgestattet, betätigte sie ihre Wohltätigkeit weit über ihre Verhältnisse und au feine Weise, daß es dem Beschenkten, vorkam, als erweise er der edlen Wohltäterin eine Gefälligkeit; .sie wurde deshalb in allen Kreisen hochverehrt, was sich auch bei rhrem am d. M. stattgefundenen Leichenbegängnisie durch die imposant: Teilnahme der vielen Korporationen und Vereine bekundete. Um dle Verblichene trauern ihre drei Söhne, die sich in angesehenen -Stellungen befinden und von denen der jüngste der rühmlich bekannte Kunstmaler Ludwig Ehrenhaft ist, sowie die einzige Tochter, Gemalin des Herrn Med.-Dr. Sigmund Weiß, Knltusvorsteher in Boskowitz. An ihrer Bahre hielt ihr Herr Rabbiner Dr. Fink aus Boskowitz, der die Verstorbene in ihrer Familie und ihrem Wirken kennen zu lernen Gelegenheit hatte, einen tiefempfundenen Nachruf und blieb bei dem ihrem so gottgefälligen Leben gewidmeten Rückblicke kein Auge trocken. W. Kiew. Auf eine Anfrage des Rektorats des hiesigen Polytechniküms, ob Juden zu der in diesem August stattfindenden Aufnahmeprüfung zugelassen werden können,, erwiderte der Handelsminister. daß in diesem Jahre, überhaupt keine Juden in dieser Hochschule Aufnahme finden können, da die Prozentnorm daselbst bereits erreicht ist. Dreißig Juden, die im Jahre 1907 eine Realschule absolviert und bisher im hiesigen Polytechnikum noch keine Aufnahme gefunden haben, erklärten solidarisch, daß sie, falls ihnen auch in . diesem Jahre die Pforten des. Polytechnikums verschlofien bleiben sollten, aus Verzweiflung Selbstmord begehen müßten. London. (A m t s a n t r i t t.) Se. Ehrwürden Rabbiner Viktor S ch ö n f e l d tritt Freitag den 10. September d. I. sein Amt als Rabbiner der „North London Beth-Hamidrash*- Gemeinde an. Konstantinopel. Der Sultan hat den jungen jüdischen Komponisten Lam aus Nikolajeff (Rußland) die goldene Medaille Bos-Ar verliehen. Die Emigrationskonferenz in New Aork. Aus New-Dork wird gemeldet: Vor kurzem tagte hier eine zweite Emigrationskonferenz, an der sich Vertreter von 60 jüdischen Organisationen in New-Aort und benachbarten Städten beteiligten. Es wurde ein Komitee gewählt, dem von der Konferenz die Aufgabe erteilt wurde, eine Agitation gegen den Kommissär Williams und dessen barbarisches Verhalten gegen die Einwanderer in die Wege zu leiten und sich zum Zwecke eines gemeinsamen Vorgehens mit Vertretern anderer Staaten in Verbindung zu setzen. Ausschließung von Juden von der Moskauer Universität. Petersburg, 4.. September. Die Moskauer Universität wurde vom Unterrichtsministerium benachrichtigt, daß die 60 neuaufgenommenen jüdischen Studenten wieder ausgeschlossen werden.müßten, weil die Juden bereits 6 Prozent der Studenten der Moskauer Universität ausmachen. Der Univerfitätsrat beschloß, in Anbetracht der verzweifelten Lage der neuaufgenommenen Juden, um ihre Belastung in der Universität zu petitionieren. Der Dertriedene. Von Paul Garchan. Gehl man in der weißen Petersburger Morgendämmerung, in der bleiernen Luft mit einem bleiernen Geschmack im Munde, heim, den Newski hinunter, vorbei an all den Erscheinungen der Alllagsgemeinheit, hes Elends, der Langeweile, des Stumpfsinns, der Trunkenheit und der Roheit — all der schlummernden menschlichen Gewalten, die um diese Zeit grinsend hervorkriechen, dann kann man einem sonderbaren Menschen begegnen, der in diese Umgebung so gar nicht Hineinpassen will und den der Uneingeweihte so gar nicht unterzubringen weiß. Er hat nichts von der Hastigkeit, Ungebundenheit, Ungemerthert, von diesem Sichzuhausefühlen all jener Stammgäste des Newski in den nächtlichen Stunden. Er geht gemessen, aber unsicher, mit rundem, geducktem Rücken, und den Hut etwas nach dem Nacken verschoben, wie bei einem Menschen, der in Sorgen nachdenkt und die Lebensformen, nicht mehr beachtet. Die Hände hallt er bato nach hurren verschränkt, dato fühlt er 0le R^cyie ans Gesicht und streicht und zupft an seinem Bart, bald gestikuliert er kalkulierend mit seitwärts gebogenem Daumen. Das ist der Jude, der nicht das Wohnrecht in Petersburg hat, der die Nächte auf der Straße zubringt, um bei einer nächtlichen Haussuchung nicht abgefaßt zu werden. Er ist aus dem Ansiedlungsrapon hergekommen, sei es, um durchzusetzen, daß sein Sohn an der Universität ausgenommen wird, — da gibt es kniffliche Vorschriften für studierende Juden und infolgedessen Stellen, die geschmiert werden wollen —, sei es. um bei irgend einer Verlvammg die geforderte Äonrrtvurwn zu tutnateu (confer die Senatorenrevisionen, die Affären Alafllsow, Tiel und Co. und all die unzähligen anderen-, sei es, um einen berühmten Professor zu konsultieren. Nach Königsberg oder gar nach Berlin zu fahren ist es zu weit, zu kostspielig, und die Warschauer Koryphäe ist gerade verreist oder verschickt. Kurz, in wichtigen Angelegenheiten ist er da. Er ist abgestiegen in einem Gasthaus, in möblierten Zimmern, wo man (gegen den zwei- bis dreifachen Preis) „wohnen kann", will heißen: unangemeldet, da die Dworniks und die zuständigen Stellen im Polizeirevier bestochen sind: oder er ist bei einer befreundeten Familie abgestiegen, die unter der Gefahr einer hohen Strafe, ja sogar unter Umständen des Ausgewiesenwerdens ihn beherbergt. Ein paar Tage ging es gut, aber da erklärte eines späten abends der Dwornik, der entweder nächts bemerkt hatte oder mit sich reden ließ, er könne nicht mehr, oder es wird auch einfach ein Nächtlicher „Rundgang" der Polizei erwartet. Wenn nun der Fremde spät abends, abgehetzt unk müde von den Aufregungen, der Enttäuschung und dem ungewohnten Trubel der 'Großstadt nach Hause kommt, mit der Sehnsucht nach dem Bett, empfängt man ihn mit langen Gesichtern und flüstert ihm, (daß nur das Stubenmädchen nichts merkt) verwirrt, im abbittenden Tone zu, er könne heute nacht hier nicht bleiben. Er empfängt die Nachricht mit einer hilflosen Ruhe, mit jener Ergebenheit auf dem Gesicht, die sich nur in Rußland herausgebildet hat und die besonders die russischen Juden kennzeichnet. Er bleibt noch eine Weile im Hut und Mantel sitzen, trinkt noch ein Glas Tee, dann geht er hinunter auf die Straße. Unten auf der Straße bleibt er für einen Augenblick stehen und überlegt. Er erblickt den Dwornik, der am Tor Wache hält, und in seinem schweren, gekränkten Herzen empfindet er .ejine wohltuende, erwärmende Erleichterung: nun fürchtet er diesen Menschen nicht mehr, nun braucht er auf ihn nicht mehr mit dem beklemmenden Gefühl der Abhängigkeit zu schauen. Er wendet sich nach dem Newski und betritt die Konditorei von Fili'ppow; diese ist bis ein Uhr geöffnet, und da kann man doch wenigstens so lange sitzen.. Ein weißbeschürzter junger Kellnerflegel tritt an ihn heran und fragt diensteifrig: „Was befehlen Sie, Herr?" „Was? Tee!" antwortet er halb gereizt, halb erstaunt, da es doch selbstverständlich ist, was er „befiehlt". Zum Teufel den Tee. zum Teufel den Kellner! Er möchte diesen Burschen in die Ecke nehmen und ihn vertraulich, gütig st zuredend fragen, ob er hier nicht über Nacht bleiben dürfte. Hier auf dem Stuhl. Na, aber er wird sich lieber nicht lächerlich machen. Er sich mir emem Gesüßt des schmerzhaften Neides auf den Raum, auf die Stühle, die eine ganze Nacht unbenützt bleiben.