Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Str. 37 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 629 Um diesem Uebelstande abzuhelfen, ist aus dem israelitischen Frauenvereine im VIII. Bezirke in Wien ein Zweigverein hervoryegangen, welcher unter dem Präsidium der Frau Amalie Beck die Elite der jüdischen Kreise Wiens vereint und es sich zur Aufgabe gemacht hat, hier ein Rekonvaleszentenheim für arme jüdische Frauen und Kinder zu errichten und somit solch armen Kranken die Gelegenheit zur vollkommenen Herstellung ihrer Gesundheit zu bieten. Nach jahrelanger, hingebungsvollster Tätigkeit des Vorstandes dieses unter dem Titel „Rekonvaleszentenheim Philantropia" so hervorragend menschenfreundlich wirkenden Vereines ist es auch gelungen, in Wien, XIII., Lainzerstraße 172, ein für diesen Zweck vorzüglich geeignetes Haus samt herrlichem alten Garten zu erwerben, welches auch mit allen hygienischen Einrichtungen versehen wurde. Im Jahre 1908 anläßlich des glorreichen Regierungsjubiläums unseres erhabenen Kaisers wurde dieses Heim eröffnet und seiner Bestimmung übergeben. Seither finden arme jüdische, aus den Spitälern entlassene, rekonvaleszente Frauen und Kinder bis zur völligen Herstellung ihrer Gesundheit in diesem Hause ein Heim, entsprechende ärztliche Behandlung, liebevolle Pflege und eine rituell zubereitete, gute, nahrhafte und ausgiebige Verköstigung. Allein durch den Ankauf des Hauses und Errichtung dieses Heims, sowie durch die kostspieligen Innen- und hygienischen Einrichtungen ist der größte Teil des Vereinsvermögens aufgebraucht worden und die Erhaltung eines solchen Heims, mit einer stets namhaften Anzahl Patienten, erfordert laufend einen größeren Geldaufwand, welchen der Verein unmöglich aus eigenen Mitteln bestreiten kann und ist es ein G e b o t dringendster Notwendigkeit, daß diesem so eminent wohltätigen, in seiner Art einzigen Vereine, welcher speziell Patienten jüdischen Glaubens ohne Rücksicht auf deren Landeszugehörigkeit aufnimmt und gesunden macht, auch aus weiteren Kreibn unserer edelmütigen Glaubensgenossen Unterstützungen zugewendet werden, um ihm dadurch die Erfüllung seines humanen Zweckes zu ermöglichen. . . . Es kann jedermann diesem hervorragend wohltätigen Vereine gegen einen Jahresbeitrag von X 6.— als Mitglied, mit einem einmaligeu Beitrage von EL 200.— als Gründer und mit einem Beitrage von K 5000.— als Stifter beitreten. Wir appellieren an die Hochherzigkeit, an das Mitgefühl unserer Glaubensgenossen, diesem so eminent menschenfreundlich wirkenden Verein durch zahlreichen Beitritt als Mitglieder, Gründer und Stifter, durch Spenden und Legate zu unterstützen und so dessen edles Ziel zu fördern. Beitrittsanmeldungen, Spenden aller Art, sowohl an B argeld wie auch an Naturalien werden in der Kanzlei des Vereines. „Rekonvaleszenlenheim Philantropia" in Wien. YIII/1, Langegaffe 1, und im He:m, Wien, XIII., Lainzerstraße 172, dankbarst angenommen und im Rechenschaftsberichte ausgewiesen. Erwachen der jüdischen Selbstachtung in Bosnien. In Sarajewo fand dieser Tage das nachfolgende Zirkular massenhafte Verbreitung: Juden! Wie die Tagesblätter melden, beabsichtigt eine Bndapester Orphenrn-Gesellschaft unsere Stadt dieser Tage mit ihrem Besuche zu beehren. Es ist allgemein bekannt, in was für einer Weise bei derlei „Kunstdarbietungen" das jüdische Familienleben, untere Sitten und Gebräuche verhöhnt und in den Kot gezerrt werden. Uns ist es darum zu tun, daß Diejenigen, die ein Interesse für das Judentum haben, sich über dasselbe an anderer Stelle Informationen holen. Es ist eine traurige Tatsache, daß in Wien, Budapest und den anderen Großstädten es fast durchwegs Juden find, die an solchen Darbietungen Gefallen finden, noch trauriger aber ist es, daß Viele diese uns entwürdigenden Lügen, diese geistlose und gemeine Persiflage und Karrikatur als das wahre Bild des Judentums und jüdischen Lebens ansehen. Wir halten es darum für eine Ehrenpflicht der selbstbewußten Sarajewoer Judenschaft, dieses freche Attentat auf ihr Nationalbewußtsein mit Entrüstung zurückzuweisen und diesen Vorstellungen fernzubleiben. Wer sich nicht selbst achtet, ist auch der Achtung der Anderen nicht wert! Die Sara jewoer jüdisch-akademische Jugend. lleber Zellenbesudelungen in deutschen Badeorten, die bekanntlich vielfach von Antisemiten verübt werden, schreibt neuerdings das Stuttgarter ..Neue Tagebl.": In allen deutschen Bädern, auch in den ^vornehmsten", sind die Zellen besudelt. Mit insipiden Entzückungen über die Schönheit der Landschaft, mit rüden, seruellen Zoten und mit Beschimpfungen der Juden. Wer sich Leib und Seele reinbaden will, muß zuvor — er mag wollen oder nicht — ein Schlammbad über sich ergehen lassen. Denn während der indifferenten Handlung des An- und Auskleidens haftet das Auge unwillkürlich an den Sudeleien, die die Wände bedecken. Wie die Volksseele sich hier enthüllt, das ist zum Erschrecken. Was da geschrieben steht, das ist so abscheulich roh. häßlich und dumm, daß man sich seiner Zeit und seines Landes schämen möchte. Wer aber schreibt diese Dinge? Das Publikum der deutschen Ostseebäder setzt sich im wesentlichen aus dem mittleren Bürgerstand zusammen. Also recht eigentlich der Kern unseres Volkes: und zudem Männer, die eine höhere Schule besucht haben und deren Empfinden durch anständigen Umgang und saubere Lektüre geläutert sein müßte. Man kann einwenden, die Schmierfinken seien meist wohl Jünglinge, und der Most, der sich absurd gebärde, gebe vielleicht doch noch einen guten Wein. Aber sehr viel besser wird die Sache durch diese Beschönigung, die die Gegenwart auf Kosten der Zukunft entlastet, nicht, und überdies zeigt der zum großen Teil politisch und wirtschaftlich gefärbte Charakter der Sudeleien, daß hier Männer sprechen, die das zwanzigste Lebensjahr überschritten haben, Toren also, die leider nicht mehr als. unmündig gelten können. In französischen Bädern findet man meines Wissens die Sudeleien nicht. Je freier Gedanke. Rede und Lehre sich bei uns ausleben dürfen, desto seltener werden hoffentlich diese Ergüsse hinter verschlossenen Türen werden. Den Rowdies und den Dummköpfen, die das Kontingent der Zellensudler stellen, soll man. wo es nur angeht, ihr unsauberes Handwerk legen." Indische Organisationen in Palästina Seit Einführung der türkischen Konstitution hat sich die Zahl der jüdischen Organisationen in Palästina stark vermehrt. Der erste Verein, der gleich nach Proklamierung der Verfassung gegründet wurde, ist der ..Verein ottomanischer Juden", deffen Ziel die Propagierung der ottomanischen Staatsbürgerschaft unter den palästinensischen Juden ist. Der Verein, der fast in allen Städten Palästinas Zweigvereine besitzt, arbeitet wohl mit viel Energie, jedoch nicht mit jenem Erfolge, der ursprünglich erhofft wurde. Viel Schuld an diesem Mißerfolg ist der Umstand, daß die einzelnen Vereine mit einander in fast gar keinem Kontakte stehen. Vor einem Monate ungefähr wurde in Jaffa ein jüdffcher Lokalverein gegründet, dem fast alle Iaffaer Juden angehören und dessen Statuten im ganzen aus 9 Punkten bestehen. Der Verein ist eigentlich ein Rechtsschutzverein für jüdische Einrqanderer, die unter den Schwierigkeiten, die ihnen bei der Landung die türkrchen Behörden bereiten, noch immer sehr viel zu leiden haben. Eine Art jüdisches Repräsentantenkomitee bildete sich in Jerusalem. Das Komitee besteht aus 7 Mitgliedern und ist in jüdischen Fragen die Vermittlerin zwischen den Juden und der Regierung und deren Behörden. Es ist nur bedauernswert, daß das Komitee, das bisher nicht ohne Erfolg gearbeitet hat, die sephardischen Juden ausschließt, während letztere sich zu einer eigenen freien Organisation nicht aufzuschwingen vermögen. Schließlich sei noch der ..Jüdisch-Nationale Verein" erwähnt, der gleichfalls die Vertretung der allgemeinen Interessen der Juden zum Zwecke hat. Viel getan hat diese Organisation bisher auf dem Gebiete der Abwehr des Miffionsunwesens in den Städten und Kolonien. In letzter Zeit hat sich eine Anzahl jüdischer Mädchen aus materieller Not zur Taufe verleiten lassen. Der Leitung des „Jüdisch-nationalen Vereines" gelang es, die Mädchen dem Judentum? zurückzuführen und sie anständig unterzubringen.