Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 626 De. Vlochs Wochenschrift. Nr. 37 Vom Jahrmarkt des Lebens. Der geachtete Zar. Zar Nikolaus hat sich entschlossen, den angekündigten Besuch beim Sultan und bei dem König von Italien aufzugeben. Er fürchtet sich vor den Völkern sowohl des Ostens als auch des Westens, denn er weiß sich von ihrem Hasse verfolgt. Aus Italien drang zu ihm das erregte Rufen der Menge, das den unliebsamen Gast nicht wollte und die ikblichen Phrasen der Regierenden überschrie. Schon einmal hatte der Zar vor diesem leidenschaftlichen Gebaren, das nichts Gutes versprach, die Flucht ergriffen. Vor Jahren war sein Besuch Italiens unterblieben, wie er heute unterbleibt, ungeachtet aller Staatsraison, die auch die Visite der neu erwachten Türkei für wünschenswert hielt. Schon in England ist ihm die Angst überkommen und nun vernimmt er die grollenden Stimmen aus Italien und aus Konstantinopel, er liest von armenischen Anarchisten, wie der offizielle Bericht sie nennt, von Revolutionären, wie es wahrscheinlicher ist, die zur Zeit des nahen Zarenbesuches in der Türkei verhaftet werden. Zar Nikolaus wird von der peinigenden Angst verfolgt, wie einer, der sich, seiner Greuel bewußt, in die Dunkelheit flüchtet und das helle Tageslicht scheut. Er weiß, daß die Welt ihn nunmehr kennt als den Mitwisser und den geistigen Antreiber der Schande Rußlands und der Greuel, die sich in seinem weiten Reiche zutragen. Die Völker empfinden vor diesen Vorgängen Abscheu und Entsetzen. Warum sollte er nicht fürchten, einem freien Lande sich zu nähern? Er bleibt lieber daheim unter dem Schutz der Festungsmauern seines Palastes. Für die jüdische Massenausiedluug in Palästina. Aus Berlin wird telegraphiert: Der Präsident David W o l f f s o h n, der sich zur Zeit in Konstantinopel aufhält, hat an das Berliner zionistische Aktionskomitee ein Telegramm gerichtet, worin er mitteilt, daß es ihm nach langwierigen Verhandlungen mit der türkischen Regierung gelungen sei, von dieser die strikte Zusage zu erhalten, zehntausend jüdischen Familien die Ansiedlung in Syrien und Palästina zu gestatten. Die diesbezüglichen Vorbereitungen werden bereits in allernächster Zeit eingeleitet werden. Ei« deutschuationaler antisemitischer Reichtstags- Abgeordrreter als Mädcherchäudler. In Hamburg verhaftet. Berlin, 6. September. Eine Affäre, die nicht nur durch die in sie verstrickte Persönlichkeit, sondern ebenso durch die Bizarrerie ihrer psychologischen Triebe frappant ist, hat sich in Hamburg zugetragen. Die Hauptrolle hatte dabei ein deutscher Reichstagsabgeordneter Schack inne, der Mitglied der antisemitischen ^deutsch-sozialen" Partei ist. Er ist Vorsitzender des antisemitischen deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes Deutschlands. Dieser Reichstagsabgeordnete, der sich in verschiedenen postlagernden Briefen den Namen „Triole" beilegte, hatte seit einiger Zeit in einer Hamburger Zeitung ein Inserat erscheinen lassen, in welchem in unverfänglicher Form eine Reisebegleiterin für ein Ehepaar gesucht wurde. Darauf meldete sich unter anderen eine junge Dame aus guter Hamburger Familie, die dann aus Berlin einen Brief erhielt, in welchem betont wurde, daß das Ehepaar eine junge Dame suche, die gewillt sei, sich dem Ehegatten „in jeder Beziehung" anzuschließen. Die Antwort wurde postlagernd unter Beifügung der Photographie unter „Triole" nach Hamburg, Postamt 36 erbeten. Die junge Dame sandte darauf einen Brief unter der bezeichneten Adresse und fügte ihr Bild bei. Darauf erhielt sie wieder aus Berlin ein Antwortschreiben, worin es hieß, daß Triole ihr in spätestens acht bis zehn Tagen Gelegenheit zu einer mündlichen Aussprache geben werde. Noch bevor diese Zeit verstrichen war, erhielt die junge Dame ein neues Schreiben, worin sie um ein Stelldichein auf dem Bahnhof in Hamburg ersucht wurde. Pünktlich fand sich die junge Dame am Bahnhof ein und hier stellten sich ihr ein Herr und eine Dame als die Absender der Briefe vor. Nachdem die Beteiligten sich eine Zeitlang unterhalten hatten, wurde die junge Dame verabschiedet, doch versprach der Herr, der seinen Namen noch nicht genannt hatte, daß sie von ihm hören werde. Am 19. Juli erhielt das Fräulein dann einen Brief, der die Empfängerin stutzig machte, so daß sie sich ihrer Mutter offenbarte. In dem Briefe waren die Absichten des Ehepaares ausgesprochen. Es hieß darin unter anderem, daß das Ehepaar mit der betreffenden jungen Dame „die Leiden und Freuden der Liebe in körperlicher und seelischer Gemeinschaft genießen" wolle. Äuch bis jetzt hatte der Absender seine Anonymität noch nicht enthüllt, sondern war weiter unter dem Namen Triole aufgetreten. Die Mutter des Mädchens schöpfte Verdacht, sie glaubte, daß ihre Tochter einem Mädchenhändler in die Hände gefallen sei und benachrichtigte die Polizei. Es wurde nun eine Antwort abgefaßt und postlagernd niedergelegt. Als dann Herr Triole am PostschaLer erschien und den Brief in Empfang nehmen wollte, wurde er von einem Kriminalbeamten angehalten und zur Polizei gebracht. Dort legitimierte er sich als Reichstagsabgeordneter. Er wurde daraufhin zwar entlassen, die Akten aber der Staatsanwaltschaft übergeben. Inzwischen sandte der Abgeordnete der jungen Dame einen Brief, der wohl eine Art Entschuldigung bedeuten sollte. „Warum begnügen Sie sich nicht", heißt es in dem Briefe, „auf eine einfache höfliche Anfrage mit einer einfachen Ablehnung, sei es auch durch Stillschweigen, anstatt schweres Leid über zwei Menschen zu bringen, die Ihnen, wenigstens absichtlich, nichts getan haben, im Gegenteil sich für Sie interessierten und auch Ihr Bestes wollten, nur vielleicht einen Fehler haben, daß sie für den praktischen Sinn der meisten Menschen etwas zu romantisch veranlagt sind, also wohl auch für Sie und Ihre Auffassung? Trotzdem nehme ich gar keinen Anstand, Sie um Entschuldigung zu bitten, wenn Sie durch mein Schreiben sich verletzt gefühlt haben. Wenn ich dies tue, so geschieht es gewiß nicht, weil ich mich subjektiv schuldig fühle, sondern um meiner Frau weitere Aufregungen, deren Folgen bei ihrem Leiden nicht abzusehen sind, zu ersparen." Herr Triole hatte bereits mehrere Verhöre zu bestehen. Ob die Sache bei der Staatsanwaltschaft hiermit erledigt ist, ist noch unbekannt. Dagegen heißt es, daß das Fräulein den Reichstagsabgeordneten wegen Beleidigung verklagen will. Die Zulage eines ruffischen Juden gegen den amerikanischen Staat. Noch unter der Präsidentschaft Roosevelts hat das Schatzamt der Vereinigten Staaten eine Konkurrenz für die beste Zeichnung einer neuen Pennymünze zum Andenken an Abraham Lincoln ausgeschrieben. Als Sieger ging aus der Konkurrenz der jüdische Medailleur Viktor David Brenner hervor. Seine Zeichnung wurde angenommen und die „Lincoln-Pennys" ^wurden auch tatsächlich nach derselben geprägt. Der Preisgewinner stellte seinerzeit an Roosevelt die Bedingung, daß die Münze auch den vollen Namen des Zeichners trage, was ihm auch?zugesichert wurde. Die Zeichnung hat allgemeinen Beifall gesunden, aber die neue Negierung hat sich an die Abmachungen ihrer Vorgängerin nicht gehalten. Die erste Prägung der „Lincoln-Pennys" trug bloß die Initialen „V. D. V.", die zweite bloß „B" und nun beschloß das Schatzamt,- in Hinkunft auch diesen Buchstaben wegzulassen. Gegen dieses Vorgehen ist nun Brenner mit einem Proteste hervorgetreten. Brenner wurde in Schawli, Kownoer Gouvernement, Rußland geboren und kam 1890 nach Amerika. Von Haus aus Graveur, konnte er anfangs in diesem Gewerbe keine Arbeit finden und erlernte in Newyork die Schneiderei, um sich erhalten zu können.