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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-09-10 · 37 (10.9.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
37 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 624 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 37 Hiezu möge noch bemerkt werden, daß bereits vor mehreren Monaten in einem ähnlichen Falle und b-i demselben Gerichte ein Gerichtssekretär, ebenfalls katholischer Konfession, als ich ihn wegen der vorzugsweise« Würdigung einer Z-mgenaussage befragte, öffentlich erklärt: „Auf diese Aussage lege ich Gewicht, weil sie von einem Israeliten herrührt und ich die Erfahrung habe, daß es diese mit ihren eidlichen Aussagen sehr ernst nehmen." Solche Aeußerungen, gerade in jetziger Zeit und von so kompetenter Stelle gesprochen, verdienen meines Erachtens weitere Verbreitung. Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr, den Ausdruck vorzüglicher Hochachtung, mit der ich bin ergebenst Dr. Theodor Weltsch. Frankfurt nur einen Augenblick, wahrend eines Balles, den Moritz Bethmann ihnen zu Ehren gab, gesehen. Ich fand die Mutter sehr gealtert; die Tochter tanzte wunderbar schön .... Es ist nicht zu bestreiten, daß. die Juden in ihrer Bildung seit 30 Jahren große Fortschritte gemacht habe»; besonders in Norddeutschland. U ib ein gewisser Mendelssohn, den ich in Berlin zur Zeit Friedrich II gekannt habe, hat viel dazu beigetragen. Er war em sitt^nreiner Mann und genoß großes Ansehen unter seinen Glaubensgenossen. Er ist der Verfasser des Buches „Ueber die Unsterblichkeit der Seele" . . . Und nun genug, wem lieber Sohn, über diesen Gegenstand. Mein letztes Wort aber ist, daß Du, da nun einmal Fräulein Ar.nsteiner sehr liebenswürdig ist, und ihre Mutter viel Verstand und sicherlich mehr Lebensart als die meisten Damen Berlins besitzt, gut daran tun würdest, Mutter und Tochter so oft als möglich zu besuchen". Kurze Zeit darauf schreibt der junge Ntsselrode: „Die Liebenswürdigkeit der Frau Arusteiner und ihrer Tochter hat in mir das Verlangen geweckt, in der jüdischen Gesellschaft zu verkehren; wenn es ihrer viele gibt, die den Arnsteiner gleichen, so lohnt es sich wohl der Mühe, gesellige Beziehungen zu ihnen zu pflegen." Es ist betrübend, daß eine theologische Fakultät sich dazu erniedrigt hat, heilige Gefühle anzutasten, ein Gebet, die Hingebung au Gott, die Zerknirschung, die Buße, die Versöhnung mit Gott und der Menschheit dem Pöbel zur Lästerung und Verspottung anszuliefern. Maßlose Schmach und Schande gießt sich aus über ein solches Vorgehen. Von den Gebeten des Versöhnungstag s ka n man nicht behaupten, daß sie ein Geheimnis sind. Sie sind ins Deutsche übertragen zum Gebrauche der Juden und jeder kann die Uebersetzung in deutscher Schrift lesen. Der V'rsöhuungstag ist ein Tag der Sammlung und der Selbstläuterung, erfüllt von der höchsten religiösen Weihe und die Harmonie offenbarend zwischen Religion und Sittlichkeit. Solchen Tag zu schmähen, dea Betenden zu lästern, ist schändend für die Religion, die uns allen gehört, schändend für die Empfindungen, welche die Menschheit verbinden, und es ist ein frecher Faustschlag ins Gesicht aller, die noch rechtschaffen und ehrlich zu fühlen vermögen. Me Kethmarrns und die Inden. Als um die Wende des 18. Jahrhunderts den Frankfurter Juden infolge der Einäscherung ihres Ghettos während der französisch n Belagerung das Wohnen in der Stadt freigegeben worden war, bemühte sich ein Bethmann, allerdings ohne Erfolg, diese Erlaubnis rückgängig zu machen. Er mußte sich von einem Bäckermeister belehren lassen: „Ja, Herr Bethmann, es is ewe e anner Zeit. Wann die Worscht geplatzt ist. will's Fülsel net mer enei". Wenn es gestattet ist, aus der religiös-politischen Haltung eines Hofmeisters auf die Gesinnung seines Hauses zu schließen, so findet diese Anekdote durch die folgende Stelle in einem Briefe Bettina v. Arnims an ihren Bruder eine gewisse Bestätigung: „Das junge Mädchen, was uns sticken lehrt, ist eine Jüdin, sie heißt Veilchen, es ist ein recht liebkosender Name und ich fand letzt das erste Sträußchen ihrer Namensvettern zusammen, da ging ich ganz früh zu ihr, um sie damit zu überraschen. Ich fand sie auf der Treppe mit dem Besen in der Hand, sie war beschämt, ich aber gleich nahm ihr den Besen aus der Hand sagte: Lassen Sie mich auch auch ein bischen kehren. Da kam so früh schon, denn es war noch nicht sieben Uhr, der Hofmeister vom Eduard Bethmann vorbei, der mußte es der Tante gesagt haben, daß er mich vor der Haustür eines Juden auf offener Straße kehrend fand — ich muß jetzt lachen, denn es ist auch recht lächerlich — ich will Dir, die derbsten Ausdrücke von der Tante ihrer Mercuriale ersparen, sie meinte, ich sei verloren, ich habe mich gänzlich weggeworfen!" Eine freundlichere Stellung zur Judenfrage hat M o r i tz Bethmann eingenommen. In dem vor einiger Zeit veröffentlichten schriftlichen Nachlaß des bekannten russischen Reichskanzlers Grafen Karl Nesselrode liest mau hierüber in einem Briefe seines Vaters an ihn vom 13. November 1801 aus Frankfurt: „Frau Arnstein, welche ich vor sechs oder sieben Jahren in Berlin öfters gesehen habe, vereint mit viel Geist eine sehr große Liebenswürdigkeit. Ihre Tochter zählte, glaube ich, damals 12 oder 13 Jahre und versprach schon durch ihre ersten Fortschritte die glücklichsten Resultate einer sehr sorgfältigen Erziehung. Ich habe sie hier in In der „Allgemeinen deutschen Biographie" Band 2, Seite 575 heißt es: „Als die Juden 1804 zur besseren Heranbildung ihrer Jugend eine Neal'chu>e (Philantropin) gebildet halten, unterstützte Simon Moritz Bethmann dieselbe nicht nur pekuniär, sondern suchte auch in der christlichen Bevölkerung Interesse für diese Bestrebungen zu erwecken." Das 1898 als Privatdruck in nur 60 Exemplaren erschienene Werk „Simon Moritz Bethmann und seine Vorfahren" enthält (vergl. „Im deutschen Reich" 1909 S. 530) unter anderen Privatbriefen einen vom 24. Jänner 18l8 datierten des damaligen Chefs des Hauses, in dem dieser anläßlich eines Streites zwischen dem Senat und den Juden in Frankfurt an einen in Paris weilenden Freund Folgendes schrieb: „Wenn Herr James (Rothschild) mich einmal in Frankfurt besuchen wird, so wird er sich leicht überzeugen, daß ich weder Christeunoch anderne alberne Dünkel bei mir hege und keine Vorurteile gegen die achtbaren Juden.habe. Amschel (Rothschild) den dummen Wahn zu nehmen, als wäre ich ein Gegner der Foderungen der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, soweit sie vernünftig sind, habe ich mich schon manchmal vergeblich bemüht. Nichts sollte ihn von dem schiefen Ungrund seiner Ansicht besser überzeugen, als daß ich vielmehr bei meinen christlichen Mitbürgern im Verdacht siebe, als sei ich parteiisch für die Juden. Aus diesem Gnmde wählten sie mich dieses Jahr nicht in die gesetzgebende Versammlung." Jene Hochachtung des Arnstein'schen Kreises spricht übrigens auch aus den jüngst bekannt gewordenen Aufzeichnungen des preußischen Staatsmannes S t ä g e m a n n überfeine Eindrücke auf dem Wiener Kongreß.; Hier liest man u. a. : „Man sagt oft, die Juden hätten kein Vaterland. Aber Frau von Eskeles bekommt Krämpfe, wenn gegen Preußen gesprochen wird, und Frau von Arnstein sagt den Leuten Grobheiten und ist außer sich. Sie kompromitiert einen durch ihren ungestümen Patriotismus, sagte Humboldt. Daß Fanny von Arnstein sich, wie bei Metternich, so auch bei Hardenberg, dem Vorgesetzten Stägemanns, eifrig für die bedrohten Rechte ihrer Glaubensgenossen in den Hansestädten bemühte, bestätigt von neuem dessen Bemerkung. „Frau von Arnstein war besonders gütig gegen mich, weil ich eine sehr günstige Resolution für die jüdischen Gemeinden in Hamburg, Lübeck und Bremen ausgearbeitet habe." Obwohl diese Bemühungen bekanntlich scheiterten und die Juden der drei Städte in ihren Erwartungen schmählich getäuscht wurden, schrieb doch ein deutsch-patriotischer Jude zwei Jahrzehnte später: „Bietet mir mit der einen Han') die Emanzipation, auf d>e alle meine innigsten Wünsche gerichtet sind, mit der anderen die Ver wirklichung des schönen Traumes von der politischen Einheit Deutschlands, niit seiner politischen Freiheit verknüpft, ich würde ohne Bedenken die letztere wählen! Denn ich habe die feste, tiefste Ueberzeugung, daß in ihr auch jene enthalten ist." -- (G. Rießer: „Der Jude", Altona 1835, 1. Heft, Seite 100.) Dr. Max G r u n w a l d.

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