Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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De. Blochs Wochenschrift. Nr. 36 Ettee 618 Korfiotische Von Porzo. - Es mag wohl geschehen, daß ich, wenn ich durch fremde Lande streifte, die schönsten Sammlungen in weitem Bogen umgehe, um nur das warme, lebendige Leben zu schauen. Dreimal wandelte ich durch die Hallen des farbigen Fischmarktes zu Kopenhagen, bevor ich mich dazu bewegen ließ, doch auch endlich einmal schandenhalber dem Thorwaldsen-Museum meinen schuldigen BHuch abzustatten. Insonderheit bei Antiquitätenkabinetten mutz ich schlecht angeschrieben sein. Ich meide sie, doch nur aus einer Art romantischer Empfindsamkeit: das Gewesene, das. für ewig Verlorene nämlich verursacht mir stets den quälenden Herzenshunger, die lastende Gewißheit, mich in verschollene Jahrtausende nicht zurückleben zu können. Unvergeßlich ist mir der Schmerz, den ich empfand, da ich das erstemal durch das ausgegrabene Einst Pompejis oder durch die beiden Foren Roms, sagend, schier verzweifelt, hindurchschritt. Von der Höhe dieses Rostrums herab improvisierte in dynamisch wohlabgewogenem Bariton Cicero seine sorgfältig gefeilten Reden, und da drüben im mächtig großen Zirkus kniete der sehnige Sieger auf dem Halse des niedergerungenen Kameraden, hochgestreckten Hauptes des Winkes blühender Römerinnen harrend, die, je nach ihrer augenblicklichen Laune, mit dem ab- oder aufwärts gewendetem Daumen ihrer weißen Hand über Leben und Tod des röchelnden Fechters entschieden. Und dicht daneben, vom tarpejischen Felsen, an dessen morschen Rändern ich fromme — oder, nach Heinrich Heine — kluge Myrthen gepflückt, stürzten sie, die argen Vaterlandsverräter, die Tißas und Perczels der Antike, in die schauerliche Tiefe. Dies alles nicht mrtangesehen zu haben, tut weh. Darum meide ich sie, die Vieltausendjährigen, ob sie Götter, Helden, enthauptete Niobiden, Zirkuskämpfer oder schöne Frauen gewesen sein mochten. Nur nach dem Jetzt und seiner schäumenden Betätigung verlangen meine Sinne. Und da stehe ich vor dem Friedhof in Korfu. Es ist der jüdische- Nichts, was Geweseneres in sich bergen könnte, als so ein Gottesäcker. Und da erfaßt sie mich denn auch schon, , die Wehmut des Unwiederbringlichen. Ach, die korfiotffchen Juden! Auch sie haben vor fünfzehn Jahren ihr Kischinew gehabt. Es war genau zur Osterzeit, da kamen die von Zante herüber und fielen über die bösen Juden her, die ja, wie bekannt, zum Passahfest Christkinder schlachten. Ob zu jener Zeit mehr Lämmer oder Judenkinder unters Messer gerieten, ist statistisch nicht nachweisbar; allein nach einer oberflächlichen Schätzung neigt man zur Annahme hin, daß die feiertägigen Opferlämmer dennoch überwogen. Es war ein Auferstehungsfest, wie man es seit langem nicht so fröhlich feierte. Die grünen Tore hatten sie Mit roten Kreuzen geschmückt. Die Farbe zu dieser frommnaiven Malerei holten sie aus Kübeln, in welchen Lamm- und Kinderblut durcheinandergequirlt war, damit die Tünche nicht so bald gerinne. Noch heute ist die Hauptstraße der Vorstadt Kastrades wie ausgestorben. Hier nämlich wohnten die wohlhabenden Juden. Fernab von den engen Eäßchen und Pferchen der eigentlichen Stadt bauten sie hier sich freie, luftige und lichte Wohnhäuser. Allerdings so frei, luftig und licht, wie sie sich augenblicklich dem Beschauer zeigen, haben sie sie nicht geplant. Die Fenster starren wie blinde Augenhöhlen, die Türen gähnen, die Dächer sind eingestürzt, die Mauern vom gefräßigen Feuer geschwärzt und in Trümmern; und auf den .Schwellen — der Fluch des Propheten hat sich gründlich bewährt — wächst Gras, dichtes, würziges Gras, das aus rotgedüngtem Boden in üppiger Fülle hervorschoß. Die weißen Lämmer und scheckigen Zicklein, die zwischen den Haustrümmern weiden, finden es auch sehr schmackhaft. ■ Von der nahen Insel Zante kamen sie in hellen Haufen gezogen, mit fliegenden heiligen Fahnen und geweihten krummen Messern, und fanden hier werktätige und glaubensheiße Unterstützung, um, wie es im Hugenottenlied heißt: zu sengen, zu morden und zu plündern. Von den Achttausend blieb die Hälfte zurück, da sie zu schwach oder zu arm war, um mit den Starken und Wohlhabenden zu fliehen. „Der gute Frosch war lange krank — nun raucht er wieder, Gott sei Dank! singt Wilhelm Busch von seinem vielverfolgten Helden. Auch die Judenschaft Korfus hat sich wiederum erholt, die Geflohenen kehrten allmählich zurück und den Ausfall ersetzte die Liebe und Gottes Segen. Aus dem weitgedehnten welligen Boden des Friedhofes ragt kein einziges Grabmal aus dem Boden. Die „Mazewes" liegen alle flach auf dem i.Kewer" zwischen einigen schwarzen Zypressen. Des Frühlings milder Atem streicht versöhnend durch seine Nadeln. Sinnend blicke ich über das wogende Riedgras hinweg nach der fern gelegenen Einfriedung auf der entgegengesetzten Seite des „guten Ortes". Von Gartenkunst und wohlgepflegten Gräbern keine Spur. Da sich aber dieses begnadete Eiland eines immerwährenden Lenzes erfreut, blühen Veilchen und Rosen stets um diese Mäler, .eine Gleichnis ewigdauernder Freude, deren sich die Seelen der unten Ruhenden sicherlich -erfreuen... Wie dünngesät die Gräber, wie schütter hier die Toten! Auf dieser weithin grünenden Fläche fände wohl die zehnfache Zahl eine Urstätte. Diese Freigebigkeit des Munizipiums ist, nach alledem, was ich über, das Los der Juden hier erfahren mußte, eine geradezu auffallende. Ach, meinte mein Gewährsmann, die Verwaltung der guten Stadt Korfu ist in diesem Belang von der größten Liberalität. Und verlangten die Juden noch einige Hundert Morgen mehr zu Beerdigungszwecken, freudig würde man sie ihnen gewähren, mit der Bedingung natürlich, daß das reiche Geschenk vollauf ausgenützt werde. Zumeist sind es jüdische Quellenwerke, aus welchen die Historiographen Korfus schöpfen, zumal aus den Schriften des jüdischen Gemeindearchivs, die im 12. Jahrhundert, während der nach dem Zusammenbruch des byzantinischen Kaiserreiches erfolgten Diaspora, uiedergeschrieben wurden. Auf einem dieser Blätter steht verzeichnet die heldenmütige Verteidigung einer gegen die Flut der mächtig anstürmenden Türken erbauten Schanze durch die Juden. Dieselbe führt heute noch den..Namen: „Fort Awram". Von der Geschichte der korfiotischen Juden spinnen sich auch einige Fäden in die Odyssee hinüber, und zwar zum geringeren Preise der Juden. Aus dem nahegelegenen Jskariu, dem homerischen Dorfe Scheria nämlich, stamt Judas Jskariotes, der Verräter seines Herrn und Meisters. Freilich mußte er es auch schwer büßen: man hat ihn zu einem Drama verarbeitet. Allerdings erst nach 2000 Jahren. Aber dies mildert wenig die Härte der Strafe. In den eng zusammengeschobenen Gäßchen des Stadtinnern noch einige engere: das ist das atembeklemmende Ghetto. Selbst der Sonne dieses Sonnenlandes muß es schwer werden, hier hineinzuleuchten. Es war Freitag nachmittag. Die Kuppel des Panto-