Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 36 Seite 614;t - Kultuspräsident I. PH. Glesinger. ' Die Teschener Israelitische Kultusgemeinde hat einen ^sMeren, fast unersetzlichen Verlust erlitten. Ihr langjähriger Präsident, Herr Großindustrieller I. Ph. Glesinger, ist in Bä- Reichenhall, wo er zur Kur weilte, am 25. August im 'Mer von 72 Jahren plötzlich gestorben. Der Verblichene war ehr gebürtiger Teschener und verbrachte auch sein langes, segensreiches Leben in seiner Geburtsstadt, deren Förderung ün- Hebung er seine ganze Kraft widmete. Ueberaus groß sind jchoch die Verdienste, die sich I. Ph. Glesinger um die ' Teschener israelitische Kultusgemeinde, deren Präsident er seit dem Anfänge der Neunziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts gewesen, erworben hat. Als guter, moderner Jude war es für ihn Ehrensache, nicht nur sein eigenes Haus jüdisch im besten Sinne des Wortes zu führen, sondern auch die unter seiner Leitung stehende Kultusgemeinde zu heben und zu fördern und ihre gemeinnützigen Institutionen auszugestalten. Ohne ein Stürmer zu sein, war der Heimgegangene überall dort zu finden, wo es galt, das Judentum zu Ehren zu bringen und die Einigkeit unter seinen Glaubensgenoflen herbeizuführen. Diesem Gedanken der Einigkeit entsprach es auch, daß I. Ph. Glesinger der Anreger und Mitbegründer des „Allgem. Wrael. Bundes" war, an dessen Arbeiten er mit vielem praktischen Verständnisse und mit wahrer, hingebendec Liebe teilnähm. Trotz seines hohen Alters versäumte es der Verstorbene nie, an den Sitzungen und Besprechungen teilzunehmen -ÄNd in den Sitzungen des Ausschusses, dessen Mitglied der 'Verblichene seit Gründung des „Bundes" war, waren seine Meinungen und Anregungen stets von Gewicht. ■- Auch als Mensch, Familienvater und Chef eines großen Uilternehmevs zeigte sich der Verstorbene als ein fester unbeugsamer Charakter und edelmütigen Herzens. Ein fürsorgliches liebendes Oberhaupt seiner Familie, diente er derselben als MästerÄld patriarchalisch jüdischer Tugenden und es ist auch zunächst seine von ihm so innig geliebte Familie, die durch seinen Heimgang am schwersten getroffen wird. Munifizent im Spenden Wurde' er sowohl von den Armen seiner Gemeinde, insbesondere aber vön de« Angestellten seines Hauses, ohne Unterschied des Ranges, wie ein Vater geliebt und geehrt. Er war die Zierde seiner Gäterstadt und rin Segen für die israelitische Kultusgemeinde derselben, die ihrem Schmerze über den Verlust ihres Oberhauptes in nachstehender Parte Ausdruck gab: - „D i-e israelitische Kultusgemeinde in 'T e s ch e « gibt, vom tiefen Schmerze ergriffen, Nachricht von dem Ableben ihres langjährigen, hochverehrten Oberhauptes, des Herrn' Josef Philipp Glesinger, welcher am 25. August 1909, fern von seiner innigstgeliebten Vaterstadt, in ein besseres 'JensMs abberufen wurde. Gramerfüllt steht die Kultusgemeinde -an -er Bahre ihres allgemein verehrten Präses, welcher durch eine lange Reihe von Jahren sein reiches Wissen, seine große -Erfahrung, seine rastlose Tätigkeit und unbeugsame Energie in de« Dienst unserer Kultusgemeinde gestellt und dieselbe zu hoher Blüte gebracht, sowie deren Zwecke stets in großherziger Weise gefördeS hat. Die feierliche Bestattung der irdischen Ueberreste «Uferes Oberhauptes, deffen Andenken unvergeßlich bleiben wird, stndet Sonntag den 29. August l. I. um Vall Uhr vormittags von der Teschener Synagoge aus statt." " Die Beerdigung fand am Sonntag den 29. v. M. in Tesche«, wohin die Leiche überführt worden, statt. Ein überaus -großes Trauergefolge von nah und fern gab dem Verblichenen das-' letzte Geleite und legte damit Zeugnis ab von der hohen Wtttschätzkng,! von der Verehrung und Zuneigung, die der vortreffliche Mann unter seinen Mitbürgern genossen hat. Die MHörden und vielen privaten Korporationen zeigten durch ihre Zahlreiche Beteiligung an der Beerdigungsfeier, daß es ihnen l einHerzensbedürfnis sei, ihm auch über das Grab hinaus den Dank zu bekunden, den sie ihm als dem edlen Förderer aller Humanen und kulturellen Zwecke in unserer Stadt immer gezM haben. Um 8 Uhr morgens wurde der Sarg mit der sterblichen Hülle des Verblichenen vom Trauerhause in die Synagoge gebracht. Den Trauerzug, der fich durch ein dichtgedrängtes Spalier von Zusehern zunächst nach der Synagoge bewegte, eröffnete die Beamtenschaft der Firma I. Ph. Glesinger, es folgte die Arbeiterschaft der Sägewerke und eine Werksfeuerwehr der Firmo. Dem mit prachtvollen Kränzen geschmückten Leichenwagen folgten die trauernden Familienmitglieder und die Vorstands¬ und Ausschußmitglieder der israelitischen Kultüsgemeinde, die Vertretungen mehrerer auswärtiger Kultusgemeinden, des „Allgemeinen Israel. Bundes" rc. In der Synagoge widmeten Herr Rabbiner Dr. Leimdörfer (Teschen), ferner Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde und vieler humanitärer Vereine dem Verstorbenen herzliche Nachrufe. Im Namen der schlesischen Kultusgemeinden, wie auch im Namen des „Allgemeinen Oesterr. Israel. Bundes" schilderte der Präsident der Troppauer Kultusgcmeinde Herr Dr. Theodor Sonnenschein die Verdienste des Verstorbenen. Nach den Zeremonien in der Synagoge, die fast drei Stunden in Anspruch nahmen, bewegte fich der Trauerzug, dem sich eine fast endlose Menge von Trauergästen anschloß, auf demselben Wege zum Friedhofe, wo die Bestattung erfolgte. Ehre seinem Andenken! Die Pensionsversichernng der Kultusbeamten. Hochgeehrter Herr Redakteur! Die in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes gebrachte Notiz über den Erlaß der böhmischen Statthalterei in Prag, in dem die Kultusgemeinden aufgefordert werden, bezüglich der Versorgung und Dotierung der Rabbiner und Religionslehrer den Fürsorgegedanken etwas erkennbarer und greifbarer zum Ausdrucke zu bringen, veranlaßt mich zu nachstehender Bemerkung. In erwähntem Statthaltereierlasse wird den Kultus - gemeinden empfohlen, falls sie über keine genügenden Fonds zur Sicherung der Versorgung der Rabbiner und ihrer Hinterbliebenen verfügen, beim „Pensionsverein" die betreffenden Funktionäre rechtzeitig zu versichern. Gemeint ist darunter der Pensionsverein deutscher Sparkassen, eine Gründung des Verbandes deutscher Sparkassen in Böhmen. Ohne in eine versicherungstechnische Prüfung der Qualität dieses neugegründeten Pensionsinstituts mich einlassen zu wollen, muß ich es als Jude wirklich bedauern, daß jüdische. Firmen mit ihren jüdischen Angestellten diesem national-radikalen -^- prononziert antisemitischen — unter der Aegide des alldeutschen Abgeordneten E. v. Stransky stehenden Institute beigetreten sind. Wenn jedoch dieser Beitritt doch, irgendwie erzwungen, sich entschuldigen ließe — so würde der Beitritt der jüdischen Kultusgemeinden mit ihren versicherungspflichtigen und nichtversicherungspflichtigen Beamten und Funktionären unseren Feinden ein verächtliches Lächeln abgewinnen — uns Juden aber nur zur Schande gereichen. Bedenkt man, daß bei keiner einzigen der 400 deutschen Sparkassen (dem Pensionsverein gehören kaum 20 an), bei keiner der diversen Gründungen wie Zentralbank, Pensionsverein. kein einziger Jude beschäftigt ist — weil sie als judenreine Anstalten ihren Klienten sich anempfehlen — so wäre es ja eine wahre Ironie, wenn Juden und Iudengemeinden zur Stärkung der Fonds oder zur Fütterung der die Juden Verunglimpfenden Funktionäre beitragen würden. Ich glaube, es gibt noch genug reicher dotierte — sicherere aber auch liberalere Anstaltendie die Versorgung der Beamten der israel. Gemeinden übernehmen würden. — Juden! Mehr Selbstachtung!!! Mit bestem Dank für die Einschaltung, um die ich bitte, zeichnet, hochachtungsvoll, ergebenst . Dr. Rosenthal, IX., Hebragasse 7