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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-09-03 · 36 (3.9.1909) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 36 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette «11 mag, welcher Ring der echte ist. Pascals werden nicht in jedem Jahrhunderte geboren. x) Welche Religion die beste und wahrste ist, kann man aus „eigener Ueberzeugung" nur wissen, wenn man die Dogmen und Lehren aller Religionen kennt, der Staat sollte also dafür sorgen, daß die Kinder schon in der Volksschule wenigstens mit der christlichen, jüdischen und mohammedanischen bekannt werden, damit fir gleich beim vierzehnten Geburtstage ihre feste Ueberzeugung haben können. Eine Berliner liberale Zeitung hat den Vorschlag gemacht, man solle die Geistlichen verhalten, bevor sie die Uebertrittserklärung eines Minderjährigen annehmen, von ihm die schriftliche Genehmigung des Vaters oder Vormundes sich vorzeigen zu lassen oder die Eltern schriftlich von der Abficht des Kindes in Kenntnis zu setzen, um ihnen Gelegenheit zu geben, es nochmals zur reiflichen Ueberlegung des vorgehabten Schrittes zn veranlassen. Daß in Oesterreich, wo den Eltern in den meisten Fällen eine Unterredung mit dem im Kloster zurückgehaltenen Kinde nicht gestattet wird, eine solche Verordnung unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht erlassen werden wird, das fieht Jeder ein. Das bestehende Gesetz, obwohl es aus der liberalen Aera stammt und anscheinend alle Konfessionen gleich behandelt, hat doch eine antijüdische Tendenz. Es erleichtert den Uebertritt, und da der zum Judentume äußerst selten ist, wirkt es nur zum Vorteil des Katholizismus. Es scheint, daß die Liberalen vor vierzig Jahren unbewußt fich in den Dienst der katholischen Propaganda gestellt haben. Ließe man dem Jüngling etwa erst vom achtzehnten Jahre das Recht zum Uebertritte, so könnte er fich anders besinnen und eine Seele ginge ihr verloren. Aus eine Aenderung der Religionsgesetze in liberaler Richtung ist in absehbarer Zeit in Oesterreich nicht zu rechnen. Als einziges Mittel, dem Kinderraub Einhalt zu tun, bleibt nur, fich an das alte Sprichwort zu halten: Helfe Dir selbst, so wird Gott Dir Helsen! Cs wird jetzt so viel davon gesprochen, die Kinder in geschlechtlicher Beziehung aufzuklären, wichtiger und nützlicher wäre es, sie in religiöser Beziehung aufzuklären, sie über das Wesen der verschiedenen Religionen zu unterrichten, über die hohen Forderungen, welche das Christentum inbezug auf Glaubensfähigkeit stellt, zu belehren. Bei den galizischen Mädchen müßte nicht blos für einen besseren Unterricht im Allgemeinen gesorgt werden, sie müßten besser in jüdischer Religion und Geschichte unterrichtet und weniger zu lästigen, veralteten Zeremonien oder zum Hersagen ihnen gar nicht oder nur schwer verständlicher Gebete angehalten werden. Es müßte ihnen auch mitgeteilt werden, was vor einigen Jahren in Frankreich über die Ausnützung von Zöglingen im Nonnenkloster „Zum guten Hirten" bekannt geworden ist. Vor vierzig Jahren hat die Entdeckung, daß in einem Nonnenkloster in Krakau eine Frau jahrzehntelang in grausamer Weise gequält wurde, allgemeine Entrüstung und Entsetzen erregt. Die arme, physisch und moralisch ganz ruinierte Nonne wurde endlich durch die weltliche Behörde befreit, denn damals halte noch kein Minister gesagt, daß der Staat vor den Toren eines Klosters Halt machen müsse. Was diese Nonne, sie hieß Barbara Ubryk, eigentlich verschuldet hatte, um so Schreckliches leiden zu müssen, hat man nicht erfahren können, doch find ihre Leiden und deren Ursache in einer damals erschienenen Broschüre geschildert worden, inbezug auf ihre Schuld mit mehr Phantasie als historischer Treue. Es würde fich vielleicht empfehlen, einen Neudruck dieser Schrift zu veranstalten und unter die jüdischen Mädchen in Westgalizien zu verteilen. Sie werden fich wohl dadurch von der Flucht aus dem Elternhause ins Kloster abhalten lassen. M. r) Manchen Uebertritten jüdischer Mittelschüler mag vielleicht die Furcht vor dem schlechten Zeugnis eines klerikalen oder antisemitischen Direktors oder der Wunsch, von einem solchen besonders begünstigt zu werden, zugrunde liegen Da» Vermächtnis eine« Grafe« a« dir Iudercheit feiner Domäne im Jahre 1843. Von Dr. Sch. Ochser-Kuttenplan. Wie schon der Titel besagt, will ich im Folgenden ein Dokument veröffentlichen, welches fich im Archiv der israelitischen Kultusgemeinde Kuttenplan befindet, ein Dokument, das nicht nur seines Inhaltes, sondern auch des Stifters wegen verdient, der Bergeffenheit entrissen und den Annalen der jüdischen Geschichte für ewige Zeiten in goldenen Lettern einverleibt zu werden. Zuvor aber einige Daten über den Stifter selbst: Cajetan Graf von B e r ch e m, Enkel der Johanna Fugger, und Urenkel des Grafen Sigismund Haimhausen, dem die Judengemeinde von Kuttenplan die Erbauung ihres Tempels zu verdanken hatte, war am 31. Mai 1795 geboren. Als 17 jähriger Jüngling trat er in das Regiment der Chevauxlegers in München ein, und machte erst als Leutnant und dann als Hauptmann die Freiheitskämpfe von 1813—14 mit. Mit dem Feldzeichen dekoriert, begab er fich 1815 auf die Domäne seiner Großeltern, wo er fich den Wirtschaftsstudien mit vollem Eifer hingab. Als seine Großmutter 1818 starb, übernahm er die ganze Domäne mit der Verbindlichkeit, seinem Namen „Berchem" noch den seines Urgroßvaters Haimhausen beizulegen. Kuttenplan, welches damals 35 jüdische Familien zählte, war dem Grafen ganz besonders an Her^ gewachsen; auch kam er sehr oft mit den Juden in Berührung, zumal da das alte gräfliche Schloß den Abschluß jenes Teiles der Marienbader Chaussee bildet, welcher bis heute noch „Judengasse" heißt. Viel kümmerte er fich auch um die Judengemeinde in Dürrmaul, welche keine Schulen besaß. Eine ganz besondere Ehrung aber zollte er dem Kuttenplaner Tempel, welchen er als ererbtes Miteigentum von seinem Urgroßvater betrachtete. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besaß Kuttenplan keinen ständigen Rabbiner und war bloß auf die wandernden „Darschanim" angewiesen. So oft nun ein solcher „Darschan" im Tempel predigen sollte, mußte dies dem Grafen „Cajetan", wie ihn die Juden noch bis heute nennen, mitgeteilt werden. Der Graf erschien dann regelmäßig zur Predigt mit seiner Frau und seinem einzigen Sohne Hans Ernst, wo er den Worten des Predigers lauschte. Als eifrigen Tempelbesucher mißfiel bald dem Grafen die alte Einrichtung und er ließ daher auf eigene Kosten den Tempel neu einrichten; die alten Bänke, Ständer und das Almemor kamen weg, an deren Stelle kamen moderne Kirchenbänke, ein Chor und ein ein Meter hohes Podium mit Altar und Kanzel vor die Bundeslade, ein herrliches , Eisengitter bildet den Abschluß. Rechts vom Altäre wurde ein Sofa mit drei Sitzen für den Grafen und seine Familie aufgestellt, auf welchem Platze es fich noch bis heute befindet. Nach der Renovierung begann sich nun der Graf mit beiden Gemeinden Kuttenplan und Dürrmaul in Verhandlungen wegen Anstellung eines modernen Predigers einzulassen. Alle Verhandlungen führten aber zu keinem günstigen Resultat, da beide Gemeinden dem Grafen erklärten, sie könnten „armutshalber" keinen Rabbiner anstellen. Dies ging dem Grafen so nahe, daß in ihm nach und nach der Gedanke reiste, durch irgend eine Tat die Gemeinden dazu zu zwingen. Er beschloß daher, eine Stiftung zur Anstellung und Erhaltung eines Rabbiners und Predigers zu gründen. Zu diesem Zwecke setzte er fich mit den damaligen Vorständen der Gemeinden Ignatz H. Mayer, Abraham Vogel. A. Becher und Jsaias Löwenstein ins Einvernehmen und obige Männer machten dem Grafen geeignete Vorschläge. Am 14. November 1843, am Jahrestage seiner Hochzeit, wurde der Stistsbrief der Gemeinde feierlichst übergeben. Hier der Wortlaut des Dokuments, welches in allen seinen Teilen etwas Staunenerregendes, Unübertreffliches darbietet. (Stempelbogen.) Sechs Gulden. Ich Endesunterzeichneter Cajetan Graf von Berchem-Haimhausen, königl. bayer'jcher Kämmerer und Hauptmann a la suite, Landstand in Böhmen, stiftendes und wirkendes Mitglied mehrerer in- und aus-

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