Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 86 Seite 609 Dr. Blochs Wochenschrift. die schönsten Aussichten. Der erwähnte tschechische Provinz-Redakteur setzte sich zunächst mit keinem Geringeren als dem gesinnungsverwandten Kollegen vom „Deutschen Volksblatt" in Wien in Verbindung und nun begann die „Arbeit". Der Herr Schriftleiter dieses Ehrenblattes etablierte sich zu einem förmlichen Neben-Untersuchungsrichter, inquirierte, haranguierte und suggerierte mit allen erlaubten und auch einigen unerlaubten Mitteln — so z. B. der Betrunkenmachung eines 15jährigen Jungen, des Bruders des nachmals so bekannt gewordenen Leopold Hilsner — und brachte es glücklich dahin, daß Alle in diesem schwächlichen verkommenen Schustergesellen, in Leopold Hilsner, den wahren Mörder erkannten. Der magische Einfluß, den der Deutsche auf die Tschechen ausübte, erwies sich in dieser Sache so stark, daß man unwillkürlich an des großen Heine Sprüchlein erinnert wird: „Selten habt Ihr mich verstanden, Selten verstand ich Euch, Doch wenn im Dr . . . wir uns fanden, Verstanden wir uns gleich." Die lokalen Gerichtsärzte verfaßten, augenscheinlich unter dem Druck der „öffentlichen Meinung", ein Gutachten, in welchem in sehr dürftig verhüllter Absicht — die „Ausblutung" der Leiche als erwiesen dargestellt wurde. Ob dieses Attentates auf Vernunft und Wissen wurden sie zwar von der, wohlgemerkt, tschechischen medizinischen Fakultät in Prag auf die Finger geklopft, eine Wendung jedoch wurde hiedurch im geistigen Pöbel, der ja niemals einer Belehrung zugänglich ist, nicht herbeigeführt. Der Verteidiger des Angeklagten mußte dem ausgeübten Terrorismus weichen. Nun der Angeklagte selbst. Ein unterernährter, geistig mangelhaft entwickelter, aus Armut, Schmutz und Elend hervorgekommener junger Mann, der kaum schlechter, kaum vagierender als Dutzende seiner Arbeitsgenoffen war, ein total verschüchtertes, nerven- und muskelschwaches Individuum, dem alle Dreistigkeit, dieses Grunderfordernis jedes Räubers oder Mörders, abgeht, gerade der sollte der Mörder einer Person, sein, die um so vieles stärker als er war?! Aber es fand sich ja so schön zusammen: ein nicht ganz gut beleumundeter Geselle, dessen Hauptverbrechen darin bestand, daß er Jude war, der auch vielleicht eben deswegen schon nicht leicht Arbeit fand und demgemäß auch häufig auswärts fich Umsehen mußte, daher förmlich erst zum Vagabunden gemacht wurde, von dem überdies vorauszusehen gewesen, daß er fich mangelhaft oder gar nicht verteidigen werde können, — wie dies auch tatsächlich zutraf — die Gehässigkeit in der „bodenständigen Bevölkerung" gegen die paar dortigen Juden, die zwar weder über das tiefste Maß der Armut hinausragten, noch der christlichen Gemeinde irgendwie zur Last fielen, aber dennoch als „Krätze" empfunden wurden, wie sich ein Ortsgewaltiger ausdrückte — diesen billigen Triumph konnte fich ein „Deutsches Volksblatt" nicht entgehen lassen. Man braucht sich eigentlich nicht zu wundern, daß, wennangeblich Gebildete von solcher, sagen wir Voreingenommenheit, ihre Handlungen leiten lassen, die einfachen Leute von Kuttenberg und Pisek die „Volksgerichte" wie das Antisemitenblatt fie heuchlerisch nannte, fich mit den „erbrachten" Beweisen begnügten und über einen Unglücklichen den Stab brachen, um ihn des schwersten Verbrechens, das es überhaupt gibt, zu zeihen, von welchem er mindestens ebensoweit entfernt war, wie jeder von ihnen selbst. Auch das Zeugnis eines besonders ehrenwerten Mannes, der — allerdings erst nach mehr als 4 Monaten — fich erinnerte, den Angeklagten in der „Nähe" des Tatortes gesehen, bezw. auf 670 Meter Entfernung „erkannt" zu haben, war für dieses schlichte „Tribunal" Beweis genug, daß er und nur er, mindestens als Mitschuldiger an dem Morde beteiligt gewesen. Lediglich die Ungleichheit in der Stärke gegenüber dem Opfer, die also Mithelfer erheischte, das war das Einzige, was ihrerseits zugegeben werden konnte. Freilich, als sich die gewichtigen Zweifel gegen die Richtigkeit des gefällten Urteils nicht mehr unterdrücken ließen, fand der Revisionsprozeß zu Pisek nicht mehr unter dem Gesichtswinkel des Ritualmordes, sondern nur des gemeinen Mordes statt. Allein was helfen alle Argumente der Vernunft dort, wo man eben keine Vernunftgründe hören will? „Macht nichts, der Jude wird verbrannt." Natürlich ging es dem unseligen, jüdischen Schustergehilfen bei dem zweiten Tribunal, das zwar an einem anderen Orte gehalten wurde, aber aus einer ähnlichen Bevölkerungsschichte bestand, nicht anders als vorher. Im Gegenteil, er bekam noch einen Mord aufgelastet dazu! Es wurde nämlich noch ein weibliches Skelett in der Nähe aufgefunden — was war natürlicher und einfacher, als daß man ihn auch gleich dieses Verbrechens bezichtigte und sofort deshalb verurteilte? Zwar ließ fich nicht konstatieren, ob die aufgefundenen Gebeine wirklich der verschwundenen Marie Klima angehört hatten, auch sprach nicht das geringste Indizium dafür, daß Hilsner am Morde direkt oder auch nur indirekt beteiligt gewesen — „macht nichts, der Jude wird verbrannt". Es fehlen die Worte, um diese ganze Prozedur richtig zu bezeichnen. Die gewöhnlichen Ausdrücke „Entrüstung", „Scham" sind viel zu matt, um jenes Gefühl auch nur anzudeuten, das fich jedes objektiv Fühlenden bemächtigen muß, der die Prozeßakten durchlieft. Man vergegenwärtige fich die ganze Ungeheuerlichkeit: Weil der erste Mord durch nichts, aber rein gar nichts erwiesen ist, verurteilt man denselben Unschuldigen sogleich des zweiten, über den weiter nichts bekannt ist, als daß er eben stattgefunden hat. Es konnte aber hier auch ein Selbstmord vorliegen und die Verscharrung konnte später stattgefunden haben! Das einzige Indizium bestand in der ungefähr gleichen Gegend. Ein wahres Wunder wäre es, zu nennen, wenn Hilsner wirklich und dennoch in einem oder beiden der Fälle der Mörder sein sollte. Keinesfalls aber durfte die Schuldigsprechung auf Grund so fadenscheinigen Beweismateriales erfolgen — ein Spruch, wie er vielleicht am Kongo geübt werden darf. Ein viel schwererer Vorwurf aber als die Leute vom „Volkstribunal" trifft die Fachjuristen, welche es bis nun nicht über fich bringen konnten, den Formalismus zu durchbrechen, und angstvoll am Buchstaben weiterkleben. Ihnen gilt der lebenslange Kerker, zu dem der arme Teufel „begnadigt" wurde, mehr als die schreckliche Sünde, etwa irgend eine papierene Vorschrift verletzt zu haben, um ein himmelschreiendes Unrecht gut zu machen. Sollte es wirklich in einem Rechtsstaate möglich sein, daß aus lauter Korrektheit die größte llnkorrektheit weiter bestehen gelaffen werden muß? Gewiegte Juristen finden gegen die Wiederaufnahme des Prozesses kein Hindernis. Und wenn ein solches formaler Natur bestünde, ist die Sache des Rechtes nicht hehr und heilig genug, daß man fich darüber hinwegsetzen müßte!? Der wahre Tatbestand wird dereinst doch ans Tageslicht kommen. Werden dann die Mitschuldigen ob des zerstörten Lebens eines ohnehin Unglücklichen zur Verantwortung gezogen werden? In erster Reihe mitmitschuldig find die Agitatoren, in zweiter die Lokalbehörden, welche die Untersuchung einseitig geführt und hauptsächlich Gewicht auf den am Tatorte gefundenen Stock gelegt haben, weil Hilsner auch häufig einen solchen mitführte, während die Maurerschürze unbeachtet blieb. Möge fie alle das Gewissen in ihrer letzten Stunde nur halb so bedrücken, als das Gemüt jener Armen durch volle zehn Jahre bedrückt war, die soeben zur ewigen Ruhe bestattet wurde und deren mütterliches Gefühl niemals erlosch! — Wir fordern die Wiederaufnahme des Prozesses Hilsner im Namen der Gerechtigkeit! Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Wien. Zrrr Abwehr gegen die Kindertanfen. In Frankreich wird seit einiger Zeit von Patrioten über die geringe Zunahme oder gar Abnahme der Bevölkerung geklagt und Mittel zur Abhilfe werden vorgeschlagen. Aehnliche Klagen hätten auch wir Juden in Oesterreich und im Deutschen Reich zu erheben Ursache. Doch liegt ein Unterschied vor: in Frankreich ist die abnehmende Zahl der Geburten die Ursache, bei