Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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<seite 608 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 36 Gelehrsamkeit zu geben verstehen. Daß meine Anschauungen in betreff der „Tendenz" von den Ihrigen abweichen, gestehe ich Ihnen offen, bitte Sie aber, dies als keine Kritik zu betrachten. Auch weiß ich nur zu gut, daß Darwin nicht ausreicht, um gewisse Lebenserscheinungen zu erklären, die vielleicht die entscheidenden sind. Allein für sich gibt es ebensowenig den „Willen Schopenhauers", als das ^Unbewußte" Hartmanns, und nicht weniger die mit Bewußtsein ausgestatteten Zellen und Atome. Daß ich mit dem, was Darwin leistet, mich begnüge, und lieber, denn seinen Boden zu verlassen, auf so viele Erklärungen verzichte, macht meine Stellung zur Moral zu einer unendlich schwierigen. Aber ich kann nicht anders. Nichts ist verführerischer als Ihre Darstellung des krähenden Steinrötels und spielend kommen Sie zum Gewissen, ja zum religiösen Bewußtsein. Für mich ist selbst beim Menschen das Gewissen durch Erziehung bedingt, und das Schweigen des Steinrötels könnte ich mir höchstens damit erklären, daß ihn Ihre unvermutete Anwesenheit allzutief erschreckt hat. Die dysteleologische Weltanschauung kann ich nicht besser charakterisieren, als mit dem Satz: „daß bei ihr die Zwecke sich nach den Mitteln richten." Eine Tendenz, bei welcher das Mittel einem bestimmten Zweck sich akkomodiert, ist ihr fremd, und beginnt erst bei den Taten, Handlungen denkender Wesen. Ich begreife ganz gut, daß der Naturforscher damit nicht auslangt: langt doch der Ethiker auch nicht aus damit. Allein beide sind dadurch auf eigene Füße gestellt und für mich wenigstens ist dies so wertvoll, daß ich meine, es sei auf dieser Stufe der Erkenntnis auszudcmern, bis wieder einer kommt, der allerdings vom Schlage Darwins zu sein hat, aber wieder um ein großes Stück uns vorwärts bringen wird. Schopenhauer hat mit Recht über den Darwinismus den Stab gebrochen, denn er hat ihn als die Negation seiner Weltanschauung erkannt. Meinen Dank für die liebenswürdige Sendung und die Bitte wiederholend, dies alles nicht als eine Kritik, sondern lediglich als den Ausdruck meiner Ansicht zu betrachten, zeichne ich Hochachtungsvoll B. Carneri." Wäre es nicht verlockend, die dogmatische und die dysteleologische Ethik von ihren divergierenden Ausgangspunkten bis zu den konvergierenden Denkergebnissen unbefangenen Blickes zu begleiten, um sie unter ein gemeinsames Höheres zu bringen, in eine befriedigende Welt- und Lebenserkenntnis? Selbst Samson Raphael Hirsch mit seiner streng konservativen Konsequenz gab einmal vor 50 Jahren in seinem „Ieschurun" einer Erpektoration seines gleichgesinnten Hamburger Vetters, eines ungewöhnlich geistig erlesenen Mannes, willig Raum, die da lautete: ,;Glaube was du willst, tue was du sollst!" Im Kampfe gegen die Feinde der Gesittung, des Rechtes, der beglückenden Menschlichkeiten gilt ja auch der strategische Ausspruch des ersten Napoleon: „Getrennt marschieren, vereint schlagen." Girr Martyrium. Ein altes Mütterchen schloß für immer die Augen. Wenig sympathisch wie das Milieu, in dem sie sich zeitlebens befand, verdient sie gleichwohl unser Mitgefühl im höchsten Maße. Nicht allein in Ansehung ihres furchtbaren, körperlichen, sondern weit mehr ihres seelischen Leidens. Und vielleicht war gerade bei ihr mehr denn bei irgend einer anderen das tiefe Seelenleid die wahre Ursache der Erkrankung oder Zersetzung ihres Blutes, was zum furchtbarsten Abschluß, dem Krebs, führte. Denn wenn auch ihr ganzes armseliges Dasein zwischen Fetzen und Hadern, ihre elende Ernährung zweifellos die „Disposition" zur Entwicklung der unheilbaren Krankheit bildeten, so ist doch gewiß nicht in Abrede zu stellen, daß ein zu Tode betrübtes Gemüt diese schrecklichste aller Zerstörungen zu beschleunigen oder selbst herbeizuführen vermag. Brachte der unerbittliche Tod der armen Häuslerin die längstersehnte Erlösung aus einem unausgesetzten Dulderdasein traurigster Art, in dem Hunger und Entbehrung die steten Begleiter bildeten, so schrillt er aber das öffentliche Gewissen bei der Nennung des Namens der Unglücklichen zu einer Aktion auf, deren bisherige Unterlassung jedem Gebildeten die Schamröte ins Gesicht treiben muß. In der Tat, wer frägt sich nicht bei dem Namen H i l s n e r unwillkürlich, ob wir in einem Rechtsstaate leben? Das zehnjährige Martyrium dieses armen Weibes, das sich um ihren unglücklichen Sohn bis zum Tode zerhärmte, was bedeutet es anderes, als einen ungehört verhallenden Protest gegen ein Rechtsverfahren, das alles andere enthielt, als das „Recht" — außer jenem der brutalen Gewalt! ... Man braucht sich gar nicht in das Detail dieses Tendenz- Prozesses zu vertiefen, es genügen einige wenige Schlaglichter, um die ganze Ungeheuerlichkeit des auf schamlose Treibereien einiger Agitatoren zurückzuführenden Zerrbildes eines Gerichtsverfahrens bloszulegen. Rekapitulieren wir den Hergang. Gegen Ostern des Jahres 1899 wird in einem Wäldchen bei Polna in Böhmen die Leiche eines gesunden, starken Mädchens gefunden. Selbstmord erscheint ausgeschlossen. Dagegen lasse die Lage des Leichnams, namentlich der Beine und anderes verschiedene Motive des Todes zur Annahme zu. Der vorhandene Halsschnitt erweist sich bei genauer Betrachtung als eine mit einem stumpfen Instrument, etwa einem Taschenmesser beigebrachte, tödtliche Verletzung. Die Ausblutung der Leiche zeigt sich normal. In der Nähe des Fundortes, der offenbar nicht zugleich Tatort war, fand sich ein grobes Tuch, eine Schürze nach Art der Maurer, sowie ein Stock vor. Das waren die einzigen Unterlagen, welche dem Untersuchungsrichter zur Verfügung standen. Die ersten Erhebungen stellten zunächst fest, daß die Ermordete, welche im gemeinsamen Haushalte mit ihrer verwitweten Mutter und ihrem Bruder in einem nahegelegenen Orte lebte, in die Arbeit als Schneiderin tagsüber nach Polna ging, daß aber ihre längerwährende Abwesenheit vom Hause zur kritischen Zeit, keineswegs sogleich nach dem Vermissen, sondern erst nach zwei Tagen durch ihre Angehörigen zur Anzeige gebracht wurde, wiewohl sie sonst niemals über Nacht ausgeblieben war. Natürlicherweise wurden auch sogleich alle Personen, welche mit der ermordeten Agnes Hruza irgendwie in Verkehr gestanden, auf's Korn genommen, überhaupt wickelte sich das Untersuchungsversahren zunächst ordnungsgemäß und einwandfrei ab, bis zwei Momente hinzutraten, welche das Ganze in ein anderes Fahrwasser hinüberleiteten. Das eine war, daß der Redakteur eines tschechischen Lokalblattes seinen stark verblaßten Ruhm aufzubessern bemüht war und glaubte, in diesem „Fall" die langersehnte Gelegenheit wahrnehmen zu können, zur Revanche für einen im Jahre 1893 vorausgegangenen Feldzug auf dem stets dankbaren Gebiete der Ritualmordverdächtigung, in dem er kläglich Fiasko gemacht hatte und zu zwei Wochen Kerkers verurteilt worden war. Das zweite Moment bestand in der methodischen Agitation einiger Hetzkapläne, welche die alte, blödsinnige Mähr vom Ritualmord der Juden zu jener Zeit — es war noch die Periode des Antisemitismus der rohen Form — mit Erfolg tradierten und in einer Predigt des seither verstorbenen Bischofs Brynich von Königgrätz über das „Blut" die Sanktion fanden. Kommt noch hinzu, daß auch ein bischen tschechischer Nationalfanatismus mitengagiert werden konnte, indem bekanntlich die Juden in Böhmen zumeist deutsch verstehen und sprechen. Und von welchem Chauvinismus die Bevölkerung der dortigen Gegend beherrscht wird, das zeigte einst — in den Achtziger-Jahren — ein Ueberfall auf deutsche wehrlose Ausflügler, gegen welche die stierwütigen Arbeiter einer Glasfabrik mit glühenden Glasstangen losgingen. Also vorbereitet und unter so hoher Patronanz winkten einer etwaigen Campagne daher