Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Vlochs Wocherrschrift. Sette 607 Reizungen geben nur die Anweisung, wo, wie und woran es sich betätige. Der Satz „Kein Organ ohne bestimmte Funktion" kann daher verständlicher lauten: Kein Organ ohne die Tendenz, jene Funktion, zu dem es da ist, auszuüben: denn das Organ ist gewissermaßen das selbstgeschaffene Werkzeug der Tendenz. Einem Muskelnerv oder dessen Zentrum wohnt die panbiotische Tendenz inne, den Muskel, bevor er zielstrebig wirkt und das richtige Objekt trifft, schon in zweckloser Bewegung spielen zu lassen, aber nicht ohne den Vorteil einer dadurch erlangten größeren Uebung zu späterer zweckgerechter Anwendung. Die gewöhnlichen Zweckmäßigkeitsideen und Instinktvorstellungen hielt ich für notwendig zunächst, wie es im Vorangehenden geschah, zur Tendenz zu vertiefen und diese Ergänzungstheorie in engen Umrissen zu entwerfen, bevor ich auf die Tendenz des Vogelsanges einging, welche ich nun darzulegen versuche. Das krähende Stemrötel. „Nichts ist von Tieren so wertvoll als wahrhafter Bericht solcher, -welche jene beobachtet haben. Gustav Freitag." Es kann keiner aus seiner Haut fahren, ebensowenig wie über den eigenen Schatten hinweg — und wie sollte man in die intimsten Vorgänge der Tierseele beobachtend sich versenken, mit unserer menschlichen, von der tierischen so grundverschiedenen Denk- und Anschauungsweise! Gleichwohl soll und kann man es und zwar nicht erfolglos versuchen, sich in die tierischen Vorstellungsnormen so hinein zu versetzen, um in irgend einem gegebenen Falle den logischen Ideengang eines Tieres zu verstehen und dessen Empfinden zu begreifen. Es wäre das eine Art von biologischem Altruismus ]o möchte ich es nennen, der: es uns; ermöglicht,. dem Tiere wissenschaftlich 'gerecht zu werden, wie die ethische Duliebe uns befähigen will, moralisch unsere Pflicht den Mitlebewesen gegenüber zu erfüllen. Das heißt mit anderen Worten: will man innere Lebensvorgänge, sagen wir, eines Vogels erforschen, so muß man gewissermaßen mit dem Vogelhirne denken. Aehnliches habe ich bei einem Singvogel versucht. Es ist ein hierzulande sehr beliebter Stubensänger, dem von den Ornithologen weit weniger Aufmerksamkeit zugewendet wird, als er verdient, das Steinrötel, Petrocincla saxatilis welches auf einsamen Höhen, besonders der Karpathen, nistet, daher „einsamer Spatz" genannt. Es hat die Natur des Spottvogels und ahmt gern von selber fremde Laute nach. Es gibt abgerichtete Exemplare, die zehn Stücke pfeifen und jedes einzelne Stück auf ein besonderes Zeichen wie auf Kommando hören lassen. Ich bekam ein Steinrötel aus dem Neste, das bald zahm und zutraulich wurde. Sein Käfig hing hinter dem Fenstervorhang meiner Studierstube, an welche mein Schlafzimmer stößt. Einigemal hörte ich am frühen Morgen das Krähen eines Hahnes, aber so melodisch rein, da,ß es mir auffiel, und so abgetönt, als ob es aus einem fernen Hofe herüber käme. Ich dachte an alles, nur nicht an meinen einsamen Spatz, der sich in meiner Gegenwart nie als Kikeriki produzierte. Aber bald sollte ich dem seltsamen Kräh-Debutanten hinter die Schliche kommen. Ich war zeitig aufgestanden, in meine Studierstube gekommen, als mein Sänger noch den Kopf hinter den Flügeln hatte, und ich saß lange ruhig in einer anderen Ecke. Da wird es im Käfig lebendig. Von dem Vogel nicht bemerkt, sehe ich ihn durch eine Falte des Vorhanges, wie er die Flügel und den einen Fuß reckt und streckt, sich die Federn strählt und putzt. Nun setzt er mit der Stimme ein und — kräht, wie ich es vom anderen Zimmer oft gehört, ohne den Simulanten zu ahnen. Sähe ich nicht den geöffneten Schnabel, das Zittern der sich blähenden Kehle, ich glaubte es noch jetzt nicht, so von der Ferne kommend klingt der Ton. Ich trete plötzlich hinter dem Vorhang hervor. Kaum daß er meiner ansichtig wurde, bricht er mitten im Krähen ab, was er sonst im gewöhnlichen Gesänge, wenn ich zu ihm hintrete, niemals tut, und flattert unruhig hin und her, als hätte er was Schlimmes angestellt. Ich verlasse die Stube und passe in der Nähe auf. Er kräht nicht mehr, auch den anderen Morgen nicht: erst zwei Tage später, früh, bevor sich noch etwas in seiner Nachbarschaft regte. Mitten im Krähen öffnete ich die Tür, er hört auf und ist in Gegenwart von anderen zum Krähen nicht zu bewegen. Daß der Vogel kräht, ist an sich nichts Merkwürdiges, denn manche Vögel ahmen andere Tierlaute nach. Es ist das ein Spiel zu eigenem Vergnügen, die Lust am Fabulieren in die Vogelnatur übertragen. Und im Nachahmen übertrifft ja, wie Darwin bemerkt, das Tier den Menschen, obgleich Wallace auch vieles von der Verstandesarbeit des Menschen auf Nachahmung und nicht auf Ueberlegung zurückgeführt wissen will. — Seltsamer ist das bauchrednerische Kunststück des Vogels, den Timbre und die Tonfärbung eincs aus der Ferne kommenden Krähens täuschend nachzuahmen. Das Beachtenswerteste jedoch bleibt bei der ganzen Sache, daß der Vogel in meiner Gegenwart nicht krähen wollte und sich darin unterbrach, wenn jemand dazu kam. Eine unangenehme Erfahrung konnte er mit dem Krähen nicht gemacht haben, da ich ihn in Pflege übernommen, noch bevor er recht zwitschern konnte und ich ihn wegen des Krähens nie gestraft hatte. Da also diese Tatsache auf keine Ideen- oder Gefühls-Assoziation zurückzuführen ist, so konnte es nur ein gewisses Schamgefühl sein, das ihn bestimmte, in meiner Gegenwart nicht zu krähen. Er mußte das spottende Imitieren des Hahnes als eine für einen solchen edlen Sänger ungeziemende Handlung ansehen, für etwas Unanständiges, für einen losen Streich, dessen sich sein ästhetisches Vogelgewissen, besonders vor seinem Herrn, zu schämen hatte, an dessen Achtung und Beifall dem Vogel gelegen war. Damit wäre ein Nachweis mehr geliefert, daß dem Tiere auch jene psychischen Eigenschaften zukommen, welche gewöhnlich als spezifisch menschliche Unterscheidungsmerkmale aufgefaßt und angeführt werden. nämlich was man Scham- und Schicklichkeitsgefühl und Gewissen nennt — und vom Gewissen bis zu religiösen Regungen, wie sie E. v. Hartmann in seinem Buche „Das religiöse Bewußtsein usw.", S. 4, den Tieren zumutet, ist nur ein Schritt. Wenn ich in der vorangehenden Darstellung etwas Weitläufiger war, so geschah es nicht so sehr in der Absicht, die Aufmerksamkeit auch der Vogelliebhaber und -Züchter auf dieses prächtige Geschöpf zu lenken, als um eine methodische Formel für die Beobachtung und Beurteilung seltsamer Lebensäußerungen von Tieren zu liefern, die schon zu den abenteuerlichsten Erklärungsversuchen führten. Als eine solche Formel kann der alte Spruch Hillels (Aboth 2, 4) gelten: .^Beurteile einen anderen nicht, es sei denn, du wärest schon in seiner Lage gewesen." Die Zusendung der angeführten Arbeit von Dr. Plaezek erwiderte lLan.eri mit einem Schreiben, das gewissermaßen ein wissenschaftliches Glaubensbekenntnis und Selbstportrait desselben enthält und das beinahe vollständig hier wiedergegeben wird: „Wien,- 3. Mai 1884. Herzlichsten Dank für Ihr liebenswürdiges Schreiben und die es begleitende wertvolle Gabe. Ich habe Ihre Schrift über den Vogelsang mit großem Interesse gelesen und sage ihr in den weitesten Kreisen die beifälligste Aufnahme voraus. Diese ist ihr gesichert durch die gewinnende Form, welche Sie einer ungewöhnlichen