Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 606 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 36 welchem ihr Souverän die Hand drückt, welche im Jahre 1909 allein au achthundert Todesurteile unterschrieben hat. Der Zar scheint mehr Respekt zu haben vor der Moral Europas als - die Diplomaten, welche ihn jüngst mit den Herrschern von England und Frankreich zusammengeführt haben und ihn jetzt mit den Monarchen Italiens und der Türkei zusammenführeu werden. Als der Herr von Rußland nachhause zurückkehrte, hat er die Nachricht verbreiten lassen, daß er bei seiner Ankunft eine große Amnestie erlassen werde. Nicht einmal ein einziger Gnadenakt ist erfolgt. Die Meldung von der Gnade sollte die starknervigen Diplomaten ein bischen entschuldigen, sollte vielleicht den Arm des Unbekannten lähmen, der etwa im Wilhelm-Kanal die zehnfachen Soldatengitter durchbrechen wollte, um mit einer Waffe Europas Kultur zu rächen. Zuhause angekommen, hat der Zar vollständig an sein Versprechen vergessen. Er ist wahrscheinlich noch gar nicht dazu gekommen, über die Ausführung uachzudenken. Denn er hat im Juli allein 39 Leute hängen lassen müssen, mehr als einen täglich, und er mußte das Journal des Zaren leien, in welchem hauptsächlich Polizeiberichte zu genußreicher Lektüre zusammengestellt sind. Er mußte sich bei den Vorstehern der echt ruffischeu Leute bedanken, welche ihm seine Juden so radikal aus den Augen schaffen, und er mußte die Staatsräte dekorieren, welche ihm zugleich als Verräter unter den Revolutionären dienen. Hat nicht Gladstone den Sultan Abdul Hamid einen Mörder auf dem Throne genannt? Wahrscheinlich hat England keinen Gesetzparagraphen, der die Kritik des Herrschers in einem befreundeten Staate verbietet. Einem anderen Europäer bleibt nichts übrig, als auf den nun vollständig demaskierten Zaren hinzuweisen und jedem das Urteil zu überlassen. Vielleicht wird dann doch jene Empörung losbrechen, die notwendig ist, um ein riesiges Stück unseres Kontinents nicht bei Asien zu lassen und eine Aenderung bei jenem Mann hervorzurufen, bei dem der Stockhieb des Japaners furchtbare Folgen gehabt zu haben scheint und der die unglaubliche Kraft besitzt, für die Geschehnisse in Rußland alle Verantwortung zu tragen. Carneris Selbstkritik. Ein parlamentarischer und philosophischer Seher hat vor kurzem die fast erblindeten Augen geschlossen: Bartholomäus v. Carneri. Ein gewaltiger Rufer im Streite, überzeugungstreu und unwandelbar als Politiker, von durchsichtiger Lauterkeit der Gesinnung, hochschwunghaft und tiefgründend als Forscher, kühn und weitausblickend als Denker, ein stilistischer Meister von feinstem Sprachgefühl, um das selbst die literarischen Hyperästheten oder llnterneurastheniker Iung-Wiens ihn beneiden könnten, wenn sie nicht über Klassizität mit einem mitleidigen Lächeln sich hinwegsetzten, zuverlässig, selbstlos als Parteigenosse, vornehm, ritterlich als Gegner, besaß er die Klarheit und Festigkeit des Edelkristalls ohne dessen scharfe Kanten und Spitzen. Ueber die Krankheit unserer Zeit, ich möchte sie „Jubilirinm tremens“ nennen, urteilte er als Wellweiser und scharfblickender Biologe und ließ deren Ausbrüche mit feiner, gutmütiger Ironie auch über sich ergehen. Seine Selbstunterschätzung erhöhte noch die Einschätzung seiner Eharaktergröße. Als Apostel des Friedens, des gesellschaftlichen und Weltfriedens, war er wie berufen, der Autor einer voraussetzungslosen Ethik zu werden, die von jeder Dogmatik losgelöste Pflicht mit der Unerbittlichkeit eines kategorischen Imperativs zu einem Moralprinzip zu erheben. In einem anregenden Nachrufe der „Neuen Freien Presse" vom 14. August d. I. wird Earneri „ein Vorkämpfer des Moralunterrichtes" genannt, mach dessen Meinung die Schule auch eine Stätte des Friedens werden und die Menschen nur lehren soll, was sie eint, nicht aber, was sie trennt. Aus seinem Essai „Die Moral und die Volksschule" (Kosmos. 1886) waren einige markante Sätze, die an Aktualität seit damals. nur gewonnen haben, hervorzuheben: „Bei dem Moralunterricht handelt es sich um die ethische Erziehung des kindlichen Gemütes, dessen Empfänglichkeit für das Gute, Schöne und Wahre geweckt werden soll. Im rechtsstaatlichen Moralunterricht lernt das Kind schon von der untersten.Schulstufe an, daß es eine Menschenwürde gibt, die man Hochhalten muß, und daß der Staat nur Bürger braucht, deren Leitstern diese Würde ist, weil auf ihr die freie Achtung vor dem Gesetze beruht." Der Iude, der Verkünder und Träger der Weltmoral und darum von der sittlichen Dekadence, nenne man sie Rückfall in die alte Barbarei oder künstliche Brutalisierung, am grimmigsten und unversöhnlichsten angefeindet wurde, und — was für ihn höchst unpraktisch ist — im Herbartschen Sinne „ein praktischer Philosoph", soll an Earneri nicht mit oberflächlicher Teilnahme vorübergehen, sich vielmehr mit dessen Ethik, wenn auch nur berichtigend oder mitunter bekämpfend eingehender beschäftigen. Als Biologe und Ethiker hat Earneri zu der größeren Arbeit, die Dr. B. Plaezek in Brünn teilweise als „Quelle des Vogelgesanges" im Kosmos. Bd. XIII, S. 465 ff. und vollständig in dem Bd. XXII „Der Verhandlungen des naturforschenden Vereines" in Brünn 1884 erscheinen ließ, vor 25 Jahren Stellung genommen und zwar in einem sehr bedeutsamen Briefe, den Dr. Plaezek in „Die gefiederte Welt", Jahrg. 38, 1908, veröffentlichte. Aus dieser Schrift, deren Titel „Der Vogelsang nach seiner Tendenz und Entwicklung" «in weiterer Ausführung" lautet, sei es gestattet, einige Darbietungen, die zum Verständnisse von Carneris Zeilen unerläßlich sind, diesen vorauszuschicken. Die Tendenz als biogenetischer LrUämngsgrund. Mit Vorbedacht wurde die Bezeichnung Tendenz gewählt; denn für die Vegriffssphäre dieses Wortes gibt es kaum in einer Sprache einen vikarierenden, geschweige einen adäquaten Ausdruck, namentlich wenn es sich um eine biogenetische Terminologie handelt. Tendenz ist weit mehr als Zweck, es umfaßt die Absicht, den Trieb, die Richtung, welche die zielstrebige Absicht einschlägt, und den Zweck. Vielleicht ist der Tendenz ui diesem Sinne Und Umfange noch eine bedeutsame Rolle in der Erkenntnistheorie aller Lebensgestaltung Vorbehalten. Der Wille, zu sein, die Absicht, seine Sonderheit gellend zu machen zugunsten oder auf Kosten anderer, das Streben, sich von andern zu unterscheiden, der Trieb und die Fähigkeit, seine Eigenheit oder Eigenart fortzuerhalten und zu propagieren, all das zusammengenommen und verbunden mit dem Anpassen an die maßgebenden Verhältnisse und mit dem Auffinden der geeigneten Mittel und möglichst kürzesten Wege zur verhältnismäßig raschesten Erreichung des Zieles gibt das Wesen der Tendenz. Vom unbewußten, dunkeln Drange bis zum klaren bewußten Wollen sich abstufend, die ganze Leiter hindurch von der Zelle bis zum selbstbewußten, vernünftig wollenden Lebewesen, überall kann die Tendenz als das lebengestaltende, jedes Sein erklärende Prinzip angenommen werden. Tendo ergo sum — sollte anstatt des alten kartesianischen Satzes der Ausgangspunkt der modernen spekulativen Wissenschaft als Erklärungsgrund alles Seins lauten. Tendenz soll eben nicht. bloß als Anlage, als „formelle Disposition" genommen werden, die durch sinnliche Eindrücke der Außenwelt zur Betätigung getrieben wird (vgl. Kosmos, Jahrg. 5,S. 10), sondem als das von innen treibende selber. Aeüßere