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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-09-03 · 36 (3.9.1909) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 36 Dr. Bloch’s Jahrgang XXY1 Zettttalorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. -□_□- Wim, 3. September 1909 Brscöetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. O (j~ "" ■' —-üo p Bezugspreis für Oesterreich: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Petttzeile 24 Heller. C, OQ .- ■ -Oo r N. ft. Pofisparftastenarnl Sleartng-Verk edr Vir. 810.976. Redattion und Administratton: Wien IX/i. Hahngaffe Nr. 15. l) Telefon Nr. 14.847. Inhalt: Leitartikel: Demaskierung des Zaren. — Carneris Selbstkritik. — Ein Martyrium. — Zur Abwehr gegen die Kindertaufen. — Das Vermächtnis eines Grafen an die Judenheit seiner Domäne im Jahre 1843. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Liga zum Schutze der unterdrückten Völker. Die Unzufriedenheit der russisch-antisemitischen Presse. Das neue Luftschiff eines englischen Juden. Die Juden in Australien. Der Anteil der Juden an der Entwicklung Kaukafiens. — Korrespondenzen: Kultuspräsident I. PH. Glesinger. Die Pensionsversicherung der Kultusbeamten. Der Israelitische Landeslehrerverein in Böhmen. Die „historischen" Belege von Judenstein-Rinn und Trient. Rumänische Frechheiten. — Vermischtes. — Feuilleton: Kor statische Juden. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Demaskierung des Daren. .Armer Zar! Als er einstmals mit dem griechischen Kronprinzen auf einer Reise in Ostasien begriffen war, brachte ihm ein fanatischer Japaner mit einem Stock eine schwere Kopfwunde bei. Seit diesem Tage litt beim Zaren die Stärke des Denkens. Er kann keinem mündlichen oder schriftlichen Vortrag folgen, der mehr als einige Minuten in .Anspruch nimmt. Daher hat es auch seine Umgebung so leicht, den Herrscher aller Reussen zu täuschen. Diese Banditen mit den Titeln von Staatsräten, Generalen, Polizeimeistern spiegeln dem Zaren vor, sein riesiges Reich liege auf der besten aller Welten. Sie uüd nur sie plündern den Bürger und Bauern, bevölkern Sibirien mit Elend, füllen die Gefängnisse mit Verzweiflung, die Galgen mit Opfern. Sie sind die Arrangeure der Pogroms, die Meister der Feldgerichte, die großen Mörder der Studenten. Der Zar aber, den man mit verbrecherischen Lügen hinter Kosakenmauern scheuchte, wiegt sich dort in herrlichen Traumen des Völksbeglückers und Menschenbefreiers. Ihm redet man ein, daß die Bauern über seine Ukase Freudenfeste feiern und läßt ihn bei der Meinung, daß es ihm glücken werde, Europa den ewigen Frieden zu bringen und zu sichern. Denn nur die Kraft seines Denkens hat gelitten, nicht aber die Kraft seines Gefühls, das dem Guten und Edeln zugetan ist und Goldschätze ausstreuen möchte von Meer zu Meer. Warum also ihn verfolgen, wenn er Besuche in fernen Ländern macht? Warum sein Schiff wie ein Pestschiff behandeln und betrachten, wie kürzlich ein englischer Abgeordneter sagte? Seinen Schranzen und Trabanten gehört die Verachtung, gehört vielleicht die Bombe, aber nicht ihm, den eigentlich edeln Zaren, den die bösen Zauberer in einem Märchenschloß der Lüge eingeschläfert haben für die Dinge der wirklichen Welt,, um dann in seinem Namen die scheußlichen Verbrechen zu begehen, deren Sammelname russische Regierung heißt. Man könnte wahrhaftig Mitleid Haben mit dem Manne, der durch die Entfernung seines Thrones vom alltäglichen ^eben den Blick für die Wahrheit verlor, den Völkern das Glück schenken wollte und den Haß zürückbekam. Jetzt aber hät man die Wahrheit gehört, hat das Ammenmärchen des Zarenhofes durchschaut. Der Revolutionär Burzew, der ein russischer Asmodi ist und die Dächer der Staatsgebäude in seinem Vaterlande abhebt, um unserem Schauder eine gigantische, monumentale Korruption zu zeigen, Burzew hat der Entlarvung des russischen Regierungsschuften Azew und des hohen Ordenträgers und Polizeispitzels Hartung eine neue folgen lassen, eine größere. Burzew teilt mit und er schreibt nicht nur, sondern photographiert und das Sonnenlicht betrügt nicht beim Malen, daß der Zar der würdige Herrscher seiner würdigen Trabantengarde sei. Daß er genau von allen den Ereignissen unterrichtet sei, welche seine Regierungszeit schänden. Der Zar empfängt täglich durch eine eigene Zeitung genauen Bericht von allen Vorgängen im Reiche und besonders aus den Polizeiämtern und er nimmt ihn genau zur Kenntnis, wie seine Randbemerkungen und seine Verfügungen beweisen. Der Zar weiß, was in seinem Reiche geschieht. Man möchte sich zur Ehre der Menschheit weigern, das zu glauben. Denn es sind zu viele Grausamkeiten, die auf die moralische Rechnung eines einzigen Mannes kommen. Ivan der Schreckliche scheint in einem neuen Rurik auferstanden zu sein. Diese ganzen Scharen von Toten aus den letzten Jahren, die füsilierten Arbeiter, die gemarterten Juden, die achthundert Opfer, die der Henker heuer allein bekam, sind alle Ankläger Nikolaus II. vor der Weltgeschichte und der Menschlichkeit. Seine Hand ist es, welche die Knute des Sbirren und den Sabel des Kosaken schwingt, auf seinen Willen, vor seinen Augen stirbt der Sträfling der sibirischen Bergwerke unter der Erde in seinen schweren Ketten. So furchtbar ist das Wirken dieses Mannes, daß die Zarin von tiefster Seelendepreffion ergriffen wurde und von keiner Kunst der Aerzte dahin gebracht werden konnte, den Eindruck der Taten des Mannes zu verwinden, an dessen Seite sie durch Stätten des Entsetzens schreitet. Das Herz einer Frau vermag es nicht zu ertragen, daß der Zar den Fluch von Tausenden seiner Untertanen mit Fanatismus gegen sich heraufbeschwört und einen blutigen Krieg mit seinen Untertanen fährt, in welchem der Henker keinen Pardon geben darf. Staatsmänner haben stärkere Nerven als eine Frau. Sie führen mit klugem Bedacht den Augenblick herbei, in

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