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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 597 Nr. 3B diesbezüglich wird das erwähnte Bureau noch im Laufe der nächsten Wintersaison die nötigen Schritte einleiten. Als wichtigste Hauptaufgabe betrachtet jedoch das Emigrationskomitee eine den gesetzlichen Bestimmungen entsprechende Behandlung der jüdischen Auswanderung aus Galizien. Erwähnt sei noch, daß auch der Jtoistische Zentralverein seine Bureaulokalitäten dort haben-wird, wo das Emigrationskomitee der „Jto" seinen Sitz hat. Wie uns mitgeteilt wird, wird das Komitee, sowie der Ausschuß des „Jto"-Vereines in allernächster Zeit im Wege eines Kommuniques die Adresse, Sprechstunden zc. der Oeffentlichkeit bekannt geben. Wir werden auf diese Projekte, die von der jüdischen Bevölkerung sicherlich mit Freude und Sympathie begrüßt werden, noch zurückkommen. Blutsteuer und Gleichberechtigung. Es wird immer schlimmer in Oesterreich. Der Antisemitismus nimmt immer mehr auch von denjenigen Kreisen und Behörden Besitz, die von der Steuer der Juden genau so erhalten werden, wie von derjenigen der Nichtjuden. Eine der wichtigsten Steuern ist wohl die Blutsteuer und hat man sich auch allmälig daran gewöhnen müssen, daß Juden von höheren Offiziersrängen allmälig ausgeschlossen werden, hat man sich auch damit abfinden müffen, daß der jüdische Soldat, der in irgend eine gottverlassene galizische Garnison verschlagen wurde, ein wahres Martyrium des Militärdienstes durchmachen mußte, so konnte man sich bisher wenigstens damit trösten, daß es in den größeren Garnisonen und zumindest in den Kasernen der Haupt- und Residenzstadt Wien doch etwas erträglicher zugehe. Der Notschrei eines jüdischen Reservisten, der in der letzten Nummer der „Sonn- und Montagszeitung" erschienen ist und reproduziert zu werden verdient, belehrt uns jedoch eines Befferen. Der jüdische Soldat muß, wenn er das Unglück hat, in die Hände eines antisemitischen Vorgesetzten zu geraten, in Przemysl genau so leiden wie in Wien. Der bemerkenswerte Brief lautet: , „Bei meiner jüngsten dreizehntägigen Waffenübung hatte ich das besondere Glück, statt ins Manöver zu gehen, aufVeranlaffung des Herrn Major v. Berg als Schreiber im k. u. k. Ergänzungsbeztrkskommando Nr. 4, III., Landstraße 119, verwendet zu werden. Am Einrückungstage, beim Befehl, sagte uns Herr Hauptmann Pfeffer, Kommandant des Cadres, daß wir in Zivil ausgehen können und die Monturen für die Kanzlei genügen. Am zehnten Tage meiner Waffenübung hielt der Oberleutnant Br . . . als zugeteilter Subalternoffizier Befehl und beanstandete meine Montur. Am nächsten Tage tauschte ich meine Hose, Bluse und Kappe aus, um ja keinen Anstand zu haben Auch fanden sämtliche Chargen, daß ich heute gewiß keinen Anstand haben werde, überdies wunderten sie sich, daß man mit einem Reservisten, der noch zwei Tage hat, so viel Geschichten macht. An diesem vorletzten Tage spielte sich nun folgender Vorfall ab. Oberleutnant Br . . . hielt Befehl und rief vor der ganzen Mannschaft: „Der Jud, den ich gestern beanständete, soll vortreten." Als ich mich nun noch nicht vom Platze rührte, da ich doch einen Namen habe, so schrie der Oberleutnant dem Zugsführer hin: „Sagen Sie doch, der Jud soll vortreten." Als ich auf Befehl des Zugsführers vortrat, packte mich der Oberleutnant an der Brust, zerrte mich ans Licht und schrie: „Sie sind doch a Jud. man sieht es Ihnen auch an. Sie dreckiger, jüdischer Rekrut!" I. F., Handelsangestellter." Im Herbste werden die Delegationen zusammentreten. Ihre Sitzungen versprechen diesmal stürmisch zu werden. Man wird an allem Möglichen herumzukritifieren haben, der jüdischen Soldaten wird sich diesmal niemand annehmen, weil es den verschiedenen Parteien im Kompromißwege gelang, die österreichische Delegation judenrein zu machen. In der vorigen Session der Delegationen hatte das damalige Delegationsmitglied Abgeordneter Dr. Straucher die Soldatenmißhandlungen und die Zurücksetzung jüdischer Soldaten im Dienste zum Gegenstände einer eingehenden scharfen Kritik gemacht. Wie aus obigem Briefe ersichtlich, haben sich die Verhältnisse seitdem nicht nur nicht gebessert, sondern eher verschlimmert. Den Juden wird auf diese Weise der Militärdienst, dem sie sich freudig und tapferen Mutes widmen, vergällt und verleidet. Das Heer ist eine gemeinsame österreichisch-ungarische Angelegenheit, die in den Delegationen,, gleichfalls eine gemeinsame Institution, zur Sprache gebracht werden kann. In der österreichischen Delegation wird, da in ihr diesmal kein Jude Sitz und Stimme hat, das Kapitel „Antisemitismus im Heere" kaum zur Erörterung gelangen. In der ungarischen Delegation hingegen, der auch einige jüdische Abgeordnete angehören, wäre wohl Gelegenheit, den Kriegsminister darüber zu befragen, ob er es mit den Staatsgrundgesetzen und der Disziplin im Dienste für vereinbar hält, daß ein Jude, der sein Leben zumindest mit dem gleichen Opfermut und Verständnis zu opfern bereit ist, wie der Offizier, der ihn öffentlich beschimpft, bei Entrichtung der Blutsteuer körperlich und seelisch mißhandelt werde? Leider läßt das Verhalten der jüdischen Abgeordneten des ungarischen Parlamentes ihren intern jüdischen Angelegenheiten gegenüber wenig hoffen, daß sie in dieser gemeinsamen Angelegenheit sich dessen bewußt werden, daß sie sowohl als Juden, wie auch als Patrioten die Pflicht haben, ihre Stimme zu erheben gegen eine Strömung in unserem Heere, die für sämtliche Beteiligten verhängnisvoll werden kann. x. Antisemitische Roheit. Unter diesem Titel wird der Prager „Selbstwehr" geschrieben: Es ist allgemein bekannt, daß in vielen Badeorten den Juden der Zutritt gänzlich verboten ist, daß sie in vielen Kurorten in ihrer Bewegungsfreiheit geschmälert oder in kleinlicher, aber böswilliger Weise schikaniert werden. Das höchste aber in dieser Art, eine unglaubliche Roheit, einen Akt gemeinster, Gesinnung leistet sich die Badeverwaltung des durch eine Ritualmordgeschichte bekannten Radeschowitz bei Lioan durch das Anbringen der folgenden Aufschrift: „Ääüiu, p8Üin a Nemcüin se vstup zapovida.“ (Juden, Hunden und Deutschen ist der Eintritt verboten.) Es ist wirklich unglaublich, daß die Behörde so etwas durchgehen läßt. Sind wir Inden allen Beleidigungen rechtlos preisgegeben? — Wie wir erfahren, ist der Obmann der Verwaltung dieser Badeanstalt Dr. Rudolf Perner, Advokat in Prag, Grube. Er ist auch Besitzer zweier Häuser in Prag, und zwar Karpfengaffe 49 und Valentinergaffe 3. Als Hausherr scheint er sich aber nach der Tendenz, wie sie in der Aufschrift der Badeanstalt ausgesprochen ist, nicht zu richten, da seine Mieter zum großen Teile Juden find. Für diese sollte es von Jntereffe sein, sich von ihrem Hausherrn über dessen wahre Gesinnung ausklären zu lassen. Durch unsere Veröffentlichung haben wir die Behörde auf diese Angelegenheit aufmerksam gemacht und erwarten, daß diese die Entfernung der Aufschrift veranlassen wird. Ist ein Synagogenfitz pfändbar? Diese Frage beschäftigt gegenwärtig die ungarischen Gerichte. In einem konkreten Falle hat ein Gläubiger bei seinem Schuldner eine gerichtliche Pfändung vornehmen lassen und verlangt, daß auch der dem Schuldner gehörende Synagogenfitz ins Pfändungsprotokoll ausgenommen werde. Der Gerichtsbeamte, der bei der Pfändung intervenierte, verweigerte jedoch die Durchführung der Pfändung des Synagogenfitzes und zwar 'mit der Begründung, daß nach dem neuen ungarischen Exekutionsgesetze Ritualgegenstände von der Pfändung ausgeschloffen sind. Da der Gläubiger gegen diesen Vorgang den Rekurs anmeldete, wird nun das Gericht darüber zu entscheiden haben, ob ein Synagogenfitz zu den Ritualgegenständen gezählt werden soll, denen die Wohltat der Unpfändbarkeit zugute kommt. Offizieller Antisemitismus in Ungar». In der jüngsten Sitzung des Verwaltungsausschuffes des Komitates Ung an der galizischen Grenze, beklagte sich ein Oberstuhlrichter in seinem Berichte darüber, daß jüdische Auswanderer aus dem Auslande, zumeist Galizianer, das Grenzgebiet des Komitates.. überschwemmen, sich für Hausierer ausgeben, in Wahrheit sich aber mit der Vermittlung der Auswanderung beschäftigen. „Auch kommt zu uns", heißt es in dem Berichte, „oft ein Wunderrabbi aus Galizien, läßt sich hier mit 15 Genoffen nieder und scharrt während einiger Monate zirka

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