Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 694 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 86 überspannten Nationalismus, der zu großen Ausgaben für Heer und Flotte geführt hat. Darüber ist jetzt sogar Fürst Bülow gestürzt. Zwar wird das reiche Deutschland spielend die 500 Millionen aufbringen, aber die jetzige Mehrheit kann stürzen. Ihre Wege sind unterwühlt und können zusammenbrechen. Es ist ein gutes Zeichen, daß die internationalen Vereine sich wehren, die Menschen haben ein Gefühl, daß ein Zusammenschluß doch nötig ist. Die Entwicklung der Verkehrsmittel, Telephonie, Telegraphie, Luftschiffahrt, wird das ihre tun. Jeder Staat muß erkennen, daß sein Nationalismus ohne die gesunde Grundlage des Kosmopolitismus undenkbar ist." Auch über die Einwanderungsfrage, die dem Petersburger antisemitischen Blatt den erwünschten Anlaß zu der lügnerischen Darstellung, daß der japanische Staatsmann ein Gegner der Juden sei, gegeben hat, äußerte sich Graf Okuma: „Wie früher, so bin ich auch jetzt der prinzipiellen Ansicht, man soll keinen Unterschied zwischen Einheimischen und Fremden machen. Nach dem Zivilgesetz haben sie ja schon gleiches Recht, aber nach den Verträgen darf kein Europäer und Amerikaner Grund und Boden erwerben. Natürlich wird da einfach ein Japaner vorgeschoben, um die Verträge zu umgehen. Dieser alte Zopf muß beseitigt werden. Die Ansicht, daß dann die Fremden kommen und das Land ausbeuten könnten, ist absurd. Gegen einen Raubbau in Bodenschätzen kann sich das Land ja ähnlich wie andere zivilisierte Staaten gesetzlich schützen. Neue Industrie und neues Fremdenkapital wird aber Japan nur Vorteil bringen. Allerdings müffen dann auch einige heute ungerechten Vorrechte der Ausländer fallen. Das Land ist für die völlige G l e i ch st e l l u n g heute reif. Ich hoffe, daß das Werk jetzt endgültig und definitiv glücklich erledigt wird." _ Eine interessante Operation in einem jüdischen Spital. Die amerikanischen Fachblätter besprechen in ihren jüngst eiugelaufenen Nummern eine intereffante Operation, die im New-Iorker Beth-JsraelHospital vom Operateur Dr. Charles Goodman an einem 2*/* Jahre alten Kinde mit Erfolg vorgenommen wurde. Es handelte sich um den schweren Fall einer Bluttransfusion. Das Kind stürzte vor einiger Zeit, als es sich vor einer Feuersgefahr retten wollte, aus einer bedeutenden Höhe, erlitt hiebei schwere Verletzungen am Gesicht und Körper, aus denen das Kind unaufhörlich blutete. Zuhause wurden alle möglichen Mittel angewandt, die Blutungen zu stillen, und als nichts nützte, wurde es in vollends erschöpftem Zustande in das genannte jüdische Spital gebracht. Hier erkannten die Aerzte bald, daß sie es mit einem seltenen Falle der sogenannten Hemophia, das heißt der unkontrollierbaren Blutungsursache zu tun haben. Sie wandten alle ihnen bekannten Mittel an, ohne jedoch auch das geringste Resultat zu erzielen. Das Kind war schon der Verblutung nahe und die Aerzte erkannten, daß es nur noch durch die Transfusion gesunden Blutes gegerettet werden könne. Ein Verwandter des Kindes, der beim Transporte desselben ins Krankenhaus interveniert hatte, machte sich rasch entschlossen erbötig, das Opfer zu bringen, um das Kind zu retten. Die Transfusion des Blutes aus den Armen des jungen Mannes in die Adern des Kindes gelang vorzüglich. Die berühmtesten Aerzte New-Iorks besuchen nun täglich das jüdische Spital, um den weiteren Verlauf der Krankheit zu verfolgen. Das Kind soll bereits seiner Genesung entgegensetzen. _ Ein Bericht über Messina aus dem Jahre 1478. Ein junger jüdischer Gelehrter, Obadjah aus Bartenura in Portugal, machte in den Jahren 1478 und 79 eine große Reise nach Italien, Egypten und der Türkei und berichtete darüber an seinen Vater in einem hebräisch geschriebenen Brief. Noch bedeutend mehr als Zeppelin heute hatte er auf seinem Segler mit widrigen Winden zu kämpfen, mußte oft auf Wochen aus Land und war mehrere Male nahe daran, zu ertrinken, lieber Messina, das der Reisende mittels einer französischen Galeere von Palermo aus besuchte, enthalt der Brief die folgenden Angaben: Messina ist ein Handelsplatz für alle Nationen; von allen Gegenden kommen Schiffe dahin, da Messina in günstiger Lage sich befindet, so daß Schiffe aus dem Osten und dem Westen da Vorbeigehen, und auch dessen Hafen ist einzig in seiner Art in der Welt; die größten Schiffe können hier bis ans Ufer kommen. Messina ist nicht so groß wie Palermo und hat auch nicht solche gute Quellen, aber die Stadt ist sehr schön und hat eine starke Festung. Es sind hier an 400 jüdische Familien, die ruhig in einer eigenen Straße leben; sie find reicher als die in Palermo, und fast alle find Handwerker; doch gibt es auch einige Kaufleute unter ihnen. Sie besitzen eine Synagoge mit einer Vorhalle, die oben offen, aber an den vier Seiten geschloffen ist; in der Mitte der Synagoge ist ein Brunnen mit Quellwasser. Sie haben eine Verwaltung, bestehend aus Auserwählten, die jedes Jahr neu ernannt werden, und find in dieser, wie auch in anderen Einrichtungen den Juden in Palermo ähnlich. Ich habe bei einer Trauung, der ich daselbst angewohnt habe, folgendes gesehen: Man hat die Braut, nachdem man die sieben Segenssprüche verrichtet hatte, auf ein Pferd gesetzt; sie ritt durch die Stadt. Die ganze Gemeinde ging vor ihr her zu Fuß, der Bräutigam befand sich in der Mitte der Aeltesten, und vor der Braut, die allein nur zu Pferde war, trugen Jünglinge und Kinder brennende Fackeln und machten ein lautes Geschrei, so daß die ganze Stadt erschallte; man machte die Runde in den Straßen und in allen jüdischen Höfen; die christlichen Bewohner sahen es mit Vergnügen und niemand störte die Festlichkeit. Von Messina fuhr unser Reisender nach Rhodus, wo er zweiundzwanzig jüdische Familien traf. Sie waren alle arm/ und ernährten sich kümmerlich von Gemüsen; sie schlachteten nie, aus Furcht, mit den dort wohnenden Griechen Unannehmlichkeiten zu bekommen. In Kairo wurde der Rabbi von dem Fürsten der Juden feierlich empfangen.!Die Poesie des jüdischen Lebens. Ueber die Poesie des jüdischen Lebens schreibt ein nichtjüdischer Mitarbeiter im „Daheim": „Fünfzig Jahre etwa schweifen die Gedanken zurück. Es ist das Milieu einer kleinen, alten reindeutschen Stadt in der Provinz Posen. Die jüdische Gemeinde bestand aus ungefähr zweihundert Seelen. Es waren brave, fleißige Leute, die sich durch Handel und Gewerbe mühsam und ehrlich nährten. Selten nur störte ein Mißton das gute Einvernehmen zwischen christlichen und jüdischen Bewohnern. Unsere Nachbarn waren Juden, die Knaben gingen mit mir zur Schule, und ein reger Verkehr der Kinder von Haus zu Haus fand statt. Des Sonnabends bekam ich mein Teil vom „Challa"- Brote, und schon Wochen vor Ostern freute ich mich auf „Mazzot", das ungesäuerte Brot, das, mit Honig und Butter bestrichen, so prächtig schmeckte. Die eigenen Gebräuche beim Gottesdienste in der Synagoge und die strenge Regel der Sabbatfeier im Hause muteten den Knaben zwar anfangs fremdartig an, als aber der Blick gelernt hatte, mehr in die Tiefe zu gehen, machten die patriarchalische Innigkeit des Familienlebens und die tiefe, gottergebene Frömmigkeit einen nachhaltigen Eindruck auf das Gemüt des Jünglings. Welche , Menschenkenntnis sprach aus den guten Lehren, die mir gelegentlich einer der Alten erteilte, und wie erfahren waren sie in der Schrift. Mit Dankbarkeit gedenke ich noch des Rabbiners, der mir nach dem Talmud die Feinheiten des so schwierigen jüdischen Kalenders erklärte. Seitdem haben sich die Menschen geändert. Auch in den kleinen Städten gibt es schon viele moderne Juden, die der alten Ueberlieferung nicht mehr treu sind — leider, denn was der Mensch ist, soll er ganz sein — nach wie vor aber bilden das Gesetz und das Heim die beiden Pole, um die sich das ganze jüdische Leben dreht." Ein kleiner Zug von Lilieneron. Die massenhaften persönlichen Erinnerungen an den so plötzlich Hingeschiedenen „Poggfred"-Dichter enthalten eine Fülle menschlich liebenswürdiger Züge und charakterisieren den Heimgegangenen als eine vornehm-ritterliche Natur im besten Sinne des Wortes. Erwähnung verdient u. a. aus den Erinnerungen Dr. Viktor Goldschmidts, in dessen elterlichem Hause in Berlin Lilieneron gelegentlich zu Gaste war, das folgende kleine