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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr.35 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 593 Wenn der Schächter einer so kleinen Gemeinde in einer eigenen Gartenwohnung mit neun Zimmern, für die übrigens bloß eine Jahresmiete von 500—600 Rx. bezahlt wird, wohnen kann, so kann man sich denken, wie schön der Rosch-Hakohol, der Zahnarzt Mr. Franks, wohnt. >! Sonst ist über die hiesigen Juden nichts zu berichten. Aber bloß über die Lebenden nicht. Viel wichtiger sind jene längst zu Staub gewordenen Juden, deren Geist im Iahrbundcrte alten berühmten Friedhof ruht, zu dem die Forscher der jüdischen Literatur und Wissenschaft^ stets gerührt und pietätsvoll wallen werden, es ist die Bibliotheca Vodleiana. . . . Die Sonnenuhr am Jerusalemer Tempel. Der „Triumph des Idealismus" könnte die Geschichte betitelt werden, die in den Newyorker „Jüdischen Gazetten" von einem Chicagoer Schneider, namens Samuel L e w i n erzählt wird. Vor 22 Jahren lebte Lewin in Chicago als Besitzer eines gutrenommierten Schneiderateliers. Er genoß in der Stadt e,inen guten Namen denn er war reich und wohltätig, lleberdies pflegte er das Talmudstudium mit großem Eifer. Die einzige Sehnsucht, die er kannte, war, in der Hauptstadt des Landes unserer Väter, in Jerusalem, seinem Gotte zu dienen und seinen armen Brüdern, die ins Heilige Land kamen, um dort zu sterben, ein Helfer in der Not zu sein. Trotzdem es ihm in Chicago sehr gut ging, verkaufte er eines Tages sein Geschäft und zog nach Palästina. Dort half er seinen einwandernden Brüdern, entwarf verschiedene Pläne, wie den Juden am besten geholfen werden könnte, mußte aber bald einsehen, daß er etwas Uebermenschliches begonnen: sein Vermögen ging zur Neige und er wurde wegen seiner hochfliegenden Projekte^ noch verlacht ‘ und verspottet. Er mußte wieder schwer arbeiten, um sich die Reisekosten zur Rückfahrt nach Chicago zu verschaffen. In Chicago ging es ihm wieder gut und nach einigen Jahren hatte er wieder ein ansehnliches Vermögen beisammen, obgleich er nach wie vor der Armen nicht vergaß. Eines Tages verschwand Samuel Lewin abermals aus Chicago und zog nach Jerusalem, um dort genau nach den Gesetzen des Schulchan Aruch zu leben. Und er wollte, ehe er für immer die Augen schloß, in Jerusalem einen Tempel erbauen, einen Tempel mit einer Sonnenuhr, die genau und verläßlich künden sollte, wann es Zeit sei, die vorgeschriebenen Gebete des Tages zu verrichten. Und während er sich mit seinen idealen Plänen trug, gab er wieder sein ganzes Vermögen an die Armen und Bedürftigen, ließ eine jüdische Handwerkersckule errichten und unterstützte die armen Schüler, damit sie die Kirche besuchen könnten. Die Schule erlangte bald einen guten Ruf und wurde auch von anderen gefördert. Und dabei sann er ununterbrochen über die Verwirklichung seines eigentlichen Ideals: die Errichtung des „Dritten Tempels" mit der Sonnenuhr. nach. Samuel Lewin eröffnete in Jerusalem eine Schneiderwerkstatt in amerikanischem Stile und was das Geschäft abwarf, wendete er der Ausführung seines Planes zu. Am Tage arbeitete er und in der Nacht studierte er die Sonnenzeit. Sieben Jahre lang studierte er aus Büchern und in der freien Natur und sein Werk gelang: er schuf eine Sonnenuhr, die von allen angestaunt und weit und breit als der verläßlichste Zeitbestimmer gilt, nach dem sich jeder sein Leben einrichtet. ' Und auch den Tempel hätte er erbaut. In der Gasse Machane Jehudah Nr. 3 erhebt sich ein dreistöckiges Haus, eine Zierde der Stadt. Auf dem Dache ein herrlicher Garten, im obersten Stockwerke die Synagoge, darunter ein Asyl für arme zugereiste Juden. Auch verschiedene moderne Bäder befinden sich im Hause und was noch fehlt, ist, daß die herrliche Kirche und der große Speisesaal gleichfalls ihrem Berufe übergeben werden könnten. Und Samuel Lew in ist durch schwere Arbeit und Entbehrungen frühzeitig zum Greis geworden, betrachtet mit Tränen in den Augen das Werk, das buchstäblich seine Hände geschaffen, und will nicht ruhen, bis auch sein letzter Wunsch in Erfüllung gegangen sein wird. Ein für die Inden verhängnisvoller Druckfehler. Aus Petersburg wird der „Rufs. Korr." geschrieben: „Ein kleiner Druckfehler im „Regierungsboten" war in Charkow für die Juden mit unheilvollen Folgen verbunden. Zwei Jahre lang mußten die Betroffenen schwer darunter leiden, bis es endlich der Privatinitiative gelungen war. den Fehler zu entdecken. Seit Dezember 1907 hatte nämlich die Charkower Polizeiverwaltung aufgehört, den dortiqen Juden langfristige Paffe auszustellen. Da aber ein russischer Untertan bekanntlich aus „einem Körper, einer Seele und einem Paß" besieht, so ist für ihn die Existenz obne den letzten und vielleicht wichtigsten Bestandteil eine Unmöglichkeit; dies gilt in erhöhtem Maße für den jüdischen Bürger, der auch im Besitze eines rechtsgültigen Paffes von den Behörden nur als notwendiges Uebel schwer geduldet wird. Weil nun die Charkower Verfügung eine völlig ungesetzliche Schikane war, drangen die Betroffenen immer energischer in die Gouvernementsverwaltunq, ihnen das Gesetz vorzuweisen, das diese rigorose Behandlung der Juden gestatte. Da rückte die Administration mit der Quelle heraus. Sie berief sich aus einen Ukas des Senates, der, in der Nummer 8342 des „Regierungsboten" vom 23. August 1907 veröffentlicht. zwar lautete: „Das Paßgesetz verbietet die Ausstellung von langfristigen Paffen an Juden", aber nach dem ganzen Sinne der Senatsentscheidung gerade das Gegenteil bezweckte. Erst nach langem Forschen und Suchen gelang es festzustellen, daß in den: obigen Satz das Wörtchen „nicht" fehlte, es sollte also: „verbietet nicht" heißen und ließ auch keinen Zweifel zu. Die Charkower Administration hatte aber diesen einem jeden sofort in die Augen wringenden Druckfehler für ihre Judenhaßtendenzen ausgenüht. Ja. nachdem dieser Vorfall in der Presse bekannt geworden ist, haben auch die Verwaltungen vieler anderer Orte das Beispiel Charkows nachzuahmen begonnen, und diese Taktik wird nunmehr auch von oben gegen die Juden als „Fremde" sanktioniert. Den japanischen Staatsmann Grafen Okuma, der wiederholt einflußreiche Ministerposten in seinem Vaterlande bekleidete und zweimal leitender Staatsmann gewesen ist, hatte, wie erinnerlich, die „Nowoje Wrernja" in einem (wie nachträglich festgestellt wurde, gefälschten) Interview der New-Iorker Korrespondentin des Blattes, als überzeugten Antisemiten für ihre Parteizwecke in Anspruch genommen. Die deutsche antisemitische Presse — die „Staatsbürger-Zeitung" voran — hatte diesen Schwindel natürlich mit Wonne übernommen. Allerdings ist dieser Tendenzlüge alsbald durch eine geharnischte Erklärung des New-Aorker japanischen Botschaftssekretärs der Garaus gemacht Worden. Jetzt veröffentlicht die „Franks. Ztg." ein Interview ihres Tokioter Korrespondenten mit dem Grafen Okuma, das den japanischen Staatsmann, wie von vornherein angenommen werden mußte, als einen ausgesprochenen Gegner aller nationalistischer Bestrebungen erkennen läßt. Der Korrespondent des Blattes wies auf das Erstarken der Nationalwirtschaften hin und auf die Tatsache, daß auch Japan unter dem Schlagwort des Schutzes der nationalen Wirtschaft bei der Tarifrevifion dazu neige, sich mit Zollmauern zu umgeben. Kosmopolitismus könne man doch schwer da entdecken. Graf Okuma erwiderte hierauf: „Ganz recht, aus den wirtschaftlichen Konkurrenzen entstehen die Schwierigkeiten. Das ist hier so wie in anderen Staaten. Aber der Nationalismus kann am Kosmopolitismus nicht mehr vorübergehen. Vielleicht ist heute der Kosmopolitismus nur ein Ideal, aber er muß sich durchsetzen und wird kommen. Wie lange soll z. B. der bewaffnete Friede in Europa noch dauern? Alles hat ein Maximum. Wenn der bewaffnete Friede zu diesem Moximum kommt, dann muß auch ein anderes System ihm folgen. Sie haben das beste Beispiel an DeMschlaud. Steuer- und Finanzreform find Folgen eines — vielleicht durch den ebenso übertriebenen Eifer der anderen Staaten hervorgerufenen —

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