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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 592 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 35 das wohl. Der Vertreter Rußlands hat vor einiger Zeit unsere Kolonien in Argentinien besucht. Die Schönheit der Kulturen, der Wohlstand der Kolonisten setzten ihn in Erstaunen. Er brauchte nicht so weit zu reisen, um sich zu unterrichten. Die Fortschritte der Kolonien in Rußland zeigen zur Genüge, was die Juden leisten würden, wenn sie die Freiheit hätten, im ganzen Lande sich niederzulassen. Diese Freiheit war ihnen durch die Oktober-Verfassung, welche allen Russen Religionsfreiheit zusicherte, versprochen worden. Dieses Versprechen besteht. Um es zu erfüllen, würde es genügen, sich daran zu erinnern oder auch nur eine Empfindung für das Interesse des Landes zu haben. In der Erwartung, daß diese Empfindung in den Seelen der Gewalthaber, die heute noch die Juden verfolgen, erwachen wird, setzen wir unsere Arbeit geduldig fort; hier und anderwärts, unterstützt durch hingebungsvolle Mitarbeiter, setzen wir sie fort in der Gewißheit, daß keine unserer Bemühungen fruchtlos bleiben wird. vom Aabrmarkt des Lebens. Juden in Orford. In einem Orford er Briefe an den „Egyenlöseg", macht Dr. Josef Pattai interessante Mitteilungen über die Juden in Orford, denen wir folgendes entnehmen: In dieser großen, herrlichen Stadt, die in der Literatur der Juden eine so wichtige Rolle spielt, wohnen im ganzen fünf, sage fünf jüdische Familien. Da Handel und Industrie in dieser Studentenstadt sich nur insoweit entwickelt haben, als sie zur Deckung der Bedürfnisse der Studenten erforderlich sind, unter den Studenten jedoch, von denen die ganze Stadt lebt, sich nur wenige jüdische befinden, fühlten sich die Juden im allgemeinen nur wenig hierhergezogen. Von Orforder 'Abstammung ist hier bloß eine reiche jüdische Lady, die als Privatiere hier ihr Leben fristet. Es ist dies ein reiches älteres Fräulein, die ausschließlich dem Sport und ihrem Schoßhündchen lebt, dem sie, wenn sie eis überleben sollte, einen Grabstein stellen wird in ihrem Garten oder im Londoner Hyde-Park, woselbst bekanntlich sich ein großer, mit mächtigen Grabmälern geschmückter Hundefriedhof befindet. Die übrigen vier jüdischen Familienhäupter sind aus Rußland eingewandert. Zwei sind Zahnärzte, einer jst Uhrmacher und der vierte ist der Schächter, die wertvollste Persönlichkeit der Gemeinde, Dr. Segall. Das ist kein Druckfehler, obgleich es ein wenig seltsam klingt. Eben deshalb ist seine Geschichte interessant. . In Rußland erzogen, verbrachte er seine jungen Jahre in den dortigen Jeschiwaus, bis er, von den Verhältnissen zur Auswanderung gezwungen, hie ganze Welt durchwanderte, überall sein Glück versuchte, bis er schließlich nach London kam, wo er im Frumkinschen Palästinawein-Geschäfte als Kommis Anstellung fand. Dieser Frumkin, von dem mehrere Werke erschienen sind, war Rabbiner in Rußland und verließ seine glänzende Stelle, um mit einer von ihm organisierten Kolonistengruppe nach dem Heiligen Lande auszuwandern, in der Absicht, dort als einfacher Bauer zu leben. Er und seine Gruppe gründeten seinerzeit die Kolonie Petach Tikwah. (Der Redakteur des „Egyenlöseg" macht hierzu die folgende interessante Bemerkung: „Frumkin und seine Gruppe haben wohl die Kolonie Petach Tikwah gegründet, sie aber auch bald wieder verlassen, während zwei ungarische Juden, Stampfer aus Ofen und Gutmann aus Steinamanger, die Sache wieder in die Hand genommen haben. Als Begründer dieser heute blühenden Kolonie sind demnach die beiden Letztgenannten anzusehen".) Ein Unglücksfall (er ließ e'knen Brunnen graben, wobei die Erde einstürzte und Zwei Arbeiter unter sich begrub), der nach türkischem Gesetze mit mehrjährigem Kerker bestraft worden wäre, zwang ihn zur Flucht, und so ließ er sich in London nieder, von wo er erst jetzt, nachdem die Angelegenheit verjährt ist, es wagte, in irgend eine andere palästinensische Kolonie zurückzukehren. Der damals zwanzigjährige Segall heiratete eine Tochter dieses Frumkins, und war nun, da er eine Familie gründete, gezwungen/ sich nach einem selbständigen Erwerb umzuschauen. So kam er nach Orford, das in den Sprengel der Londoner jüdischen Gemeinde gehört und mit Hilfe einer Subvention von derselben die Synagoge erhält. Die Tore dieser Synagoge werden allerdings bloß an den zwei hohen jüdischen Festen geöffnet und dann noch ein drittesmal, zur Zeit, da die jüdischen Studenten in Orford sind und Chief Rabbi Dr. Adler hierherkommt, die obligate Predigt hält. Segall erhielt, hier den Schächterposten.. Als Segall nach Orford kam, litzß er sich in die dortige berühmte Universität einschreiben und wurde bald so berühmt, daß man in ihm nicht mehr den Schächter, sondern den Gelehrten sah. Hintereinander gewann er die großen Preise der Universität, so erst jüngst einen Preis von 3000 Kronen für sein Werk über das Verhältnis der Septuaginta zu den übrigen griechischen und lateinischen Bibelübersetzungen, während er vor zwei Jahren mit einer Arbeit über die Sprache der Mischna und zur Sprache der Bibel einen gleich hohen Preis und gleichzeitig den Doktorgrad errang. Ueber diese in englischer Sprache verfaßte grammatikalische Studie, in welcher der Autor den Nachweis liefert, daß die Sprache der Mischna. nicht wie Geiger behauptet, aus dem aramäischen, sondern unmittelbar aus einer vulgären hebräischen Sprache sich entwickelt .hahe»,, welche die Spräche des Volkes war, und deren Spuren noch in manchen Bibelstellen erkennbar sind, haben sich Kapazitäten wie Professor Bacher äußerst lobend ausgesprochen. Dr. Segall ist heute kaum älter als 30 Jahre und Vater von vier kleinen Kindern. Diese Kinder sprechen, gleich ihrer Mutter, ein fließendes Hebräisch und man kann sich denken, welche Wirkung es auf einen Juden übt, wenn ihn kleine Kinder in hebräischer Sprache begrüßen und in der Sprache der Propheten fragen:, Me'erez rechokah ba'ata? (Kommst du auf fernem Lande?) ... Wie gesagt, Dr. Segall ist die Seele der kleinen Orforder Gemeinde und der führende Meister der Hiesigen jüdischen Studenten. Segall organisierte die jüdischen Studenten zu einem Verein, in welchem man sich mit jüdischer Wissenschaft beschäftigt und die hebräische Sprache gepflegt wird. Wie es kommt, daß es unter den vielen Tausenden von Studenten an der Orforder Universität nicht mehr als dreißig jüdische Hochschüler gibt, wäre schwer zu erklären. Die englisch-jüdische Jugend drängt sich im allgemeinen nicht zu den akademischen Berufen, weil hie Industrie und der Handel eine bessere Existenz sichern und in allgemeiner Achtung stehen. Ueberdies ist das Studentenleben in Orford sehr teuer, da jeder Hörer in einem College wohnen muß und die Verpflegskosten in diesen Colleges nach dem Budget eines reichen Mannes bemessen sind. Hat doch jeder Student außer dem gemeinsamen Speise- und Konversationssaale zwei Zimmer und jede 2—3 Studenten sogar einen eigenen Diener. Das separate Wohnen wird nur in den seltensten Fällen gestattet, wie z. B. Dr. Segall, der in seinem eigenen' Fämilienheim, bestehend aus neun schönen Zimmern und/ einem abgesonderten Garten,'wohnt.

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