Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 34 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 586 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 34 Segelflieger, der dem Albatros ähnelnd hundert Meter hoch segelte, am Ende aber dem Erfinder einen Beinbruch einbrachte. Der Franzose d'Esterno projektierte 1864 einen Segelflieger, der aber nicht zur Ausführung gelangte. Dem Franzosen M o u i l l a r d gelang es tn den Siebzigerjahren mit einem adlerflügelartigen Seeflieger Versuche auszuführen, auf Grund deren er die Behauptung aufstellte, daß „beim Segelflug der Aufstieg lediglich durch die geschickte Ausnützung der Kraft des Windes erfolgt und die Steuerung in jeder Richtung das Ergebnis von geschickten Manövern ist, so daß bei mäßigem Winde ein Mann mit einem Aeroplan ohne jede motorische Kraft sich in die Luft erheben und in ihr bewegen kann nach Belieben, selbst gegen den Wind". Wir haben hiermit alles erschöpft, was vor Lilienthal auf dem Gebiete des Gleitfluges zu verzeichnen ist. Es waren vereinzelte Experimente, die keine Fortentwicklung der Flugtechnik ermöglichten. Lilienthal war der erste Experimentator, der die Ergebnisse seiner Arbeiten in mitteilbare Form brachte und seine Erfahrungen auch den Nachfolgern übermittelte. Ihm allein ist es bisher gelungen, eine Schule zu begründen, wohl nicht in seinem deutschen Vaterlande, aber in anderen Ländern. Lilienthals Schüler sind: in England Pi Ich er, in Frankreich Ferber, in Oesterreich Dr. N i m f ü h r (aus dessen vortrefflichem Fachwerke wir die Daten zu diesem Artikel entnehmend, in Amerika Chanute, Herring und die Brüder Wright. Während die Vorgänger Lilienthals ziel- und planlos herumprobierten, arbeitete dieser Forscher von Anbeginn in echt wissenschaftlichem Geiste und mit konsequenter Methode an der Weiterentwicklung des persönlichen Kunstfluges. Jahrzehntelang beschäftigte er sich mit genauen Messungen über den Luftwiderstand gegen ebene und verschieden gewölbte Flächen. Die Resultate dieser Messungen veröffentlicht er in einem Buche: „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst", das am Schlüsse dreißig, zumeist noch heute gültige Sätze über die Konstruktion von Apparaten für den persönlichen Kunftflug und die Aufstellung von praktischen Versuchen enthalt. An die Ausführung von eigentlichen Gleitversuchen ging Lilienthal im Jahre 1690. Von da an konstruierte er eine Reihe von Gleitmaschinen verschiedener Größe und stellte mit denselben fleißige Versuche an, deren Ergebnisse er in der Berliner Wochenschrift „Prometheus" und der „Zeitschrift für Luftschiffahrt" veröffentlichte. Die erste Gleitmaschine hatte bloß eine Tragfläche in der Form ausgespannter Fledermausflügel. Diese Tragfläche war zusammenlegbar und daher leicht aufbewahr- und transportierbar, das Gerüst aus Weidenruten, der Ueberzug aus Schirting. Die Gesamtfläche betrug vierzehn Quadratmeter, das Gewicht zwanzig Kilogramm. Mit diesem Apparat experimentierte Lilienthal 1893er ging anfänglich bei seinen Gleitversuchen sehr vorsichtig zu Werke. In seinem Garten errichtete er auf einem größeren Rasenplatz eine Art von Sprungbrett, eine Erhöhung von bloß einem Meter. Von hier aus begann er, mit dem Gleitapparat abzuspringen. Kurz wie diese Luftsprünge waren, übte er sie doch hundertfältig. Nur nach und nach wurde die Absprungserhöhung auf zweieinhalb Meter gesteigert und dadurch Lilienthal in den Stand gesetzt, sicher und gefahrlos über den ganzen Rasenplatz dahinzuschweben. Als er dann in der Handhabung des Gleitapparates genügende Fertigkeit erworben zu haben glaubte, versuchte er Abflüge aus beträchtlicheren Höhen. Auf der Maihöhe bei Stieglitz *) Leitfaden der Luftschiffahrt und Flugtechnik von Dr. Raimund Nimführ. Wie» und Leipzig 1909. lies; er einen turmartigen Schuppen errichten mit einem flachen Dache, von wo aus die Gleitflüge unternommen werden konnten. Der Abflug erfolgte in der Richtung gegen den Wind. Die Arme legte Lilienthal zwischen zwei am Gestell befindliche Polster, die Hände ergriffen eine Querstange, der übrige Körper blieb frei beweglich. Die Störungen des Gleichgewichtes wurden durch Ausstreckung der Beine nach rechts und links oder nach vorn und rückwärts pariert. Im Jahre 1894 war schon ein fünfzehn Meter hoher Hügel bei Eroß-Lichterfelde, nächst Berlin, aufgeschüttet, von dessen Spitze Lilienthal bei seinen Gleitflügen absprang. Ein Jahr später versuchte er den Kunstslug mit zwei übereinander gestellten Tragflächen von je ö1/* Meter Spannweite und 9 Quadratmeter Inhalt. Auf diese Art erzielte er Gleitflüge von großer Höhe. Das Landen geschah noch immer durch Verlangsamung der Geschwindigkeit. Durch Zurücklegen des Körpers wurde der Apparat hinten mehr belastet und vorn aufgerichtet, worauf die Beine wie beim Sprunge nach vorne gestreckt werden mußten. Auch bei Winden über zehn Meter Geschwindigkeit gelang es, mit dem neuen Apparat Gleitflüge auszuführen. Die achtzehn Quadratmeter große Segelfläche trug den ersten erfolgreich fliegenden Mann schon bei 6—7 Meter Windgeschwindigkeit ohne Anlauf von der Spitze des Hügels fast horizontal gegen den Wind. Wenn die Windstärke noch mehr anwuchs, hob die Luft den fliegenden Mann von der Bergspitze förmlich ab und Lilienthal segelte dann langsam dem Wind entgegen, wobei er Stellungen erreichte, die höher lagen als sein Abflugsort. Die Fluglinie war daher wellenförmig und an je einem Gipfelpunkte kam der Apparat auch längere Zeit zum Stillstände. „Es wird schwer sein", schrieb Lilienthal im „Prometheus", „demjenigen, welcher derartige Gleitflüge nie versucht hat, eine richtige Vorstellung von den Reizen dieser schwungvollen Bewegung zu verschaffen. Die Tiefe, über welche man dahinschwebt, verliert ihre Schrecken, wenn man aus Erfahrung weiß, wie sicher man auf die Tragfähigkeit, der Luft sich verlassen kann. Die ganz allmähliche Steigerung dieser luftigen Sprünge führt zu einer Gewöhnung an den Blick aus der Höhe und die unten liegende Landschaft. Das unbehagliche Gefühl, welches den Kletterer beschleicht, der auf schmalem Gletschergrat seinen Fuß in schlüpfrige Eisstufen setzt oder hoch über dem gähnenden Abgrund sich auf das tragende Geröll verlassen muß, wird häufig den Genuß der prächtigen Aussicht schmälern; denn man weiß sich von Zufällen umlauert, deren jeder das Entsetzliche herbeiführen kann. Diese das Gefühl des Schwindels erzeugende Beklemmung hat nichts gemein mit den Empfindungen des auf die Luft allein sich stützenden Fliegers. Hier zeigt sich die Luft selbst als tragendes Prinzip, indem sie uns nicht nur vom Abgrund trennt, sondern uns auch über demselben schwebend erhält. Wenn man, auf breiten Fittichen ruhend, von nichts als von der Luft berührt, durch nichts als durch den Wind dahingleitet, der, auch dem leisesten Druck gehorchend, unserem Willen sich fügt,, so läßt das Gefühl der Sicherheit die Gefahr sehr bald vergessen. Aber eine solche schwungvolle Bewegung belohnt auch die zur Erlangung der Fertigkeit aufgewendete Mühe, wie es denn überhaupt ein unbeschreibliches Vergnügen ist, hoch in den Lüften, über den sonnigen Bergabhängen sich zu wiegen, ohne Stoß, ohne Geräusch, nur von einer leisen Aeolsharfenmusik begleitet, welche der Luftzug den Spanndrähten des Apparats entlockt." Diese prächtigen Zeilen charakterisieren nicht nur den Flug des Menschen, einen neuen, wahrhaft göttlichen Sport, sondern auch Lilienthal selbfl als forschen-