Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-20 · 34 (20.8.1909) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021853--18561-3043496
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 34 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 581 verfrüht sei. Um sich über die wahre Situation Gewißheit zu verschaffen, begab sich eine Deputation jüdischer Schanker, der sich auch der Sekretär der Lemberger Handelskammer angeschloffen hatte, zum Statthalter, um Aufklärung zu verlangen. Der Statthaltereipräfident Graf Losch erwiderte dem Sprecher der Deputation, daß vorläufig noch kein Grund zu Befürchtungen vorliege, da in Angelegenheit der Verteilung der Konzessionen anfangs September eine Enquete stattfinden werde, zu welcher auch die Vertreter der Handelskammer und des Landesverbandes der Branntweinschänker zugezogen werden sollen. Die Schänker geben sich jedoch mit dieser Erklärung nicht zufrieden und beschlossen, am Tage der Eröffnung des galizischen Landtages in Lemberg einen Landeskongreß der galizischen Schänker abzuhalten. Russisches aus Oesterreich. Von den Roheitsakt eines Salzburger Wachmannes berichtet Franz Pattermann, Obmann der österreichischen Tabakarbeiterorganisation, der sozialdemokratischen „Salzburger Wacht": „Als ich heute Mittwoch früh in Salzburg angekommen war, war ich Zeuge folgenden Vorfalles: In der Bahnhofrestauration dritter Klasse unterhielt sich ein Mann in Touristenkleidung, anscheinend ein Jude, mit vier Arbeitern. Ein anwesender Feldwebel sowie ein Zivilist begannen den Juden zu hänseln und „Saujud" zu schimpfen. Der Jude verbat sich energisch die Beschimpfung, was zur Folge hatte, daß ein ernsterer Wortwechsel entstand. Der Kellner, der ebenfalls den Juden beschimpfte, holte die Polizei. Es erschien der Wachmann Reitmayer, der den Juden arretierte und auf die Wachstube führte. Dort sollte der Verhaftete sein Nationale abgeben, was er jedoch verweigerte. Die Folge der Weigerung war, daß die Wachmänner den Verhafteten in Ketten legten und gefesselt wie einen Raubmörder von der Wachstube in das Rathaus transportierten. Während des Transportes bat und flehte der Gefesselte, man möge ihm doch die Fesseln abnehmen. Aber alles half nichts, der Wachmann fuhr in seiner Barbarenart -weiter. Ein Arbeiter kam dem Wachmann nachgelaufen und übergab ihm den zurückgebliebenen Stock des Touristen. Infolge der Schmerzen, die der Gefesselte ausstehen mußte, riß er hin und her. Dies veranlaßte den Wachmann, den Häftling mit dem Stock über den Kopf zu schlagen, so daß der Stock zerbrach. Ein Teil des zerbrochenen Stockes befindet sich in der Redaktion und wird als Trophäe dem Museum zur Hebung des Fremdenverkehrs angeboten werden ..." Der Erfinder des Esperanto. Zu dem im September d. I. in Barcelona stattfindenden Esperantokongreß, dessen Ehrenpräsidium König Alfons von Spanien übernahm, ist auch, wie zu erwarten war, der Erfinder der Esperantosprache, unser. Glaubensgenosse Dr. Ludwig Zamenhof, Warschau, eingeladen. Dr. Zamenhof hat sein Erscheinen zugesagt, und ihn erwarten jetzt in Barcelona Ovationen, die diejenigen weit übertreffen, die den russischen Staatsmännern eben jetzt in England zuteil wurden. Die Stadtmiliz wird ihn in Parade mit Musik empfangen, ebenso der Stadtrat, verschiedene Deputierte usw. Die Handelskammer hat ihre altertümliche Börsenhalle hergegeben, darin ein Blumenfest arrangiert werden soll. Man rechnet auf großen Besuch, da Barcelona selbst 52 Vereine mit über 2000 Mitgliedern zählt, die sich beteiligen werden. — Diese Ovation, die zu Ehren eines Juden in Spanien veranstaltet wird, erweckt in uns sonderbare Gefühle. Mehr als 400 Jahre nach dem grausigsten Verbrechen der Geschichte wird Spanien einem polnischen Juden einen großen Triumphzug bereiten, einem Sohn jenes Volkes, das einst grausam aus Spaniens Mauern vertrieben worden ist. Heldentat eines jüdischen Lokomotivführers. Vorige Woche hat die Geistesgegenwart des jüdischen Lokomotivführers Ignatz Ligeti die Passagiere eines von ihm geführten, dichtbesetzten Personenzuges vor einer schweren Katastrophe bewahrt. Bahnfrevler haben das Geländer einer Eisenbahnbrücke losgeriffen und quer über das Geleise gelegt. Es war bereits finstere Nacht und der Lokomotivführer konnte das Hindernis nicht rechtzeitig wahrnehmen. Erst ein Krachen machte ihn auf die Gefahr aufmerksam. Die ersten Räder der Lokomotive waren bereits entgleist. Der wackere Lokomotivführer verlor jedoch seine Geistesgegenwart nicht, und obgleich die Maschine bereits einige Schritte auf dem bloßen Felde lief, bremste er mit solcher Gewalt, daß der Zug zum Stehen gebracht wurde. Es ist bemerkenswert, daß keines der Blätter erwähnt, daß der tapfere Lokomotivführer Ignatz Ligeti Jude ist. Briand's Mitarbeiter. Aus Paris wird uns geschrieben: Der neue französische Ministerpräsident Briand hat gleich nach seiner Ernennung einen seiner ältesten und verläßlichsten Mitarbeiter Grünebaum- Ballin zum Bureau-Direktor des Ministeriums des Innern ernannt. M. Grünebaum-Ballin war im vorigen Ministerium Oberbeamter im Staatsrat und ein Vertrauter Briands, ver die großen Fähigkeiten Grünebaums hoch einschätzte. Sein jetziges R-ssort bilden hauptsächlich jene Religionsangelegenheiten, über welche das Ministerium des Innern zu entscheiden hat. Auch andere jüdische Mitarbeiter Briands aus älterer Zeit wurden jetzt zu höheren Stellungen berufen. So wurde M. Sazias zum Spezialsekretär des Konseilpräfidenten, Maurice Leven, Advokat, ein Sohn des Präsidenten der „Alliance Jsraelite Universelle", zum Sous-Chef des Kabinets des Ministers für öffentliche Arbeiten, Bernard Larroque zum Sous-Chef des Justizministeriums und Levy Ullmann, Professor an der Rechtssakultät zu Lille, zum zweiten Sekretär des Finanzministeriums ernannt. Sir Henry Aaron Jsaacs. In London starb vorige Woche der gewesene Lordmayor von London im Alter von 70 Jahren. Der Verstorbene, der ein gebürtiger Londoner war, widmete sich frühzeitig den städtischen Angelegenheiten und wurde 1889 einstimmig zum Lordmayor von London gewählt. Er war der drirte Jude, der diesen hohen Posten innehatte. Der erste war Sir David Salomons im Jahre 1855, dann Sir Benjamin Philipps, der 1866 zum Lordmayor von London gewählt wurde. Sir Jsaacs hatte gleich nach seiner Wahl eine Verlegenheit zu überstehen: Der sogenannte Mayors-Tag, an welchem der neugewählte Lordmayor unter großer Parade mit Umzug hätte in sein Amt eingeführt werden sollen, fiel auf einen Samstag und er bat nun, die Zeremonie auf den nächsten Montag zu verschieben. Dies hätte jedoch gegen jahrhundertalte Traditionen verstoßen und war nicht durchzusetzen. Er mußte fich daher, wenn auch schweren Herzens, denn er war ein frommer Jude, dazu bequemen, am Samstag im Festzuge zu reiten. Beim Bankett hielt Marquis Salisbury eine berühmt gewordene Rede über den religiösen Frieden. Während seiner Amtstätigkeit war er der Held eines Sensationsprozeffes, in dem seine Gegner ihm eine Veruntreuung aufdisputierten, die fich jedoch in einer streng durchgeführten Untersuchung als Verleumdung herausstellte. Sir Henry Aaron Jsaacs nahm am öffentlichen Leben der Juden Englands hervorragenden Anteil. Denkwürdig find besonders zwei Taten von ihm. Die eine war das von ihm im Jahre 1872 im Manfion House einberufene Protestmeeting gegen die Judenverfolgungen in Rumänien. Die zweite war die Vereitlung des Auftretens des verstorbenen antisemitischen Hofpredigers Stöcker, der in London gleichfalls im Manfion House eine antisemitische Agitationsversammlung abhalten wollte. Auf Betreiben Jsaacs wurde die Versammlung verboten und Stöcker durfte in London nicht sprechen. Jüdische Auswanderung im Monate Juni. Im Monate Juni dieses Jahres find in New-Aork 6802 jüdische Einwanderer gelandet, und zwar 3681 Männer und 3121 Frauen. Unter ihnen befanden fich 1562 Kinder unter 14 Jahren. Von den Angekommenen blieben 4863 in New- Iork, während der Rest fich auf 34 verschiedene amerikanische Staaten verteilten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.