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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-20 · 34 (20.8.1909) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 578 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 34 Seme Fähigkeiten in diesem Amte zogen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und die Zeitungen erzählten immer wi^er, daß der eigentliche Minister des Innern Herbert Samuel sei. Er brachte eine Reche von Gesetzesvorschlägen durch, die einen liberalen Charakter tragen und Güte und Gerechtigkeit für das Volk atmen. Plötzlich erfuhr man vor 11/2 Jahren, daß Herbert Samuel den Titel „Privy Councellor" Geheimer Rat erhalten habe. Ein Geheimer Rat nimmt Anteil an der Regierung und steht dem Throne nahe, oft schreibt er die Thronrede für den König. Wenn ein Politiker in England einen solchen Titel erhalten will, so muß er nicht nur große Befähigung aufweisen, sondern auch von altem Adel sein. Jetzt kommt aber^die Hauptüberraschung, wie er Kabinettsminister wurde. Vorher hatte er den Titel „Chauncelor of Lancaster" erhalten, ein Titel, der ihn zur Erlangung seiner Stelle erst berechtigte. Aber der Sprung ist ein ungeheurer und ein ungewöhnlicher. Wir wollen dies erklären: In England pflegt man nicht ohne weiteres Minister zu werden. Vor allem wird man Aflistent, dann wird man einfacher Minister, aber dieser einfache Minister hat noch kein Recht, Mitglied des Kabinetts zu sein. Viele ältere Staatsmänner in England bleiben jahrelang einfache Minister und werden erst dann der Ehre teilhaftig, in das Kabinett ausgenommen zu werden. Herbert Samuel aber ist gleich Kabinettsminister geworden, und zwar einzig und allein deshalb, weil man seinen Scharfsinn und sein Genie im Kabinett nötig hat. Man hält ihn für den zukünftigen Premier der liberalen Partei, und wenn er es dazu bringt, so wird Rußland keinen Vorteil davon haben, denn er haßt Rußland im tiefften Grunde seines Herzens. Der vorexilische jüdische Landwirtschaftskalender aus Gezer. Das letzte Quaterley-Statement des Palestine-Exploiation- Fund bringt den Schluß von Macalisters Bericht über die Ausgrabungen in Gezer, die nunmehr nach Erlöschen des Fermans und dem Aufbrauchen der verfügbaren Gelder aufgegeben werden sollen, obwohl für eine spätere Aktion noch Arbeit genug vorliegt. Die diesjährige Campagne hat keine besonderen Resultate mehr erzielt. Dagegen enthält das Heft mehrere Aufsätze von Sebastian Roncevalle S. I.. von Doktor Samuel Daiches und Prof. Dalman, über den früher gemachten merkwürdigen Fund einer Kalksteintafel, die einen alten Kalender oder eine Monatsliste in hebräischer Sprache trägt und die Monate nicht in ihrer offiziellen Sprache bezeichnet, sondern nach der Agrikulturarbeit, die in diesem Monat vorgenommen zu werden pflegt, oder vorgenommen werden soll. Außerdem liegt ein weiterer größerer Auffatz des bekannten Kanaanforschers Pere Vincent in der „Revue biblique internationale" vom April darüber vor; Einigkeit unter den Gelehrten — auch Lidzbarski (Greifswald), Referend Gray und Dr. Pilcher haben im Jänner-Statement des Palestine-Exploration-Fund darüber geschrieben — ist noch keineswegs vorhanden; aber allgemeine Gesichtspunkte lassen sich aus den verschiedenen Arbeiten über dieses hochintereffante Fundstück doch schon feststellen, trotz vieler Differenzen im einzelnen. Es handelt sich um ein Palimpsest; d. h. die Vorderseite d.-r Tafel war früher schon einmal beschrieben gewesen; es find nicht 12 Monate aufgezählt, sondern nur 8 Agrikulturmonate: entweder handelte es sich also um größere Perioden als einen Monat oder solche Monate, in die keine landwirtschaftliche Arbeit fällt, find einfach weggelaffen. Auf der Tafel heißt es: 1. ein Monat der Fruchtauffpeicherung (Oktober, Tischri); 2. ein Monat des Säens (November oder Dezember); 3. ein Monat der Heuernte oder der Spätsaat (Februar); 4. ein Monat der Flachsernte (eigentlich des Flachsausraufens, März); 5. ein Monat der Gerstenernte (April); 6. ein Monat des Dreschens und Getreidemessens (Mai); 7. ein Monat des Weinstockbeschneidens (Juni); 8. Ein Monat der Unterbrechung, nach andern ein Monat der Feigenernte. Ueber die Einzelheiten hat man fast bei jedem Wort in Kleinigkeiten verschiedene Ansichten; merkwürdig ist, daß sich Flachs — dieses Wort steht fest — heutzutage nirgends mehr in der Umgebung von Gezer gebaut findet; ebenso ist es auffällig, daß die häufigsten Nutzfrüchte diesen Gegenden in jetziger Zeit, nämlich Dhirrha und Sesam, in dem alten Kalender fehlen. Die Liste ist fast mit Sicherheit spätestens in das VI. Jahrhundert vor Christi zu setzen, so daß sie als eine der ältesten Beispiele hebräischer Schrift und überhaupt als eine der ältesten semitischen Inschriften anzusehen ist. Vincent setzt sie aus grammatikalischen Gründen, da die Sprache unter dem Einflüsse des Syrischen steht, in die Zeit kurz vor dem Exil; andere z. B. Lidzbarski denken an mehrere Jahrhunderte vorher und an Gleichzeitigkeit mit der Siloam- Jnschrift. Ueber den Nutzen resp. die Verwendung dieser Tafel sind auch die verschiedensten Ansichten aufgestellt; Macalister glaubt, daß es eine Art Schreibübung des Landmannes ist, der gerade das Schreiben gelernt hatte uad seinen Nachbarn damit zu imponieren gedachte, daß er seine schriftliche Arbeit in seiner Hütte sichtbar aufhängte. Dagegen ist Pater Roncevalle, der Professor der orientalischen Archäologie am St. Josefsstift in Beirut, der Ansicht, daß es sich um eine offizielle Kopie oder um einen Auszug aus einem administrativen Reskript handelt, das periodische Forderungen aufstellt, die an die ländliche Bevölkerung um Gezer herum gestellt wurden und die Arbeiten von längerer Dauer betreffen. Es mag also dort ebenso gewesen sein, wie heutzutage bei unserer Weinernte, wo die Obrigkeit den Schluß der Weinberge und den Termin der Weinlese festsetzt. Auch jetzt noch - gibt der Scheich in Palästina für gewisse landwirtschaftliche Hantierungen die Anweisungen. Warum könnte dies vor 2500 Jahren nicht auch der Fall gewesen sein? Dr. Daiches, der einige babylonische Dokumente zum Vergleich herangezogen hat, ist der Ansicht, daß es sich hier um einen anerkannten Kalender handelt, obwohl ein exakter"" Zusammenhang mit dem babylonischen Kalender in keiner Weise zu ersehen ist. Das Schwitta-Jahr in Palästina. Die Ansicht, daß eine strenge Beobachtung der Schmitta vollständig undurchführbar sei, hat bald unter den palästinensischen Rabbinern Oberhand gewonnen. Es soll nun wie in früheren Schmittajahren die Einstellung der Arbeit auf dem Felde durch den vom Rabbinat vorzunehmenden Verkaussakt des jüdischen Landes umgangen werden. In einem Schreiben, in dem sich der Jaffaer Rabbiner heute an die jüdischen Kolonien wendet, wird auseinandergesetzt, daß es nach der jetzigen ökonomischen Lage der Juden in Palästina unmöglich sei, das Schmittajahr allen leinen Bestimmungen nach durchzuführen, denn dies würde einer Zerstörung des ganzen Jischuw gleichkommen. Alle Besitzer werden aufgefordert, die vom Rabbinat ausgestellten Verkaufspapiere zu unterschreiben und dem Rabbinat zur Verfügung zu stellen. Die Administration der dem Baron Rotschild gehörigen Ländereien hat bereits eine solche nach dem Religionsgesetz erforderliche Urkunde („Satar mchira") dem Rabbinat übermittelt. Ein großer Uebelstand ist es, daß auch nach der Vornahme dieses Scheinverkaufs die Saat-, Schnitt- und Drescharbeiten nicht durch Juden vorgenommen werden dürfen. Die strenge Befolgung dieses Verbotes wird wieder das Bestreben, die jüdischen Arbeiter auf die Dauer in den jüdischen Kolonien sestzuhalten, aufhalten.

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