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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-20 · 34 (20.8.1909) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 577 sammenarbeit bietet, werden Nutzen ziehen können. Unsere amerikanischen Freunde haben sich diese Anschauung, von der wir gute Resultate erwarten, zu eigen gemacht. Der rasche Erfolg der Eingewanderten war bis jetzt in der Industrie ein größerer, als in der Landwirtschaft. Der Grund dafür liegt in der Erziehung, welche die Juden in ihren Geburtsländern erhallen haben. In Neroyork haben sie verschiedenen Handwerken eine große Ausdehnung gegeben und die Kleiderkonfektion zu einer solchen Entwicklung gebracht, daß das Land gegenwärtig für beträchtliche Summen Waren ausfübrt, die es früher eingeführt hat. Wir haben reichliche Beiträge zur Anlegung der Gutswirtschaft Woodbine. die zugleich industrieller und landwirtschattl'cher Art ist. zum Unterhalt einer Schulfarm in der Nachbarschaft, zur Erweiterung einer Handwerkerschule in Newyork, welche alljährlich 275—300 junge Leute mit einer zum Eintritt in die Werkstatt befähigenden Ausbildung entläßt, geleistet. Eine Schövfung. welche die anderen ergänzt, sind die „Dollar Banks", ein populäres Kreditinstitut, das aus der Initiative der Eingewanderten entstanden ist. 4. In Kanada, in Quebec. Montreal, Halifax. St. Jean, sind im letzten Jahre 2364 Juden gelandet. Die jüdische Einwanderung ist, wie gesagt, in diesem Lande jüngeren Datums, als in den Vereinigten Staaten: sie begann vor kaum zwanzig Jahren. Die Einwanderer haben beträchtliche Anstrengungen gemacht, um in Kanada festen Fuß zu fassen. Das Klima ist rauh. Handel und Industrie erst im Entstehen begriffen. Ungefähr 30.000 Juden haben sich in Montreal niedergelassen: auf die gleiche Zahl schätzt man diejenigen, die sich in den übrigen Teilen des Landes festsetzten. In Montreal betreiben die Juden verschiedene Gewerbe. Im Jahre 1908 hat unser Komitee 2380 in den Kleiderfabriken, .Schneiderwerkstätten rffro. untergebracht. Die jenigen, die sie beschäftigen, schätzen ihren Arbeitseifer und zumal ihre Nüchternheit. In dieser Stadt unterhalten wir die „Baron Hirsch-Schule", welche 600 Schüler, die Kinder der Emigranten, aufnimmt und ihnen die ^Kenntnis des Englischen beibringt. Für die Erwachsenen, welche ebenfalls der Landessprache und allgemeiner Kenntnisse bedürfen, hat sie Kurse eingerichtet, welche im letzten Jahre 774 Hörer zählten. Der Erfolg der Einwanderer, welche sich der Landwirtschaft widmen, verdient verzeichnet zu werden, zumal da er ihrer Initiative und ihrer Ausdauer zu danken ist. Die älteste ist die Hirsch-Kolonie, die viele Wandlungen durchgemacht hat. Die ersten Kolonisten von Wapella besetzten sie zwischen 1886 und 1890: die meisten von ihnen hatten keine Eristenzmittel. Sie bedurften außerordentlicher Energie, um sich zu behaupten. Sie holten in einer Entfernung von 32 Kilometer im Winter, bei einer Kälte von 40 Grad, das Holz und trugen es auf dem Rücken nach ihrer Besitzung, um ihre ersten Hütten zu errichten. Dann machten sie den Boden urbar. Ilm mittlerweile leben zu können, arbeiteten sie als Tagelöhner bei den anderen. Diese Emiaranten haben es fertig gebracht, in Ou'Avvele, Hirsch. Bender und Orbow 260 Landwirtschaftsbetriebe zu schaffen. Ihre Ländereien haben einen Wert von 492.000 Dollars. Ihr gesamter Besitz beträgt 769.845 Dollars. Unsere Gelddarlehen haben ihnen se^r geholfen. Die Juden betreiben die Bodenbearbeitung auch im Umkreise der Städte. Sie besitzen dort knappe Landflächen, ein Hektar und biswe-'len noch weniger, wo ihnen die Arbeit nur durch besondere Geschicklichkeit eine Existenz bietet-, im Weichbilde von Winnipeg gibt es zirka 300; welche der Stadt Gemüse, Milch und Butter liefern. (Schluß folgt.) Vom Aabrmarkt des Lebens. Herbert Samuel. „Bald wird England wiederum einen jüdischen Premier- Minister haben, aber anstatt daß Beaconsfield ein getaufter Jude war, wird dieser ein guter Jude sein." Also prophezeit eine Londoner Zeitung, und diese Prophezeiung ist nicht unwahrscheinlich. Der Kandidat für die englische Premierschaft ist der jüdische junge Mann Herbert Samuel. Herbert Samuel ist erst 33 Jahre alt und ist schon Minister. Um eine so hohe Stufe zu erreichen, muß man besondere Fähigkeiten haben. Wir lasten hier eine kurze Lebensgeschichte dieses interessanten Juden folgen: Herbert Samuel ist der Bruder von Stewart Samuel, der Abaeordnete des Whitechapeldistrikts in London. Er ist auch ein Niste des Lord Swaythling, früher Sir Samuel Montague. Der junge Herbert Samuel wurde von religiösen jüdischen Eltern erzogen. Obschon er sehr liberal ist, beobachtet er doch gewisse Zeremonien der jüdischen Religion und besucht auch zuweilen die Synagoge. Er interessiert sich auch für jüdische Gemeindeangelegenheiten. Was die Juden im allgemeinen betrifft, so ist er stets bereit, für seine verfolgten Brüder und Schwestern etwas zu tun. Aber auf Kleinigkeiten hält er nichts, er will nur Großes wirken — die Befreiung der Juden aller Länder, wo fie sich befinden. Er ist es, der einmal gesagt hat: Mit einem guten Stock für das reaktionäre Rußland könnte man dort die jüdischen Rechte erobern. Wenden wir uns nun zu seiner rein politischen Karriere. Schon vor 12 Jahren hat Herbert Samuel große Fähigkeiten gezeigt. England ist zwar ein freies Land, es macht keinen Unterschied zwischen Juden und Christen, aber dennoch sagte man ihm, um in der Politik emporzukommen, ist es besser, wenn man Christ und Mitglied der englischen Kirche ist. Man hat ihn erinnert an das Beispiel von Lord Beaconsfield. Darauf hat Herbert Samuel geantwortet: „Selbst wenn ich wüßte, daß ein Thron vor mir steht, würde ich einen solch' abscheulichen Schritt nicht tun, und ich kann euch sagen, daß in Wahrheit es niemand mehr Leid getan hat als Lord Beaconsfi ld, als er fich vom Judentum trennte. Aber da man ihn als Kind getauft hat, konnte er fich nicht anders helfen. Jedenfalls dürft ihr sicher sein, daß Lord Beaconsfield als getaufter Jude nicht weniger gehaßt wurde wie als Jude. Was ich werden soll, werde ich sein als Jude mit dem jüdischen Namen Samuel." Manche bewunderten ihn, manche murmelten: „Der hartnäckige Jude." Hierauf begann Herbert Samuel seine Tätigkeit. Er war stets ein Anhänger der liberalen Partei. Obichon er ein ausgezeichneter Redner ist, hat er es dennoch für nötig befunden, seine Ansichten über die politische Lage Englands in einer Reihe von Pamphleten niederzulegen. Im Anfang s gten seine Freunde, das sei eine überflüssige Arbeit, schließlich aber erkannten fie doch, daß er die Macht seiner Feder richtig eingeschätzt hatte. Er lenkte nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit aus fich, sondern er rief auch eine große Debatte in der Presse hervor, und jedes Pamphlet wurde mehrmals nachgedruckt. Ganz England sprach von Herbert Samuels Ideen. Dre liberale Partei nahm ihn bald in ihre Mitte auf und er wurde kurz darauf in das Parlament gewählt. Seine Stimme erklang von dort nach allen Teilen des Landes, und wenn die liberale Partei zur Macht gelangt ist, so hat fie es hauptsächlich Herbert Samuel zu verdanken. Sobald die L beraten die Herren waren, wurde Herbert Samuel zum Assistent Sekrerary vf the Home Off ce. das heißt zum Bizemlnister der inneren Angelegenheiten ernannt. Sekretär oder Minister war Herbert Gladstone.

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