Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 34 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021853--18555-3043490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 34 Dr. Blochs Wochenschrfft. Seite 575 splittert, von denen jede einen eigenen Namen trägt, die durch Initialen bezeichnet werden und irgend eine der verschiedenen Meinungsnuanzen zum Ausdruck bringen. Diese Fraktionen stehen miteinander wegen der geringfügigsten Kleinigkeiten im steten Hader. Die merkwürdige Seite des Theorienkrieges ist, daß die Leute ihre Theorien bis zu ihren logischen Konklusionen verfolgen, die sehr oft mit ihren eigenen Wünschen und Instinkten im Widerspruche stehen. So haben zum Beispiel vor zwei oder drei Jahren die revolutionären Theorien, die damals en vogue waren, die Leute dazu verleitet, am Sabbathmorgen während des Gottesdienstes mit brennenden Zigaretten in die Synagoge zu gehen und alle möglichen Blasphemien zu begehen. Wie ich erfahre, hat sich hiergegen eine starke Reaktion durchgesetzt und das Gleichgewicht ist so ziemlich wiederhergestellt." Ueber den Einfluß der Rabbiner äußerte sich Achad Ha'am: „Dieser Einfluß ist gegenwärtig sehr gering. In Südrußland, wo der Chassidismus noch favorisiert wird, genießen die Zaddikim noch irgendwelches Ansehen. Ihren Lesern dürfte es ja bekannt sein, daß wir in Rußland zwei Sorten Rabbiner haben, Kronrabbiner und Gemeinderabbiner. Die Ersteren, welche gewählt, oft auch von der Regierung ernannt werden, widmen ihre Aufmerksamkeit mehr der Administration jüdischer Anstalten, während die Letzteren sich mit der Erledigung religiöser Fragen beschäftigen. Die tatsächlichen Häupter der Gemeinde jedoch find Laien, die sogenannten „Gewirim". Im Allgemeinen kann man sagen, daß der Einfluß der Rabbiner zum großen Teile von ihrer Persönlichkeit abhängt. Die Kronrabbiner werden gemeiniglich als die Beamten der Regierung angesehen." „Was ist es also dann, das auf die jungen Juden dermalen einen Einfluß übt?" — war die nächste Frage. „In den letzten Jahren ergoß stch ein wahres Meer von Pamphletliteratur in Rußland, die auf die jungen Gemüter einen gewaltigen Eindruck ausübt. In kleinen Provinzorten ist es hauptsächlich der neuhebräischen Literatur zu danken, daß oie jungen Chederschüler sich dessen bewußt werden, daß es notwendig sei, etwas mehr zu lernen, als Talmud und Schulchan- Aruch. Die jungen Leute lernen jetzt schon russisch und so wird ihnen auch jene Pamphletliteratur zugänglich, die ihre Einbildungskraft gefangen nimmt und sie zum Anschlüsse an jene verschiedenen Parteien führt, von denen fie sich zumeist angezogen fühlen". Hinsichtlich des Anteiles der Juden an der Revolution bemerkte Achad Ha'am: „Dieser Anteil ist jetzt auch nicht annähernd so groß, als er zu sein pflegt. Bevor ich Rußland verließ, waren selbst Kinder von dreizehn Jahren von revolutionären Ideen infiziert, aber gegenwärtig, kann ich wohl sagen, ist bloß ein sehr geringer Teil der jüdischen Jugend revolutionär. Tatsache ist übrigens, daß der Anteil, den die Juden an der Revolution hatten, viel geringer ist, als angenommen wurde. In den Anfängen der Revolution waren Juden infolge ihres angeborenen Freimutes fähig, einzelne persönliche terroristische Akte auszuführen. In dem Momente aber, als die Revolution den Charakter einer organisierten Massenbewegung angenommen hatte, hörten die Juden auf, eine nennenswerte Rolle in ihr zu spielen. In diesem Stadium wurde die Revolution hauptsächlich durch Klaffen manifestiert, die zur wirtschaftlichen Macht gelangen wollten. Die verschiedenen Zweige des Staatsdienstes hatten ihre organisierten Streiks, die Juden hingegen konnten eine organisierte Macht dieser Art gar nicht ins Treffen führen. Der Streik einiger weniger Schneider z. B., die die Ausführung einiger Ordres verweigerten, war eigentlich nichts anderes, als eine kleinliche Imitation anderer Streiks und konnte höchstens als Beweis dafür dienen, wie gering der Einfluß der Juden in dieser Richtung war." „Haben die Juden Ihrer Meinung nach, irgend welche unmittelbare günstige Aussichten in Rußland?", srug nun der Journalist. „Die Aussichten find nach meiner Ansicht sehr düstere, da es in Rußland tatsächlich keine Judenfreunde gibt. Selbst die besten Liberalen find im Herzen Judenfresser. Es ist bloß die Unterschrift des liberalen Programms, das fie judenfreundlich erscheinen läßt. Ein anderes ungünstiges Moment ist der Wechsel, der in dem Charakter der judenfeindlichen Gesetzgebung eingetreten ist. In alten Tagen versuchte man jeden Unterdrückungsakt durch irgend ein Motiv zu rechtfertigen, denn im allgemeinen fand sich leicht irgend ein von gewissen Gesichtspunkten plausibel erscheinender Grund für eine repressive Maßregel. In letzter Zeit hingegen gestaltet sich die judenfeindliche Gesetzgebung zu einem einfachen offenen Racheakt. Den „Schwarzen Hundert" gelang es, der Regierung die Ueberzeugung beizubringen, daß die Juden die Heraufbeschwörer der Revolution waren und die Regierung versuchte sich nun an den Juden zu rächen." „Zeigt das jüngst veröffentlichte Geheimdokument nicht, daß die Regierung die Absicht habe, Erleichterungen herbeiführen?" „Ich bin nicht der Meinung. Es darf nicht vergessen werden, daß dieses Dokument zur zeit der Einführung der Duma entworfen wurde. Die Blicke der ganzen Welt waren damals auf Rußland gerichtet und man mußte im Auslande einen günstigen Eindruck erwecken. Ueberdies war die erste Duma eine progressive, deren Verhalten die Regierung Rechnung tragen mußte. Als die Regierung dann sah, daß fie von der Duma nichts zu fürchten habe, war fie nur zu froh, ihre Absicht, sich mit der Judenfrage zu befassen, aufgeben zu können und ihre Einwilligung zu geben, daß die Frage endgültig beseitigt wird. Ich bin der Ansicht, daß, so lange die Duma ruhig ist, fie in ihren Reden nicht gestört werden wird, aber die Regierung fühlt sich so stark in ihrer Position, daß fie den Taurischen Palast sofort räumen lassen wird, sobald die Duma das geringste Zeichen fraktiösen Sinnes zeigen sollte." „Welche Hoffnung bleibt also den russischen Juden?" „Die einzige Hoffnung, die ich hegen kann, ist, daß fie erfüllt wurde mit genügender moralischer Kraft, um der Unterdrückung widerstehen zu können, wie fie ihr widerstanden in vergangenen Zeiten. Die Emanzipation Rußlands liegt scheinbar noch in weiter Zukunft und die Juden können bloß stehen und warten. Wenn ich auf mein Leben in Rußland zurückblicke, wundere ich mich oft, wie ich es zuwege brachte, es solange auszuhalten. Ihr Blatt brachte seinerzeit die Mitteilung, wie ich von einem Polizeimann in Odessa überfallen wurde. Ich wurde von einem Polizeibeamten plötzlich ohne Grund attakiert und nicht unerheblich verletzt. Das find Ereignisse, denen die Juden konstant ausgesetzt find. Dies erscheint jedoch nur aus der Entfernung so unerträglich. Die Anpassungsfähigkeit unserer Rasse kennt keine Grenzen. Unser Volk in Rußland geht ebenso in Theater und hat seine Unterhaltungen wie Sie hier. Es kommt ein Pogrom, fie haben eine unangenehme Woche, aber das normale Leben ist ball» wiederhergestellt." „Aber die Neigung zu Unterdrückungen ist immer vorhanden?" „Das ist allerdings wahr." „Wie ist jetzt die wirtschaftliche Lage der Juden in Rußland?" „Sie ist schlechter, als fie je war. Die Konkurrenz ist stetig im Wachsen begriffen, da Rußland im großen und ganzen sich in der Entwicklung befindet und die Juden nicht die Möglichkeit besitzen, ihre Tätigkeit auszudehnen. Die Einführung von Maschinen hat eine große Zahl von Hilfsarbeitern arbeitslos gemacht; die Begrenzung des Anfiedlungsrayons und die Feindseligkeit ihrer christlichen Arbeitsgenoffen, die selbst innerhalb des Anfiedlungsrayons sich gegen die Zulassung von jüdischen Arbeitern in die großen modernen Fabriken auflehnen, macht es den letzteren unmöglich, sich den neuen industriellen Bedingungen anzupassen. Selbst diese wirtschaftliche Notlage der Juden wird die russische Regierung nicht veranlassen, Erleichterungen herbeizuführen, da fie es nur zu gerne sieht, wenn die Juden immer mehr verelenden und zugrunde gehen."