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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-20 · 34 (20.8.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 34 Seite 574 Vom anderen Ufer des Letheflusses wird Maria Hilsuer nicht mehr zurückgerufen werden. Geben wir acht, daß nicht noch etwas auf das andere Ufer gelange, an dem uns mehr verloren geht als ein Mensch. Der Tod der Mutter Hilsners ist eine eindringliche Mahnung für den gefürchteten Moment, in welchem ihr Sohn den Strapazen des Kerkers erliegen könnte, und wieder ein Beweismittel gegen die gefährlichste Form der antisemitischen Niedertracht, gegen die Blutlüge unrettbar versinkt. Streiten wir uns in so kritischen Zeiten nicht um Ansichten und persönliche Meinungen, nicht um Gnade oder Recht. Fassen wir an beiden Seiten an, aber fassen wir mit Macht. Es ist vor allem notwendig, den Leopold Hilsner herauszubekommen, nochmals zum Sprechen zu bringen, damit man durch seine Kenntnisse von seinen ehemaligen Kameraden und Bekannten den wirklichen Mörder vielleicht doch entdecke. Jetzt ist sein Mund mit Kerkergittern verschlossen, Verstand und Erinnerung durch Zellenluft und Verzweiflung geschwächt. Wir müssen dafür sorgen, daß es nicht ärger wird, daß die Krankheit der Strafanstalten, die Tuberkulose, ihn nicht vorzeitig wegrasst. Nicht nur der Zeuge ist zu retten. Hilsners Tod brächte sicherlich die freche Lüge seiner Henker, daß wirklicher Gerechtigkeit nun Genüge geschehen sei, würde dem Ritualmordmärchen einen gefälschten Schein von Wirklichkeit geben. Wollen wir es in der Geschichte stehen lassen, daß ein religiöser Blutprozeß zu unseren Zeiten mit einer endgültigen Verurteilung enden konnte? Wenn nicht, dann müffen wir das gleichgültige Gefühl der Gewöhnung abstreifeu, müssen wir die bisherigen Arbeiten vervielfachen und beschleunigen. Vom Tode gemahnt, müssen wir uns für das Vermächtnis einer armen Frau erbserklären, weil nicht eine Sache ihrer Familie abzuwickeln ist, sondern eine Lebensfrage des Volkes. Heuchlerische Politik. Die Kretafrage und die Juden. Panzerschiffe mit den Kriegsflaggen Englands, Italiens, Frankreichs, Rußlands keuchen eilends nach Kreta, schleppen taufend Bewaffnete herbei, um Ordnung zu stiften. Die Kreter haben es sich in den Kopf gesetzt, sich durchaus aus türkischen Untertanen in griechische verwandeln zu wollen, trotzdem ihnen die Pforte Selbstverwaltung unter nomineller türkffcher Oberhoheit, also fast völlige Freiheit zugestehen will. Die Insulaner haben die griechische Flagge aufgezogen und weigern sich trotzig, sie herunterzuholen, obwohl deswegen die Türkei an Griechenland den Krieg erklären will, weil sie diesem Lande die Ermunterung der Abfallbewegung zuschreibt. Was würde in dem Falle geschehen, wenn eine englische, italienische, russische oder französische Kolonie abfallm wollte? Kein Europäer zweifelt daran, daß das Mutterland seine kräftigsten Kanonen und Regimenter entsenden würde, um den Revolutionären neue Liebe zum Vaterlande in Güte beizubriugen. Die Türkei könnte bezüglich Kretas genau dasselbe tun. Denn sie verfügt über eine halbe Million Soldaten, die tapfersten der Welt, und sie würde kaum mehr als ein paar Stunden brauchen, um den Kretern die griechischen Gefühle gründlich auszutreiben. Das dulden aber die Schutzmächte uicht. Plötzlich findet Sir Edward Grey, trotz seiner letzten Rede im Unterhaus, daß er doch ein Recht habe, sich in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates einzumischeu, und'dasselbe finden seine Kollegen in den Auswärtigen Aemtern, Jswolsky, Tittoni und Pichon, ebenfalls. Sie schicken schleunigst je drei Schlachtschiffe nach Kreta, welche zwar Ordre bekamen, die griechische Flagge in Kanea eventuell mit Gewalt herunterzuholen, die aber zugleich die Türkei daran hindern sollen, in ihrem eigenen Lande nach Belieben Ordnung zu schaffen. Denn die armen Kreter müssen geschützt werden. Es wird ihnen zwar verwehrt, vollständig von der Türkei abzufalleu, sonst aber gestattet man ihnen alle Arten der Revolution und des Landesverrates. Zwölf Kriegsschiffe wachen darüber, daß sie nach wie vor ihre ustiz im Namen des griechischen Königs ausüben, ihre Briefmarken mit dem Stempel Griechenlands versehen, ihre 4000 Mann Miliz von Offizieren des griechischen Heeres befehligen lassen dürfen. Die Türkei muß dem zuschauen und darf sich nicht rühren. Denn wie schon oft gesagt, sind die Großmächte die Träger der Kultur. Zur Kultur gehört die Freiheit. Die Freihiit wollen die Kreter eben und die Mündungen der Kanonen von zwölf Kriegsschiffen wiederholen im Auftrag der europäischen Kultur, bis eben auf die Flaggenfrage, ihr Verlangen. Jetzt entsteht die Frage, wie groß eigentlich das Recht der Kreter ist und die Zahl dieses Volkes. Man könnte vielleicht meinen, daß auf der Insel ähnliche Zustände herrschen wie in gewissen Teilen Macedoniens, als dort unausgesetzt vom Hammeldiebstahl bis zur Mordbrennerei alle Arten der schwersten Verbrechen verübt wurden und es vielleicht begründet hätten, daß eine Ordnung schaffende, genügend starke Macht die Verwaltung übernehme. Davon ist auf Kreta keine Rede. Die Bewohner dieser Insel haben auch nicht über das geringste Leid zu klagen. Ihre Freiheilsbestrebungen sind durchaus rein national, übermütig, irredentistisch, etwa so wie die der Schöneriauer bei uns in Reichenberg und Eger. Aber vielleicht muß man den Willen eines Volkes respektieren, das durch seinen Wert und seine Zahl hervorragt? Davon kann gar keine Rede sein. Denn die Kreter sind weder arbeitsam noch unternehmungslustig. Im Lande arbeiten nur Ausländer und ausländisches Kapital. Und die Zahl der Kreter beträgt, mit Abrechnung der türkenfreuudlichen 30.000 Mohammedaner, 270.000. Ganze 270.000 Kreter dürfen einen Brand entzünden, der Europa in Brand setzen kann. Eine Viertelmillion Leute wird von einem immerhin bedeutenden Flotteuaufgebot von vier Großmächten in Schutz genommen. Europa hat ihnen das versprochen und Europa hält sein Wort. Es ist dazu bemüssigt als Hort der Freiheit und des natürlichen Rechtes. Auf sechs Millionen russischer Juden werden Mörderbanden losgelassen, ohne daß ein europäischer Staatsmann eine Miene verzieht. 300.000 Juden Rumäniens sind Parias in ihrem Vaterland, trotzdem Souveräne mit Wort und Siegel ihnen die Vollbürgerschaft versprochen haben. Von den Panzerkreuzern vor Kreta sind drei von Rußland entsendet. Die Gristevrichtnng der Jude» in Rußland. Der bekannte Schriftsteller A ch a d H a'a m (Ascher Ginzberg), der seit einiger Zeit in London lebt, gewährte einem Vertreter des „Jewish Chronicle" eine Unterredung über die gegenwärtige Geistesrichtung der Juden in Rußland. „Ist es richtig, daß das alte, orthodoxe Judentum, das die russische Judenheit bisher auszeichnete, fast im Schwinden begriffen ist?" frug zunächst der Journalist. „Es ist unmöglich," erwiderte Ginzberg, „diese Frage allgemein zu beantworten. Es ist jedoch kein Zweifel, daß die Heranwachsende Generation, die zum größten Teile von sozialistischen Anschauungen durchdrungen ist, beiweitem nicht so orthodox ist, als es ihre Eltern waren. Nichtsdestoweniger glaube ich, daß dieser Wechsel stark übertrieben wurde." Ueber die gegenwärtige Geistesrichtung der jungen Juden in Rußland befragt, antwortete Achad Ha'am: „Die englischen Juden können sich tatsächlich keinen Begriff machen von der eigenartigen Richtung, welche das Geistesleben ihrer russischen Glaubensgenossen genommen hat. Die Unmöglichkeit, an dem politischen Leben irgendwie praktisch teilzunehmen, hat die jungen Juden den Theorien aller Art zugeführt. Sie find gegenwärtig in zahlreiche Fraktionen zer-

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