Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 670 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 33 Der Polizist "nahm das Geld' zu sich, ging Wieder seines Weges und ließ die alten Leute ungeschoren. Aber kaum waren wenige Wochen vergangen, als er wieder kam. „Jetzt Hirsch", sagte er, „ist die Sache verfallen,- es ist eine zweite amtliche Aufforderung eingelaufen, jetzt mutzt du aufs Kreisamt, es stützt dir nichts." W Nicht einmal ein Schnaps konnte den Polizisten erweichen. Es gelang Hirsch, nur einen Aufschub von einigen wenigen Tagen zu erwirken, um sein bischen armselige Habe inzwischen zu Geld zu machen. Blutenden Herzens haben die Alten ihre einzige Ziege verkauft, von der sie ausschlietzlich lebten. Der alte Hirsch band sich einen Sack um, in den er den Tallis und Tefillin und ein paar Laibchen Brot hineinlegte, und verabschiedete sich von den armen Christen seiner Nachbarschaft, die ihn alle aufrichtig bedauerten. So ging er mit seiner Frau fort. ... Nachdem der alte Hirsch an den Ort seiner Bestimmung angekommen war, lietz der Kommandant, als er seiner ansichtig wurde, zwei Reihen Soldaten aufstellen. „Das ist mein Ende", sagte der Alte, als er die Soldaten sah und fing an, sich durch Widdui Mblegung des Sündenbekenntnisses) auf seine letzte Stunde vorzubereiten. „Stillgestanden!" donnerte der Kommandant die Soldaten an. Dann las er mit lauter Stimme den Dank des Kaisers dem alten Juden vor, der ihm im Jahre 1813 in dem grotzen Wald zu Hilfe gekommen war, als der kaiserlichen Equipage die Achse brach. Der Schreck hatte Hirsch so konfus gemacht, datz er kein Wort von alledem verstand und nicht wutzte, .xoas man mit ihm vorhabe. Als er dann ein wenig zu sich gekommen war, erinnerte er sich, datz er .in der Tat vor 30 Jahren einem hohen Herrn die Achse ausgebessert hatte, als er durch den grotzen Wald fuhr. Wie es selbst unter dem Schlendrian des russischen Bureaukratismus möglich war, datz der kaiserliche Dank erst nach breifeig Jahren an die rechte Adresse gelangte, das haben auch die erfahrensten Greise in Poniewesch nicht zu ergründen vermocht. Nur das wissen sie, datz der alte Hirsch Gomel gebenscht (d. h. vor versammelter Gemeinde Gott gedankt) hat für das Wunder, das ihm widerfahren ist und datz man dem alten Hirsch noch oft mit einem Bettelsack begegnet ist, mit dem er die Mildherzigkeit in den jüdischen Häusern aufsuchte, auf welche er seit dem Dank des Kaisers angewiesen war. Literatur. Jampel, Dr. Sigmund. Vom Kriegsschauplätze der israelitischen Religionswissenschaft. Eme gemeinverständliche Schilderung der Kämpfe auf dem Gebiete der modernen Bibelforschung. Frankfurt a. M. Kauffmann, 1909. Mk. —-80. Mögen die Anschauungen über den Daseinszweck sowie über die Mittel zur Erhaltung des Judentums noch so weit auseinandergehen, und mögen sogar manche Richtungen im liberalen Judentum der aufrichtigen Meinung fein, daß das Judentum auch ohne Schulchan- Aruch oder gar ohne praktische Religion bestehen könne, in einem Punkte berühren sich alle Extreme und darin stimmt die ganze Wett vollständig überein, daß ein Judentum ohne Bibel ein Unding ist und daß daher der Kampf um die Bibel zugleich einen Kampf um die Zukunst des Judentums bedeutet. Auf dem Gebiete der modernen Bibelforschung dreht sich aber der Kampf nicht mehr um diese oder jene Auffaffung von der Bibel, sondern um die Bibel überhaupt und ihren Fortbestand; denn die radikalen Anschauungen, wie sie heute auf jeder Hochschule vertreten sind, lösen die Bibel, ihre Geschichte wie ihre Religionslehre in nichts auf. Der Jude, der diese tosenden Stürme um sein Haupt ignorieren zu können glaubt, macht sich in den Augen der nichtjüdischen Welt sehr lächerlich. Nur die Tatsache, daß die diesbezüglichen Fachwerke, wegen ihrer Detailuntersuchungen, dem Laien fast unverständlich sind, machen diese sonderbare Erscheinung einigermaßen erklärlich. Es ist daher freudig zu begrüßen, wenn unser Verfasser, ein bewährter Fachmann, es unternommen hat, das Gesamtsystem der modernen Bibelforschung in seinen vier Hauptzügen in sehr populärer Weise zur Darstellung zu bringen. Auf 50 Seiten lernt hier der Leser die vier Hauptströmungen, die die moderne Religionswiffenschaft beherrschen, genau kennen. Motive und Begründungen sind, trotz der Knappheit der Darstellungen, so präzise herausgeschält, daß auch dem Laien die Möglichkeit gegeben ist, sich selbst ein Urteil zu bilden. Im Interesse unserer Religionswissenschaft gönnen wir diesem Schriflchen eine sehr große Verbreitung. vr. 8. Nordau Max. Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit. 59. dis 61. Tausend. Leipzig. B. Elischer Nachfolger. M. 4.—, geb. M. 5.—. Zu Nordaus 60. Geburtstag erscheint in neuer Auflage sein Erstlingswerk, das seitdem mit seinem Namen so unzertrennlich sich verschmolzen hat, daß er, wie der Araber mit Stolz des Sohnes Namen in den eigenen aufnimmt, als Autor dieses geistesscharfen Buches dem Durchschnittsgebildeten geläufig ist. Keine seiner späteren Leistungen hat diese Volkstümlichkeit errungen. Und wenn sich Nordau in der neuen Vorrede zu diesem Erzeugnisse des Fünfunddreißigjährigen noch ganz zu den Ansichten bekennt, die er hier vor einem Vierteljahrhundert ausgesprochen hat, so Muß man die Ausgabe seiner zionistischen Schristen, die uns dieses sein Jubiläumsjahr gebracht hat, utnfo willkommener heißen, da uns hier eine andere Seite seiner geistigen Persönlichkeit entgegentrtit, die, zu dem Autor der konventionellen Lügen gehalten, uns erst den ganzen und wahren Nordau zeigen. Dawidso« I. Pirody in Jewiih Literature. New-Iork 1907. In Kommission bei Otto Harrassowitz, Leipzig. M. 10.—. Der Verfasser hat sich mit dieser Arbeit auf ein äußerst ergiebiges Feld begeben. Wo gibt es etwas im Bereiche des religiösen wie profenen Lebens der Juden, wovor seine Parodierungssucht Halt macht, und wo im geistigen Gepräge der Ghettosklaven einen Zug, der ihn so kennzeichnet wie dieser! Wie hätte er sonst ohne Witz und Scherz, und mochte dieser auch bisweilen in beißenden Spott ausarten, in dem Dunst des Ghettodruckes sich Luft schaffen sollen? Mit welch elementarer Gewalt brach die das Jahr hindurch eingedämmte Lachlust am Purim durch! Oder in den Knittelversen des Badchan an der Hochzeitstafel! Ja, selbst für Grabschriften wählte man Parodien, so auf das Gebet Adon olam u. A., und selbst das Kaddisch wurde parodiert. Der Verfasser hat sich sowohl nach der folkloritischen, wie nach der literargeschichtlichen Seite hin durch sein sorgfältiges Werk ein dauerndes Verdienst erworben. Einige Nummern ließen sich noch in dem letzten Teil (Liter, des 19. Jahrhunderts) nachtragen. Hermann Wernheimer. Geschichte des Volkes Israel von den Anfängen dis zur Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier. Buchverlag der „Hilfe", G. m. b. H., Berlin-Schöneberg. Modern und dauerhaft kartoniert M. 3.—. In der vorliegenden Darstellung ist die ökonomische Geschichtsauffassung angewendet, soweit sie anwendbar erscheint. Zugleich erhält das bisher nicht genügend berücksichtigte Rassenproblem die ihm gebührende Stellung. In erster Linie beabsichtigt der Verfasser, die wichtige, hochinteressante, in einzelnen Perioden dramatisch bewegte Geschichte des altpn Israel unseren Gebildeten nahezubringen. Die Form der E r z ä h l u n g ist streng durchgeführt. Wo rein wissenschaftliche Erörterung unbedingt nötig war, ist sie in die Anmerkungen am Schluß zusammengedrängt. Neben der neuartigen, fesselnden Gesamtauffassung, der die Ergebnisse der modernen Bibelkritik zugrunde liegen, ist die glänzende Darstellung des Werkes besonders zu rühmen. Endlich sei noch hervorgehoben, daß sich der Verfasser von pädagogischen Gesichtspunkten leiten ließ, indem das plastische Herausarbeiten einzelner Lebensbilder (Ahad, Jeremia) dem Lehrer für den Unterricht im Alten Testament als Handreichung dienen kann. Torge P., Seelenglaube und Unsterblichkeitshoffnung im Alten Testament. Leipzig 1909, I. C. Hinrichs. M. 5, geb. 6. Mit sicherem kritischen Takt untersucht der Verfasser mit sorgfältiger Rücksicht auf die chronologische Schichtung der Dokumente die Entwicklung der althebräischen Begriffe n e p h e s c h, ruach und s c h e o 1. Zum Unsterblichkeitsglauben verhält sich eine Richtung der biblischen Autoren ablehnend, z. B. Psalm 90 und Kohelet, eine andere, wie Hiob, vor allem Psalm 73 bejahend. Die erste, die eine Unsterblichkeit nicht — genauer: noch nicht — annimmt, sondern im Menschen ein Geschöpf sieht, „das durch die Rückkehr zur Erde im Tode sein Innerstes dokumentiert", ist „ein Beweis für die religiöse Ueberlegenheit des Judentums über andere Völker, z. B. die Griechen, deren vertraulicher Verkehr mit den Göttern doch im letzten Grunde auf dem mangelnden Gefühl des Abstandes beruhte, der immer die Gottheit von ihren Verehrern trennt". Töne andererseits, wie sie im 73. Psalm erklingen, bekunden eine „Hoffnung auf Unsterblichkeit, wie sie niemals stärker und freudiger erklungen sind". Auch von den Hauptergebnissen abgesehen, bietet das vortreffliche Buch über viele Fragen, die mit dem Seelenglauben und Tolenkult im alten Orient in ihren ethnographischen Beziehungen Zusammenhängen, eine Fülle höchst beachtenswerter Aufschlüffe. Es darf als die zur Zeit reifste Behandlung dieses eminent wichtigen Gegenstandes gelten. x.