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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-13 · 33 (13.8.1909) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 569 Berlin. Der Verband der Deutschen Juden wird, wie schon mitgeteilt, seine diesjährige (3.) Hauptversammlung in Breslau halten, und zwar am 17. Oktober. Die (von nahezu allen Gemeinden und den wichtigsten jüdischen Verbänden und Vereinen im Reich entsandten) Delegierten werden Gäste der jüdischen Gemeinde in Breslau sein, die bereits Vorbereitungen für deren Ausnahme trifft. — Am 16. Oktober soll ein Empfang und eine Vorbesprechung im Breslauer Freundesaal stwlfinden. Auf der Hauptversammlung, die öffentlich im großen (für zirka 1800 Personen eingerichteten) Saal des Konzerthauses tagen wird, werden folgende Vorträge gehalten werden: von Herrn Rabbiner Dr. Guttmann, Breslau: „Die Idee der Versöhnung im Judentum"; von Herrn Justizrat Breslauer, Berlin: „Die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen"; von Herrn Abg. Jnstizrat Wolff, Liffa: „Die Juden der Ostmarken; was haben sie dcm preußischen Staate und was hat er ihnen geleistet?" Die vorige Hauptversammlung tagte 1907 in Frankfurt a. M. im Saalbau und war von über 2000 Personen (darunter auch offiziellen Vertretern der Regierungs- und Staatsbehörden) besucht. Flucht der marokkanischen Inden aus Melilla. Der französische Dampfer „Aude" ist von Melilla mit einer großen Anzahl marokkanischer Juden an Bord nach Oran abgegangen. Der Dampfer war ursprünglich nach Melilla abgegangen, um die französischen Familien, welche sich in Melilla nicht sicher fühlten, nach Oran zu bringen. Doch erwiesen sich die Befürchtungen der französischen Ansiedler als unbegründet, weshalb sie wieder in Melilla verblieben. Zfeuilleton. Der Dank des Zaren. Wenn in den langen Wintermonaten die Greise im Kownoer Gouvernement sich um den behaglichen Bes-Hamidrasch-Ofen in traulicher Unterhaltung zusammenfrnden, pflegt unsere hier folgende Geschichte oft Gegenstand ihres Gespräches zu sein. Es gibt ja mehrere unter ihnen, welche den Mann, der den Mittelpunkt dieser Erzählung bildet, den tauben Hirsch, noch persönlich gekannt haben. Die Sache geht zurück bis ins Jahr 1818, in welchem Jahre Kaiser Alexander I. von Petersburg nach Warschau reiste, um dort eine Zusammenkunft mit seinem politischen Verbündeten, dem Kaiser von Oesterreich, zu haben. Auf dem Wege machte der Kaiser halt in hem Städtchen Birs nicht weit von der Kurländer .Grenze bei Poniewesch im Gouvernement Kowno. Dieses Städtchen war in früheren Jahren einmal eine starke Festung, die aber später aufgegeben wurde. Alexander trug sich mit der Absicht, den Ort neu zu befestigen, um die schwache Westgrenze Rußlands besser zu schützen. Der Kaiser besichtigte das Städtchen eingehend, blieb dort über Nacht und fuhr am nächsten Morgen, ,irt aller Frühe nach dem Städtchen Wobalnik, um von dort nach Wilkomir zu reisen, woselbst wieder ein Aufenthalt von einigen Tagen geplant war. Bis dahin war die Reise ohne jeden Zwischenfall verlaufen. Als aber die kaiserliche Equipage durch den großen dichten Wald fuhr, der sich zwischen Wobalnik und Wilkomir erstreckt, wurde die Reise plötzlich in unliebsamer Weise dadurch gestört, daß an dem Wagen des Kaisers eine Achse brach. Was war da zu tun? Der Wald war groß und finster, außer dem Kaiser und seiner Suite war kein menschliches Wesen weit und breit, das da hätte helfen können. Die Adjutanten verteilten sich nach allen Richtungen des ungeheuren Waldes, um einen Schmied aufzustöbern, der die gebrochene Achse wieder Herstellen sollte, aber es war niemand zu finden. Endlich trafen sie auf ihrer Suche mitten im Walde ein Wirtshaus, das den Namen „Wald-Schenke" führte. Der Inhaber des Wirtshauses war ein Jude, der unter dem Namen „Hirsch der Schenker" bekannt war. Diesem erzählten die Adjutanten ihr Mißgeschick und fragten ihn nach einem Schmied. Einen solchen aber gab es hier nicht und die Adjutanten wußten keinen Rat, wie sie sich und ihren hohen Herrn aus dem Wald bekommen sollten. „Ich werde einmal selber zu der Equipage hingehen", sagte Hirsch voll Teilnahme über die Verlegenheit seiner vornehmen Gäste. „Vielleicht kann ich den Wagen soweit richten, daß er wenigstens bis Poniewesch aushält, dort kann man dann schon einen Schmied haben." Da dieser seltene Besuch Hirsch in früher Morgenstunde überraschte, hatte er sein Morgengebet noch nicht verrichtet. Die Herren — wer sie waren, davon hatte er keine Ahnung — mußten also warten, bis Hirsch gebetet hatte, dann ging er mit ihnen, um nach dem Wagen zu sehen. Er betrachtete mit Kennermiene die gebrochene Achse und fand, daß der Bruch ein leichter war, den er durch Unterbinden eines Holzstückes provisorisch ausbessern konnte. Nachdem er dies mit viel Handfertigkeit in wenigen Minuten besorgt hatte, gab er den Herren .die bündige V.rsicherung, daß sie jetzt ruhig weiterfaoren können, bis Poniewesch werde der Wagen die Fahrt schon aushalten. Einer von den Herren fragte Hirsch nach seinem Namen und notierte sich ihn in seinem Notizbuch. Seit jenem Vorfall waren volle dreißig Jahre hingegangen, die in der Welt im Großen und auch in Hirsch' Leben viele Umwälzungen brachten. Ein Ukas aus dem Jahre 1844*) verbot den Juden das Wohnrecht in den Dörfern und den Handel mit Branntwein. Die Waldschenke ging in andere Hände über und unser Hirsch hat in irgend einer weltvergessenen Ecke ein Häuschen ausfindig gemacht, wo er den Reflektanten einen kalten Imbiß verabreichte und in aller Heimlichkeit auch einen „bitteren Tropfen". Die Zeit ging ihren ehernen Schritt weiter. Hirsch ist inzwischen alt. schwach und was nicht erst gesagt zu werden braucht, auch sehr arm geworden. Er.pflegte den ganzen Tag auf der Ofenbank zu liegen, während seine greise bessere Hälfte Socken strickte und die Maschen Zählte. Eines schönen Morgens, im Jahre 1847, als unser Hirsch wie gewöhnlich auf seiner Ofenbank lag, kommt ein Polizist aus dem nächsten Dorfe und sagt: „He. Alter, steh' auf und komm' sofort mit! Es ist ein amtliches Schreiben eingelaufen, welches eine Vorladung für dich enthält, sofort auf dem Kreisamte ZU erscheinen und dich der Polizei zu stellen." Man kann sich den Schrecken der alten Leute.vorstellen, die ihr Lebtag nichts mit der Polizei zu tun hatten und jetzt in ihren alten Tagen plötzlich eine solche Vorladung erhielten. „Der Himmel weiß", weinte die alte Frau, „was sie dort von ihm wollen: sicher handelt es sich um einen Bilbul (falsche Verdächtigung)." — Sie suchte die paar letzten Groschen zusammen und gab sie dem Polizisten für Branntwein. *) Im Original heißt es 1832, was ein Irrtum ist, der in der oben erfolgten Weise hiemit berichtigt wird. Der Uebersetzer.

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