Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 666 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 33 und industrielle Kolonisation von Juden im Orient zum Zweck setzt, hat bis jetzt an dem Ausbau ihrer Körperschaften und an der Beschaffung der ersten Grundlagen für einen Kolonisationsfouds gearbeitet. Sie hat sich ausschließlich auf mündliche, persönliche Propaganda innerhalb der führenden Kreise der Judenheit beschränkt, ohne an die breitere Oeffentlichkeit zu treten. Dank dieser mehrmonatlichen stillen, aber emsigen Arbeit ist es gelungen, die maßgebenden Persönlichkeiten der jüdischen Hauptgemeinden in Deutschland, Oesterreich und Rußland für die neue Organisation zu gewinnen und sie zum Eintritt in den Zentralrat, respektive in den Vorstand der Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation zu veranlassen. Die Bestrebungen der Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation haben überall den lebhaftesten Anklang gefunden. Ganz besonders verdient es hervorgehoben zu werden, daß auch die führenden orthodoxen Kreise in Frankfurt und Berlin, der neuen humanitären Organisation sich angeschlossen und ihre Vertreter in die leitenden Körperschaften derselben entsendet haben, nachdem die Sicherheit gegeben worden war, daß dieses Werk — entsprechend den Ueberzeugungen Derjenigen, denen es zugute kommen soll — in vollem Einklänge mit den Anforderungen des überlieferten Judentums durchgeführt werden wird. Bei den Sammlungen für den Kolonisationsfonds der Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation haben sich die hervorragendsten Persönlichkeiten der jüdischen Großgemeinden mit namhaften Spenden an die Spitze gestellt. Die Aufforderung des türkischen Kammerpräsidenten Ahmed Riza, die bedrückten Judenmaffen in den Ländern der Türkei auzufiedeln, hat nun die Veranlaffung gegeben, einen geschloffenen Kreis angesehener Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlins einzuladen, um sie mit der von der Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation eingeleiteten neuen Orient- Kolonisationsbewegung, deren Charakter den Wünschen der türkischen Regierung vollständig entspricht, vertraut zu machen. Die Einladung ging von einer Anzahl von Förderern der Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation aus und war unter Anderem vom Kommerzienrat Hermann Bamberg, Justizrat Dr. E. Friedemann, Kommerzienrat Gerson Simon, Aaron Hirsch, Geheimen Medizinalrat Profeffor Dr. Senator und Oskar Tiez unterzeichnet. In der Versammlung, welche am 22. Juni im Hotel Adlon stattfand, ergriffen unter Andern die Herren Justizrat Dr. E. Friedemann, Dr. Isidor Ginsberg, Rechtsanwalt Dzialoszynski, Prof. Dr. Kalischer, Mitglied der Repräseutauten-Versammlung der Berliner jüdischen Gemeinde, Justizrat Dr. Max Fuchs, sowie als Sachkundige Agronom Dr. S. Soskin und Kulturingenieur I. Treidel das Wort. Die Ansprachen und Referate genannter Herren find von der Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation in Form einer Broschüre herausgegeben worden, die uns zur Verfügung gestellt wurde. Die Broschüre führt den Titel: „Eine Versammlung im Hotel Adlon, Ansprachen und Referate über die jüdische Orient- Kolonisation". (Herausgegeben von der Allgemeinen jüdischen KolouisationsOrganisation. Berlin 1909.) Rabbiner und Arzt. Aus Petersburg wird uns geschrieben: In der rnffischen Stadt Chotin soll demnächst die vakante Rabbinerstelle im Wege einer Wahl besetzt werden. Es werden verschiedene Personen namhaft gemacht und da jeder Kandidat seine eigene Partei hatte, drohte in dieser blühenden jüdischen Gemeinde, in welcher sonst stets Frieden herrschte, ein unheilvoller Zwist zu entbrennen. Auftecht originelle Weise ist nun der Streit beigelegt worden. Die jüdische Gemeinde Chotin leidet schon seit Langem auch an einem Aerztemangel. Die in Chotin ansässigen Aerzte find zumeist in Anstalten oder Fabriken fix angestellt und find für die Privatpraxis nur in den dringendsten Fällen zu haben, so daß die jüdische Gemeinde fast ohne Arzt dasteht. Um nun beiden Uebeln, dem Rabbinermangel und dem Aerztemangel mit einem Schlage abzuhelfen, beschloß die jüdische Gemeinde, nur einen solchen Rabbiner aufzunehmen, der gleichzeitig Arzt ist. Dieses Argument hat sämtliche Parteien befriedigt und so wurde denn der Konkurs auch in diesem Sinne ausgeschrieben. Der Wiederaufbau des salomonischen Tempels. Der Tempel Salomonis soll in Jerusalem an derselben Stelle, wo einst das alte Wunderwerk gestanden, aufgebaut werden. Dies ist zum mindesten der Plan der Freimaurer in Boston, die sich zu diesem Zweck, wie die „Jewish World" meldet, mit den Freimaurern der ganzen Welt in Verbindung setzen wollen. Durch ein Zusammenwirken aller Freimaurer hofft man die ungeheuren Kosten für das riesige Werk aufzubringen. Nach der Tradition der Freimaurer ist nämlich ihre Gemeinschaft von König Salomon gegründet worden und er . war ihr erster Großmeister; auch König Hiram von Tycus, der vor 3000 Jahren beim Bau des Tempels half, soll dem Freimaurerbunde angehört haben. Auf der Stätte, wo einst der Tempel stand, steht jetzt eine mohammedanische Moschee, und die Mohammedaner halten den riesigen Fels, auf dem das Gotteshaus erbaut ist, für den Mittelpunkt der Erde. Daß hier der salomonische Tempel gestanden, verbürgen ziemlich sichere Ueberlieferungen, denn es ist gewiß, daß die Juden nach der babylonischen Gefangenschaft hier ihren zweiten Tempel errichteten, der auf demselben Fleck stehen sollte, wie das Werk Salomonis. Der Wiederaufbau soll genau nach den ausführlichen Beschreibungen der Bibel und den neuesten Entdeckungen, die man über die Anlage gemacht hat, erfolgen. Zwar haben die Vorbereitungen des alten Tempels nach der biblischen Erzählung drei Jahre und die Aufrichtung sieben Jahre in Anspruch genommen, doch hofft man mit Hilfe der technischen Fortschritte im zwanzigsten Jahrhundert schneller fertig zu werden. Ein intoleranter Bischof. Vor einigen Tagen unternahm der katholische Bischof von Zitomir eine Inspektionsreise durch seine Diözese. In einer Stadt des Wolhynier Gouvernements entsendeten nach russischer Sitte auch die Juden eine Deputation mit Brot und Salz zur Begrüßung des Kirchenfürsten. Der Bischof brüskierte jedoch die jüdischen Abgesandten, indem er sich von ihnen abwandte und die Annahme des symbolischen Geschenkes verweigerte. Dieses sonderbare Benehmen des Bischofs hat selbst auf die christliche Deputation einen sehr schlechten Eindruck gemacht, so daß der Führer derselben sich veranlaßt sah, das Brot und Salz dem Diener des Bischofs mit den laut vernehmbaren Worten zu übergeben : „Uebergib dieses Brot deinem Herrn und sage ihm, daß unsere Religion auch das Brot des Juden achten lehrt!" Ein dritter jüdifcher Dumadeputierter. Wie dem „Rjetsch" aus Odessa gemeldet wird, hat die Partei der Kadetten für die demnächst stattfindende Ersatzwahl in Odessa den Odessaer jüdischen Advokaten A. E. Brodski kandidiert. Interessant ist, daß die Kadettenführer diese Kandidatur damit begründen, daß die Duma jetzt im ganzen zwei jüdische Deputierte zähle, von denen der eine, Nisselowitsch, in letzter Zeit dauernd krank sei und seinen Pflichten als jüdischer Abgeordneter nicht Nachkommen könne, und der zweite Herr Friedmann allein zu schwach sei, die Interessen der jüdischen Bevölkerung in der Duma wirkungsvoll zu vertreten. Deshalb stelle die Partei selbst einen jüdischen Kandidaten auf. Trotzoem 40 Perzent der Odessaer Wahlmänner Juden und weitere 20 Perzent Kadetten und Progressisten sind, befürchtet man doch, daß die Behörden durch Repressalien die Wahl Brodski's zum Deputierten vereiteln werden. Sollte die Wahl normal verlaufen, so erscheint die Entsendung eines dritten jüdischen Deputierten in die Duma gesichert. Ein VÄjähriger Reophyte. Einen interessanten Fall erzählt der „American Jsraelite". Ein gewisser Michael O'Connor ließ sich am 12. Juli d. I. in Winnipeg unter Beobachtung aller Vorschriften des europäischen Gesetzes im Alter von 72 Jahren in den Bund Abrahams