Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 565 Gelehrten ist einer jener Männer dahingegangen, deren Scheiden einen Verlust für die Kultur bedeutet. Die Beerdigung fand fand am 10. d. M. unter großer Beteiligung in Budapest statt. Von Nah und Fern waren Rabbiner und Abordnungen israelitischer Gemeinden erschienen, um durch ihre Teilnahme an der Leichenfeier den Zoll ihrer Hochachtung an der Bahre des berühmten Gelehrten abzustatten. Der Raum vor dem Leichenhause des alten Friedhofes an der Kerepefi-ut und das Gebäude selbst war von Leidtragenden bis auf den letzten Platz besetzt. Nach dem stimmungsvollen Trauergesängen wurde der Sarg ins Freie getragen. Eine ganze Reihe von Rednern feierte das Andenken des ausgezeichneten Lehrers, dessen Schüler in allen Weltgegenden das Wort Gottes verkünden. Es sprachen: Rabbiner Dr. Fischer namens der Pester israelitischen Religionsgemeinde, Professor Dr. Wilhelm Bacher namens des Landes- Rabbinerseminars, Rektor Dr. Schwarz aus Wien, Professor Dr. H o r o v i tz aus Breslau, Dr. Ungar namens der einstigen Schüler Moses Blochs, zum Schluffe Dr. L ö w y. Die trauernde Familie, der ungezählte Kundgebungen warmen Beileids zugehen, empfing auch bei dieser Leichenfeier Zeichen des allgemeinen Mitgefühls und warmer Teilnahme. * * » Aus dem Leben Moses Blochs. Nur den Heroen der jüdischen Wisienschaft war es stets gegönnt, daß „ihr Auge wurde nicht dunkel und ihre Lebenskräfte hatten nie abgenommen"! Nur der Tod konnte Moses seiner heiligen Thora entreißen! Moses Bloch (*r,) ermüdete nicht an der Arbeit von neun Dezennien, sein Riesengeist kannte keine Ruhe! Erschien doch sein letztes Werk (wir, seine Schüler, hofften von ihm noch eins zu haben) erst jetzt im Winter zu seinem 94. Geburtstage! Ich bezwecke aber an dieser Stelle nicht die ausführliche Würdigung hieses Riesen des talmudischen Wissens; bloß einige charakteristische Episoden aus seinem Leben, bevor er noch Seminardirektor wurde, möchte ich hier erzählen, wie ich sie von ihm selbst vernommen. Er war noch Bochur in Tapolcsany an der Jeschibah seines berühmten Oheims. In der Stadt war eben Markt. Die Rabbinerwohnung war am Marktplatze. Der Oheim schlief sein Nachmittagsschläfchen und der kaum 15jährige Moses saß beim Fenster mit der Gemara, blickte aber hie und da auf das draußen wimmelnde Leben. Da bemerkt er nun, wie zwei allbekannte „Neutraer Gannowim" aus einer Markthütte herausschleichen. Kaum entfernten sie sich aber, da ertönt schon das Geschrei aus der Hütte „Kmin! Kmin!" (Diebe! Diebe!) Flugs laufen die beiden ins Asyl, zum Rabbiner. Der kleine Moses eilt schnell ins Vorzimmer und findet sie schon da. „Was wollt ihr da! ruft er fie barsch an. „Zum Rebb'n . . .!" — „Gannowim haben nichts beim Rebbrn zu tun, packt euch hinaus!" „Was willst du denn von uns Bochur"? — „Ihr glaubt, daß ich euch nicht sah aus der Hütte schleichen?" Her mit den Sachen, sonst übergebe ich euch den Panduren!" Beide übergaben das Gestohlene und entflohen. Moses trug es freudig dem Eigentümer hin. Der kleine Moses wurde der weltberühmte Rabbiner zu Leipnik. Es war eine alte, fromme, jüdische Gemeinde, wie es heute schon nur beschrieben und gelesen wird. Um die jüdische Konkurrenz auszuspielen, wurde der Markt an die Schebuoth- Feier anberaumt. (Heute läßt fie mit solchen Mitteln sich nicht ausspielen.) Nach dem Schacharith-Gebete kommen nun zwei Baal-Battim zum Rabbiner in den Tempel und erzählen ihm, daß der am Marktplatze wohnende 36. (er sagte mir auch den Namen, ich vergaß ihn aber) sein Geschäft geöffnet habe! Er war der erste in Leipnik, der so etwas wagte! Es war ein gar peinliches Ereignis! Zur Ehre der Gemeinde war er kein Leipniker, wohnte erst seit zwei Jahren dort. Statt nach Haufe zu gehen, eilt der Rabbiner den Schammes, mitrufend auf den Marktplatz hin. Da findet er nun den Tatbestand. Der im Geschäfte bedienende Kaufmann gerät außer Fassung beim Anblicke des hereintretendeu Rabbiners. Er kann zu keinem Worte kommen. „Hinaus mit Euch, ihr Poschim!" donnert es von den Lippen des erregten und gefürchteten Rabbiners ihm und seinem Sohne entgegen. Der Kaufmann versichert nun bleich, daß er sofort sperren wird. „Ich glaube dir nicht", schreit der Rabbi, „her mit den Schlüsseln!" Der Schammes sperrte nun mit Hilfe des Sohnes und die Schlüssel blieben auch beim Rabbiner bis nach dem Festtag. Der Fall wiederholte sich nicht in Leipnik, solange er an der Spitze der Gemeinde stand. An einem Donnerstag vor Schabboth-Chanukka kam eine Deputation der Neutraer Gemeinde nach Leipnik, ihm den feierlichen Aufnahmsbrief der Gemeinde überbringend und bat ihn, den „Rabbiner-Thron" in Neutra zu besteigen. Nur wollten fie noch im Aufträge ihrer Gemeinde auch seine Predigt anhören. „Jeden Schabboth-Chanukka hielt ich eine Predigt, nur diesen nicht", sagte er mir. „Erstens wollte ich nicht in meiner Gemeinde für andere predigen und zweitens wollte es mir als eine Art Probevortrag scheinen ..." Er ging auch nicht nach Neutra. Ich erzählte ihm, daß der jetzige Neutraer Rabbiner einen Haupttreffer gemacht hat . . . „Wer weiß ob der Haupttreffer an das Rabbonusz gebunden war . . .?" entgegenete er. Einen ganzen Nachmittag verbrachte ich bei ihm, denn er war ganz allein zuhause. Vor allem aber „verhörte" er mich. Es war das erste Jahr, daß er das Unterrichten unterließ. Zufrieden, daß man im Seminar nun auch weiter lernt, kam er in gute Laune und so erzählte er mir von seinen Erinnerungen im Gespräche... „Ich rauche seit 80 Jahren", beantwortete er meine Frage. Ich sagte, wie gut ihm nun die Stille behagen muß. „Mich störte nie ein Lärm, als ich Rabbiner war, memorierte ich meine Predigt ein, auch wenn meine Kinder um mich herum aus Herzenslust schrien." Da kam eben ein polnischer Jude unangemeldet herein, stellte sich vor, er sei lungenkrank, möchte nach Palästina, hat aber keine Reisespesen und bittet sehr um „Protektion" zu einem Profeffor. „Protektion hatte ich nie", sprach der greise „Moseh Rabbenu" und beschenkte ihn. Abends empfahl ich mich von ihm. „Lernen Sie nur fleißig, nur lernen!" Mit diesen Worten entließ er mich. Nyitra-Jablonic, 11. August 1909. Jakob Weiß Hörer der Rabbiner-Schule zu Budapest. Ableben des Oberrabbiners von Arad. Letzten Dienstag ist der Oberrabbiner der Arader Fortichrittsgemeinde Dr. Alexander Rosenberg im Alter von 64 Jahren gestorben. Der Verstorbene, der im öffentlichen Leben der Stadt Arad eine hervorragende Rolle spielte, war auch Mitglied des Stadtmunizipiums, hatte seinerzeit nach Schaffung der Kirchengesetze in Ungarn viel von sich reden gemacht, weil er die „Einsegnung" der Mischehen zwischen Christen und Juden in der Synagoge nicht nur billigte, sondern als erster und einziger Rabbiner in Ungarn solche „Einsegnungen" in seiner Synagoge zu wiederholtenmalen vollzog. Diese Haltung Dr. Rosenbergs rief nicht nur in orthodoxen, sondern auch in besonneren Fortschrittskreisen unliebsames Aufsehen und Kontroversen hervor, die solche Dimensionen annahm, daß der „Mischehen-Rabbi", wie er spottweise genannt wurde, sich veranlaßt sah, seinen Beschluß zurückzuziehen und weitere „Einsegnungen" von Mischehen in der Synagoge abzulehnen. Abgesehen von dieser merkwürdigen Entgleisung wird dem Verstorbenen, der von seiner Gemeinde abgöttisch geliebt wurde und auch Mitglied der Prüfungskommission des Budapester Rabbinerseminars war, großes talmudisches W.ssen und ein hoher Grad allgemeinen Wissens nachgerühmt. Allgemeine jüdische Kolonisations - Organisation. Die auf Grund der Beschlüffe der zwei internationalen jüdischen Konferenzen in Berlin vor einigen Monaten ins Leben gerufene „Allgemeine jüdische Kolonisations-Organisation", welche sich die landwirtschaftliche