Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 664 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 33 Barcelona in der Geschichte der Mährischen Judengemeinden. Die hohe Bedeutung Barcelonas für die jüdische Geschichte, worüber Herr Professor Dr. Max Grünfeld -Brünn, in der vorigen Nummer ebenso ausführlich als anziehend berichtete, machte sich im Mittelalter weithin geltend, fogar bis nach Mähren. Ja, das religiös-geistige Leben der Judenheit im „Golus" gehört zu den allermerkwürdigsten und erhebendsten Erscheinungen der ganzen Menschheitsgeschichte und sollte in der Gegenwart, namentlich bei der Jugend, weit mehr Beachtung und Würdigung finden; „hoher Ahnen stolze Sprossen" sind ohne genauere Kenntnis der jüdischen Geschichte nicht gut möglich. Daß unsere Ahnen wirklich auf Menschheitshöhen und keineswegs bloß auf den ihnen aufgenötigten Schacherwegen wandelten, diese Tatsache erhellt aus der ganzen jüdischen Geschichte und ganz besonders aus der Geschichte Barcelonas. Allerdings beherrscht in erster Reihe die Sorge um das Seelenheil, mithin ein sehr gebundener Wille, das ganze Sinnen und Trachten der frommen Judenheit deS Mittelalters, wie denn auch die philosophischen Schriften und die dichterischen Schöpfungen dieser Zeit zumeist religiöses Gepräge haben; aber selbst auf dem so sehr gebundenen Gebiete der Religion (der Wiederverbindung mit Gott) waltete bei unseren Ahnen im Mittelalter doch auch eine sehr bezeichnende geistige Freiheit. Aus den Enkeln eines unter Priesterherrschaft gestandenen Volkes war eine nach allen Weltrichtungen weit über Land und Meer zerstreute Stammes- und Religionsgenossenschaft ohne Priester geworden, an deren Stelle bloße Lehrer getreten waren, deren Gottesgelehrtheit und innige Frömmigkeit ihre „Weihe" bildeten. Diese Lehrer waren die jüdischen Seelenhirten, und kein päpstlicher Oberhirt entschied, sondern nur der freie Ruf, den einzelne Lehrer oder Schulen in Israel erwarben. In wie regem Verkehre selbst entfernteste Judengemeinden und Gelehrte zu jener Zeit miteinander standen, da es noch keinen Postverkchr gab, der große Welthandel aber größten oder doch großen Teiles in den Händen unserer Ahnen lag, welche schon im Jahre 904 in Nicderösterreich urkundlich als legitimi mercatores, als gesetzlich befugte Kaufleute anerkannt wurden; diese höchst lehrreiche und für das geistige Band der Judenheit überaus wichtige Eigentümlichkeit jüdischen Wesens ist zur Genüge bekannt, und so ist es denn auch schließlich nicht zu verwundern, daß der große Ruf der Barcelonaer Gelehrten bis nach Mähren drang und verschiedene mährische Judengemeinden deshalb in Barcelona Gutachten einholten. Austerlitz und Barcelona, welche seltsame Aufeinanderfolge im Städte-Alphabet! Aber gerade Austerlitz wird in den „Denkwürdigkeiten des Ritters von Blatna", eines Schwagers des Königs Georg von Podiebrad, ausdrücklich neben Triesch als eine jener mährischen Judeugemeinden erwähnt, welche sich im 13. Jahrhundert an die berühmten Rabbinen Barcelonas um Gutachten wandten. Ja, unsere Ahnen tauschten nicht bloß irdische Güter auf der ganzen Erdenrunde aus! Leopold Schwarz, Brünn. Ei« Schilderkrieg in Lewberg. Der Lemberger Magistrat hat durch feine Verfügung, daß die Schilder und Firmatafeln der Geschäfte in Zukunft gewiffermaßen einer Zensur des Magistrates unterworfen werden müffe«, eine förmliche Revolution unter den Kaufleuten und Gewerbetreibenden hervorgerufen. Die Jungkaufmannschaft hat bereits ein Komitee eingesetzt, welches die Protestaktion gegen diese Bevormundung der Kaufmannschaft leiten soll. In dem soeben veröffentlichten Auftufe wird darauf hingewiesen, daß die magistratische Verordnung geeignet erscheine, zahlreiche kleine Kaufleute zu ruinieren. Die Aktion des Lemberger Magistrates habe bloß den Zweck, die jüdischen und deutschen Firmentafeln zu beseitigen, was besonders für die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden von großem materiellen Nachteile wäre. Rektor Moses Bloch. Rabbiner Moses Bloch, der einstige Vorsitzende des Professorenkollegiums am Budapester Rabbinerseminar, einer der bedeutendsten Talmudisten der Gegenwart, ist in der Sommerfrische Nagymaros, am Freitag den 7. d. M. fast fünfundneunzig Jahre alt, gestorben. Das Hinscheiden des ausgezeichneten, vielverehrten Mannes wird in weitesten Kreisen tiefe Teilnahme Hervorrufen. Die fast beispiellose geistige und körperliche Frische, die diesen Patriarchen bis in die letzten Monate seines arbeitsreichen, gesegneten Lebens zum Gegenstände allgemeiner Bewunderung, seine Wohnung auf die Erzsebet-körut zum Wallfahrtsorte von Freunden und Verehrern machte, ließ fest daran glauben, Professor Moses Bloch werde auch noch die kurze Zeitspanne überdauern, die ihn vom hundertsten Lebensjahre trennte. Bis in die allerjüngste Zeit gab es für den greisen Gelehrten keine Arbeitsrast. Vom frühen Morgen bis zum Abend war er geistig beschäftigt, befaßte er sich mit Problemen, brachte in winzigen hebräischen Lettern seine Gedanken zu Papier. Oder er empfing Besuche, erteilte gern erbetenen Rat, beantwortete strittige Fragen, — kurz, überraschte alle Welt durch die unglaubliche Versatilität seiner Geisteskräfte. Auch in der Erscheinung war h imposant. Eine hochgewachsene Gestalt, mit scharf geschnittenem intereffanten Kopf, den schneeweißes Haar einrahmte. Er wußte nicht nur in streng sachlichen Dingen autoritären Bescheid, sondern war in allen Situationen des praktischen Lebens wohlerfahren, über alles, was in der Oeffentlichkeit geschah, vortrefflich informiert. Dieses universelle Erfassen aller Vorgänge steigerte nicht wenig die Hochachtung und den Respekt aller, die ihn kannten, die da sahen, wie ein Gelehrter, den man weit und breit als inappellable Autorität in talmudischen Fragen anerkannte, sich nicht nur auf sein Spezialfach zurückzoo, sondern das profane Leben mit Interesse und Anpassungsfähigkeit verfolgte. Rabbiner Moses Bloch kannte die klassische und die moderne Literatur wie nur wenige. Diese seltene Gabe, zu dem kostbaren Alten auch Neues und Ungewohntes aufnehmen und genießen zu können, erhielt den hochbetagten Gelehrten förmlich jung. Im Hause seines Sohnes Professor Heinrich Bloch, umgeben und betreut von seiner Familie, war dem hochverdienten Gelehrten ein froher ungetrübter Lebensabend beschießen. Ein Abend, wie ihn der Mann verdiente, der seines Lebens Arbeit wiffenschaftlichen Idealen gewidmet hatte. Professor Moses Bloch war zu Ronsperg in Böhmen, am 27. Jänner 1815 geboren. Nachdem er in Wottitz und Miestetsch, später in Leipnik Rabbiner gewesen, erhielt er 1877 die Einladung, als Lehrer des Talmuds an das Rabbinenseminar nach Budapest zu kommen. Bloch folgte der Berufung. In einem Alter, da andere sich bereits zur Ruhe setzen, begann für ihn ein neuer fruchtbarer Lebensabschnitt. Es war eine glückliche Wahl gewesen. Umfassendes talmudisches Wissen, unerschütterliche Glaubensfestigkeit, dabei durchaus fortschrittliche, liberale Gesinnung, ein spiegelklarer, unbeugsamer Charakter zeichneten den Mann aus, der fich in kurzer Zeit zahllose Verehrer zu schaffen wußte, vor dem man auch im gegnerischen Lager achtungsvoll die Fahne senkte. Seine Tätigkeit umfaßte hier nicht weniger als drei Jahrzehnte. Die Zahl seiner Jünger war Legion. Und nichts spricht besser für den Wert seiner Lehrtätigkeit, als die Tatsache, daß die Schüler Moses Blochs in weiter Ferne sich stolz ihres Meisters berühmen durften, daß der bedeutende Talmudist weit über die Grenzen des Landes hinaus Ruf und Ansehen genoß. Sein schriftstellerisches Wirken förderte eine Reihe vielgewürdigter Fachwerke zutage. Die „Institutionen des Judentums", „Das mosaisch-talmudische Polizeirecht", die Nebeneinanderstellung des mosaisch-talmudischen Rechtes mit den einschlägigen Bestimmungen des römischen Rechtes sind in ihrer Art mustergültige Werke vergleichender Rechtswissenschaft. Im Millenniumsjahre wurde der greise Gelehrte vom Kaiser mit dem Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Am 27. Jänner 1905, seinem neunzigsten Geburtstage, war Professor Moses Bloch Gegenstand wärmster Ehrungen, an denen nicht nur die Angehörigen seines Standes teilnahmen. Und auch sein Ableben wird nicht nur in jüdischen Kreisen Trauer Hervorrufen. Denn in diesem