Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 562 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 93 glauben oder übernatürliche Pflichten zu erfüllen, wie es die Bibel tut. Ja, Confuzius, der größte der chinesischen Weisen, war durch-- aus agnostisch gestimmt. Diese ihnen aufgezwungene Hochachtung und diese durch die Freundlichkeit der Chinesen erworbene Liebe führte die Juden zum engen Anschluß an das chinesische Volk; sie lebten mit ihm in freundlicher Weise, ihre Söhne ued Töchter verbanden sich immer häufiger mit einander, und im Lrufe der Zeiten hat die bessere, menschlichere, philosophischere Religion sich im Daseinskampf als stärker erwiesen und die andere überlebt; die Juden Chinas haben den Glauben der Bibel verlassen und die Lehre des Confuzius angenommen. Was die C h r i st e n k i r ch e durch alle Verfolgungen nicht vermocht, ist dem freundlich-menschlichen Glauben Chinas gelunge 11." Prof. Strack, der bekannte evangelische Theologieprofeffor otf der Berliner Universität, hat seine früheren Publikationen über den Antisemitismus durch einen kurzen historischen Rückblick auf die Entwicklung des politischen Antisemitismus in Deutschland und die Methoden seiner Abwehr ergänzt und daran folgende ^Schlußfolgerung" geknüpft: „Zweifellos haben die Juden großes und schweres Unrecht erlitten; andererseits erfordert es aber die Gerechtigkeit, anzuerkennen daß die jüdischen Schutzredner häufig versäumt haben, die nötige Mäßigung zu beobachten, daß oft von ihnen ohne genügende Beweise den Gegnern üble Beweggründe zugeschrieben wurden — z. B. durch P. P. (Grünfelds „Ben Sirach Militans — Abgebrochene Sätze für A-B-C-Kinder", Stuttgart. 1880). Eine sehr nützliche Sammlung von Abwehrmaterial sind „Akten und Gutachten in dem Prozesse Rohling contra Bloch", Wien, 1890, und der „Antisemitenspiegel", Danzig, 1900." Ueber die Pflichten der Christen in bezug auf den Antisemitismus sagt Strack: „Wir haben in erster Reihe Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit hochzuhalten, müssen uns nicht nur vor Verleumdungen und falschen Beschuldigungen hüten, sondern diese in Fällen widerlegen, in denen die Juden sich ohne Schwierigkeiten nicht selbst verteidigen können. Die Frage der Kriminalitatistik kann z. B. mit Hilfe der jedem Nachfragenden zugängigen Ziffern ebenso gut von einem Juden wie von einem Christen erörtert werden. Wenn aber Juden über die Blutbeschuldigung oder den Talmud schreiben, kann selbst der redlichste Jude den Verdacht auf sich laden, Tatsachen zu verschweigen oder zugunsten seiner Stammesgenoffen und seiner Religion schönzufärben. Deshalb haben Franz Delitzsch, ich und andere es als ihre Schuldigkeit betrachtet, nachzuweisen, daß manche von den Antisemiten gegen die jüdische Religion oder die Juden im allgemeinen gerichtete Angriffe tatsächlich Verleumdungen sind. (Franz Delitzsch, „Rohlings Talmudjude", „Was Rohling beschworen hat", u. a. m.) Zweitens ist es unsere Pflicht, den Juden gegenüber in Wort und Tat Nächstenliebe zu üben. Wir dürfen unsere Liebe nicht auf unsere Glaubensgenossen beschränken (vergl. Gal. 6, 10), sondern müssen uns immer an die in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter enthaltenen Lehren erinnern. (Ev. Luc. 10.). Drittens müssen wir beweisen, daß das Christentum mit Recht die Bedeutung einer Weltreligion beansprucht, und deshalb zeigen, daß es Einfluß auf die Menschenliebe geübt hat und noch übt. Es werden große Klagen laut über den zunehmenden Einfluß der Juden auf das öffentliche Leben, nicht nur auf das Geschäftsleben, sondern auch auf das Zeitungswesen, die Städteverwaltung usw. Wir können hier nicht untersuchen, wo und wie diese Klagen begründet sind. Eines ist aber sicher: derartige Erscheinungen lassen sich weder durch Gewalt, noch durch eine einseitige Gesetzgebung beseitigen, durch die man nur schlimmere Uebelstände herbeiführen würde. Aber jeder Nichtjude, der die Meinung hegt, daß die Juden in irgend einem Ort auf ihre nichtjüdische Umgebung einen zu großen Einfluß ausüben, sollte mit doppelter Treue seine Pflichten als Staatsbürger und Bürger seiner Stadt erfüllen und andere Nichtjuden zu gleichem Pflichteifer anspornen. Hierbei gilt also der Grundsatz: Wenn wir mit unserer Umgebung unzufrieden sind, müssen wir erst fragen, was unser Fehler ist. Lasset uns selber besser werden, dann wird auch der Stand aller Angelegenheiten besser werden!* Hat Judas Jschariot gelebt? In einem interessanten Aufsatz, der jetzt in der „Grande Revue" veröffentlicht wird, beantwortet Louis Germain Levy diese Frage mit einem energischen Nein. Schon mehrfach sind Zweifel laut geworden, die anknüpfend an die Bibeltcxte auf die Schwierigkeit hinwiesen, die Anwesenheit des Judas in der unmittelbaren Umgebung Christi änzunehmen. Levy weist darauf hin, daß sowohl die Paulinischen Briefe als auch die Offenbarung des Johannes keinerlei Hinweis auf den Verrat des Judas enthalten. Im Evangelium des Markus wird au drei Stellen Judas erwähnt, aber Forschungen legen die Annahme nahe, daß es sich hiebei um später interpolierte Zusätze handelt. Während Markus Len Judas sich erhängen läßt, ist der Verräter nach der Apostelgeschichte einen Abhang hinabgestürzt und dabei in zwei Teile geborsten. Die Evangelien enthalten über das Auftreten und das Schicksal des Verräters mannigfache Widersprüche, ja man kann die Frage erheben, ob Jesus überhaupt einen Schüler gehabt hat, der den Ramien Judas trug und in Kariot als Sohn des Simon geboren wurde. Der Verfasser des Aufsatzes kommt zu dem Schluß, daß Judas Jschariot nie wirklich gelebt hat und nur die Verkörperung einer Legende darstellt. Seltene altjüdische Münzen im British-Musenm. Der soeben ausgegebene Jahresbericht des British-Musenms erwähnt als die wichtigste Bereicherung seiner Münzenabteilung die von Leopold Hamburger erworbene Sammlung alter phönizischer und judäischer Münzen. Diese Kollektion wird als die wichtigste in den letzten zehn Jahren bezeichnet. Sie enthält griechische Münzen aus Phönizien, Palästina und seinen Nachbarländern. In der Sammlung besinden sich auch mehrere römische Münzen, die auf Judäa Bezug haben. Die Sammlung besteht aus 17 Gold-, 166 Silber- und 2546 Bronzemünzen. Unter den wichtigeren Exemplaren und Serien werden erwähnt: Eine Serie Silberschekel und halber Schekel aus den ersten vier Jahren der Revolution unter Simon Maccabaeus und ein silberner Viertelschekel aus dem vierten Jahre. Eine ansehnliche Serie seltener Münzen von Antigonus (40 bis 37 v. u. Z.). Fünf Anrei von Vespasian und Titus zum Andenken an die Unterwerfung Judaeas geprägt. Eine sehr reichhaltige Serie der überaus seltenen Tetradrachmen und Drachmen, und zwar ein Tetradrachma aus dem ersten Jahre (äußerst selten), 9 aus dem zweiten und 10 undatierte 76 Drachmen, die über römische Denarii geschlagen sind. Von den phönizischen und palästinensischen Städten sind die folgenden mit seltenen Münzen vertreten: Abila (drei verschiedene Sorten), Pella (2), Anthedon (3), Antipatris (1), Esbus (5). Botrys (2), Diospolis Lyda (6), Eleutheropolis (10), Joppa (4), Charach-moba (3), Modaba (3), Nysa-Scythopolis (12), Rabbathmoba (6). _ Die Kochkiste bei den Juden. In einem Feuilleton der „Dtsch. Tagesztg.", betitelt: „Der August und seine Gaben", lesen wir: „Ist die Kochkiste heutzutage den außer dem Hause beschäftigten Frauen eine Notwendigkeit, so war sie dies stets für den jüdischen Haushalt, um das am Freitag ab gekochte Essen bis zum Sabbath warm zu halten. Den Römern war diese Eigentümlichkeit der Juden so auffallend, daß römische Dichter die Juden als die „Leute mit der Kochkiste" bezeichneten. Juvenal erwähnt an zwei Stellen die Kochkiste der Juden, die mit Heu ausgefüllt ist, das die Speisen warm hält. Im Talmud kommt sie natürlich auch vor. Der griechisch-lateinische Ausdruck dafür ist ooMuus, das in dem englischen coffin und französischen coffre nnd dem deutschen Koffer fortlebt. Die von Juvenal genannten, mit Heu gefüllten Kisten fehlten vor 1800 Jahren ebenso wenig in einem jüdischen Haushalt wie heutzutage ähnlich, da das jüdische Gesetz jede Anwendung des Feuers am Samstag verbot. In den Scholien zu denJuvenalstellen ist die jüdische Kochkiste „coxbiuus st fenum“ mehrmals so beschrieben: „Kiste und Heu find deswegen ihr Hausgerät, weil sie gekochtes Fleisch darin aufbewahrten, um am Sabbat warm effen zu können". Eine bei Friedländer in seiner großen Juvenalausgabe zitierte Leidner Handschrift mit unedierten Scholien zu Juvenal drückt sich noch deutlicher aus: „Die Juden legen einen Tag vor Sabbat ihre Speisen heiß in die Kochkiste mit Heu umgeben, nachdem vorher die Töpfe mit Tüchern und Servietten umwickelt worden waren, damit sie am Sabbat warmes Effen hätten." Der Unterschied zwischen der Kochkiste vor fast 2000 Jahren und der modernen Kochkiste ist nur der, daß letztere angekochte und nicht gar gekochte Speisen empfangen soll. Es hat aber damals schon jüdische Sabbatspeisen gegeben, die durch 18 bis 24stündiges Heißbleiben an Vorzüglichkeit gewinnen, wie zum Beispiel das noch heute beliebte Schalet oder Scholet, daß nach Saphir nichts Geringeres ist, als die Verbindung des Klassischen mit dem Romantischen. „Man nimmt", sagt der Wiener Humorist, „klassische Graupen und romantische Erbsen, mischt sie untereinander, gibt dem Ganzen einen realen Durchmesser aus geselchtem Rindfleisch und bringt es Freitags in den allgemeinen Ofen".