Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021852--18540-3043474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 33 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 861 Friedrich Nietzsches Schwester war bekanntlich mit dem in den Achtziger-Jahren in der antisemitischen Bewegung ziemlich stark tätig gewesenen Dr. Bernhard Förster verheiratet, der Philosoph selbst aber bis zu seinem letzten Atemzuge ein entschiedener Gegner des Antisemitismus. Daraus mögen sich nun mancherlei kleine Dissonanzen ergeben haben, wie folgendes im Novemberheft der „Neuen Rundschau" jetzt mit einer Reihe von anderen Briefen veröffentlichtes Schreiben Nietzsches an seine Schwester vom 26. Dezember 1887 deutlich erkennen läßt: „Eine der größten Dummheiten hast Du, mein armes Lama, gemacht — für Dich und für m>ch! Deine Verbindung mit einem antisemitischen Chef drückt eine Fremdheit gegen meine ganze Art zu fein aus, die mich immer von neuem mit Groll oder Melancholie erfüllt. Du sagst zwar. Du habest den Kolonisator Förster und nicht den Antisemiten geheiratet, und dies ist auch richtig; aber in den Augen der Welt wird Förster bis an sein Lebensende der Antisemitenchef bleiben. Also um des Himmels willen kein .Friedrichsland" oder „Friedrichshof". Ich habe Dich doch ausdrücklich um den Namen „Lamaland" gebeten. Weißt Du, mein gutes Lama, es ist eine Ehrenschuld für mich, nach Seiten des Antisemitismus l, in absolut reinlich und unzweideutig zu sein, nämlich ablehnend, wie ich es in meinen Schriften tue. Man hat mich in den letzten Jahren mit Briefen und antisemitischen Korrespondenzblättern heimgesucht; mein Widerwille vor dieser Partei (die gar zu gern ihren Vorteil von meinem Namen haben möchte!) ist so ausgesprochen wie möglich, aber die Verwandtschaft mit Förster, ebenso wie die Nachwirkung meines ehemaligen antisemitischen Verlegers Schmeitzner, bringen immer wieder die Anhänger dieser unangenehmen Partei auf die Vorstellung, ich müsse wohl zu ihnen gehören. Wie sehr mir das schadet und geschadet hat, kannst Du Dir kaum vorstellen. Die gesamte deutsche Presse schweigt meine Schriften tot — seitdem! sagt Overbeck! Es erweckt vor allem Mißtrauen gegen meinen Charakter, wie als ob ich öffentlich etwas ablehne, was ich im Geheimen begünstige, — und daß ich nichts dagegen zu tun vermag, daß in jedem antisemitischen Korrespondenzblatt der Name „Zarathrustra" gebraucht wird, hat mich schon mehrere Mule beinahe krank gemacht. — Verzeihung! Es ist unrecht. Dir das zu sagen und unbillig, das arme Lama für die Gesinnungen dieser Partei verantwortlich zu machen. Aber ich bin nicht immer „billig" gesinnt. Malvida (v. Meysenbug) schrieb mir einmal, daß ich gegen Zwei ungerecht wäre: gegen Wagner und gegen Dich, meine Schwester. Warum wohl? Vielleicht, weil ich Euch Beide am meisten geliebt habe und den Groll nicht überwinden kann, daß Ihr mich verlaßen habt? — Deshalb lies aus all meinen schlimmen Gedanken und scharfen Worten den Schmerz heraus, daß ich Dich verloren habe und daß Dein Name mit einer Partei in Verbindung gebracht wird, mit der Dich kein einziger gemeinschaftlicher Gedanke verbindet, mit welcher Du nichts zu tun hast." _ B. von Carneri, der in diesen Tagen verstorbene frühere österreichische Parlamentarier, der sich nach seinem Rücktritt vom politischen Leben nur noch auf philosophisch-ethischem Gebiete und in der Friedensbewegung betätigte, hat in seinem „Buch des Friedens" ein tapferes Bekenntnis gegen den Antisemitismus niedergelegt: „Es wird zu keinem rechten Frieden auf Erden kommen, so lange der Antisemitismus das Haupt so hoch tragen darf wie jetzt. Warum er es so hoch trägt? Durchaus nicht wegen seiner eigenen Macht. Immer wird es eine gewisse Anzahl Halbmenschen geben, die, von Neid und Habsucht verzehrt, in jeder Betätigung des Fleißes eine ihrer Trägheit schädliche Konkurrenz erblicken, die sie am liebsten plündern möchten, und, geht dies nicht an, mit allen Spielarten des Rassenhasses und der religiösen Intoleranz bekämpfen. Diese Halbmenschen werden aber erst zu einer Macht durch die Unzahl Gleichgültiger, die zwar mit ihnen nichts gemein haben wollen, aber zu ihren passiven Bundesgenossen werden, indem ihre gesinnungslose Untätigkeit den tüchtigen wie ein Schlamm bis an den Hals geht und ihre Tatkraft lahmt. Da ist ein wahrhaft friedlicher Staat nicht denkbar, und nur friedliche Staaten können den Weltfrieden sichern. Die Zeit der dynastischen und Kabinetts-Kriege ist vorüber und damit woht auch die Zeit der alten Eroberungskriege. Die etwa noch drohenden Kriege sind Rassen- und Jnteressenkriege und deren Elemente birgt der Antisemitismus in seinem unheilvollen Schoß." In Konsequenz dieser Ueberzeugung beteiligte sich von Carneri seinerzeit auch gern an der Gründung des Wiener Abwehrvereines. _ Ludwig Ganghofer, der bekannte Romanschriftsteller, veröffentlicht in den „Süddeutschen Monatsheften" seine Autobiographie; dem Kapitel: „Aufklärung und Kindererziehung" entnehmen wir folgende Wahrnehmung GanghoferS: „Man rühmt den Familiensinn der Juden, ihre treue, jede Not des Lebens und auch das Grab überdauernde Kindesliebe. Dieser kostbare Besitz der jüdischen Familie quillt aus keiner Eigenart der Raffe. Nein! Ich war zehn Jahre Journalist in Wien. Da lernt man Juden kennen. Sehr viele. Und ich habe gefunden, daß in jüdischen Familien alle Wichtigkeiten der Menschwerdung von den Kindern viel natürlicher und verständiger genommen und besprochen werden, als die verkrüppelte Sittlichkeit unserer „christlich-arischen Kultur" das zuläßt. Die jüdischen Väter und Mütter genießen in der tieferen Liebe ihrer Kinder die Frucht des Vernünftigen." Die Assimilation der Juden in China. Seit der Zerstörung der Zentralsynagoge in Kaifung, die im Jahre 1849 einer großen Ueberschwemmung zum Opfer fiel, find die wenigen selbständigen jüdischen Gemeinden in China, deren Mitgliederzahl wohl niemals die Zahl von 10.000 erreicht hat, allmählich verfallen und die Juden als Religionsgemeinschaft und Raffe fast vollständig im Chinesentum aufgegangen: In dem Aprilheft der „Dokumente des Fortschritts" gibt S. M. Perlmann - Tientsin näheren Aufschluß über die Gründe dieser fast vollständigen Assimilation eines Volkes, das in vielen anderen Ländern seine Eigenart so zäh und stolz bewahrt hat; er schreibt darüber u. a.: „Die wesentlichste Ursache liegt wohl darin, daß die chinesischen Juden sich niemals über Jntole.ranz zu beklagen hatten, daß sie niemals unter Ausnahmegesetzen lebten, niemals um ihrer Religion willen verfolgt oder verachtet wurden. Diese völlige Gleichberechtigung, dieses Fehlen aller Barrieren zwischen ihnen, und der Volks gesamtheit ist sicherlich ein wesentlicher Grund ihrer Ausgleichung gewesen; ihre völlige Abgeschlossenheit von den Stammesgenoffen der westlichen Völker war zweifelsohne eine zweite, wichtige Veranlassung hierzu. China hat stets die Gabe besessen, Unterworfene zu Freunden zu machen. Die Geschichte der Kosaken, die im Jahre 1688 zu Albazin gefangen genommen wurden, ist nach dieser Richtung hin lehrreich; es wurde ihnen völlige Religionsfreiheit und völlige Gleichberechtigung mit den Chinesen selbst zugeüanden, eine Kirche wurde für sie in Peking errichtet und Rußland durfte eine eigene Miffion in Peking erhalten, um den Gefangenen ihren Glauben zu bewahren. Trotz alledem wurden dieselben von dem chinesischen Volkselemente absorbiert, alle Bemühungen Rußlands, sie in Fühlung mit dem alten Volkstum und dem alten Glauben zu erhalten, blieben vergebens. Sie sind heute völlig Chinesen geworden. Immerhin mag im Falle der Juden eingewendet werden, daß sie in anderen Ländern der Freiheit, wie in Frankreich und England, ihre Eigenart bewahrten. Die Ursache dieser verschiedenen Entwicklung mag im historischen Ursprung des Christentums als einer jüdischen Sekte gesucht werden: Durch all die Jahrhunderte hindurch betrachteten sie das Christentum als eine Abirrung von ihrem rein monotheistischen Glauben und selbst die hohen sittlichen Lehren desselben erschienen ihnen nicht neu, nicht überlegen, sondern als bloße Folgerungen aus dem Alten Testament und dem Talmud. Die rellgiösen Verfolgungen späterer Jahrhunderte vertieften noch die Kluft, die beide trennte; der Jude betrachtete trotz seiner zurückgesetzten, verachteten Stellung das siegreiche Christentum als religiös und sittlich minderwertig. Ganz anders war das Geschick der nach China eingewanderten Juden. Sie fanden ein großes Kulturvolk mit einer Geschichte, Tausende von Jahren älter als die ihrige (Iao der Große regierte China 200 Jahre vor der Geburt Abrahams), ein Volk, das einen monotheistischen Glauben besaß und doch von Jehovah und seinem auserwählten Volke nichts wußte; ein Volk ohne erblichen Adel, das alle Ehren und alle Aemter den Männern gab, welche durch Bildung und Kenntnis der Erbweisheit die andern überragten, genau so wie es stets bei den Juden selbst Tradition gewesen, ein Volk, dem auch die Kenntnis des geschriebenen Wortes und die Bewandertheit in der Heiligen Schrift stets als höchster Ruhmestitel galt; genau so wie bei den Juden selbst, eine Nation mit heiligen Büchern, hohen ethischen Wertes, das aber keineswegs behauptet, sie seien von Gott geoffenbart, sondern vielmehr, daß sie die Lehre seiner Weisen seien. All dies mußte die Juden nachdenklich stimmen. Ihr Erstaunen mußte umso größer wachsen, als sie sahen, daß ell die ethischen Lehren, die Gott seinem auserwählten Volke gegeben, in China nicht nur gelehrt, sondern auch geübt wurden, daß die ihnen von Jehovah eingeprägten Gesetze: .Liebe deinen Nachbar und den Fremdling wie dich selbst" (Levit XIX) und „Tue anderen, wie du willst, daß dir geschehe", den Chinesen von ihren Philosophen als Ausfluß natürlicher Rechtschaffenheit bezeichnet wurden. Die Juden fanden daß dieselben Philosophen, die ihrem Volke Liehe zu ihrem Nebenmenschen in höchster und edelster Weise predigten — Lao-Tse und Buddha — den Menschen in kein Verpflichtungsverbältnis Gott gegenüberstellten, sondern Religion als Privatsache erklärten. Niemand schrieb den Chinesen vor, Gott zu lieben oder an Gott zu