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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-13 · 33 (13.8.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 560 Dr. Blochs Wochenschrift. Str. 33 erhalten, und zwar nach hervorragenden kaufmännischen Grundsätzen. Man stand mit Unternehmern in Verbindung, die man verdienen ließ und dadurch an den Unternehmungen interessierte, deren Löhne man aber kontrollierte, um eine Ausbeutung zu verhindern. So gelang es in der Haarnetzerei im Berichtsjahre 1908—1900 jüdische Arbeiterinnen zu beschäftigen, die zusammen K 150.000 verdienten; in der Spitzenhäklerei, deren verschlechterte Verhältnisse sich jetzt bessern, 1021 Arbeiterinnen mit einem Verdienst von K 88.462; in der Spitzeuklöppelei 497 Arbeiterinnen, die K 5681 verdienten. Die Anfänge der Kleiderkonfektion brachten 82 Arbeiterinnen K 5647, der Weißstickerei 50 Arbeiterinnen K 1364. Der Gesamtjahresverdienst hat sich gegenüber dem Vorjahre um K 29.349 erhöht, die Zahl der Arbeitskräfte um4O0. Es ist begreiflich, daß das Wirken des „Hilfsvereines" in Galizien selber bei allen Parteien ungeteilte Anerkennung und Schätzung findet. Selbst jene Elemente, welche Gegner der Schulgrüudungen sind und darum die Tätigkeit der „Baronin Hirsch-Stiftung" voll Mißtrauen und Mißgunst ansehen, preisen die Resultate des „Galizischen Hilfsvereines". Das hebräische Organ der orthodoxen Juden Galiziens, „Machsike Hadas" in Lemberg, publizierte denn auch am 19. Februar einen begeisterten Artikel über die segensreiche Wirksamkeit des „Galizischen Hilssvereines in Wien", der es sich zur Ausgabe gestellt hat, unsere notleidenden Brüder zur Arbeit zu erziehen und ihnen Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. Begeistert ruft der Verfasser aus: „Wie wohltuend ist der Anblick am frühen Morgen, da die Mädchen in die Fabrik gehen und auf ihrem Gesicht spiegelt sich die Lust uud die Freude! Bereits sind einige Mädchen so weit, durch die Klöppelei 6 Kronen wöchentlich zu verdienen, und es ist sicher zu erwarten, daß ihr Verdienst später bis auf 10 Kronen die Woche kommen dürfte. Das ist eine große Wohltat in unseren tristen Verhältnissen und wir stehen nicht au, diesem Vereine uud seiner Leitung den gebührenden Dank auszusprechen. Möge dieses segensreiche Werk in gleicher Weise fortgesetzt werden und Gottes Lohn allen zuteil werden, die es fördern!" Man muß dabei bedenken, daß der Hilfsverein eine bedeutende wohltätige Wirkung dadurch übte, daß die von ihm durchgesetzten Löhne auf die der Privatunternehmer im Sinne einer Erhöhung Einfluß hatten und daß seine Arbeit im benachbarten Rußland und Posen nachgeahmt wurde. Die Leitung ist stets auf der Suche nach immer neuen Industrien und hat vielversprechende Anfänge in der Netzstrickerei und anderen weiblichen Handarbeiten erzielt. Sie ist auch mit bedeutendem Erfolge für die Lehrlingsunterbringung tätig, unterstützt die „Jca" bei den Vorschußkaffen für den Kleinhandel und das Kleingewerbe und die „Allianz" bei deren sozial - ethischen Aktion. Sie hat eine Produktivgenossenschaft der Bürstenbinder in Jaworow als Musterinstitution geschaffen uud hat die Errichtung weiterer solcher Institutionen ins Auge gefaßt. Man muß es ihr auch als besonderes Verdienst anrechnen, daß sie es verstanden hat, staatliche Faktoren zur praktischen Förderung ihrer Ziele zu veranlassen. Solche Resultate machen es mehr als verwunderlich, daß der Einladung des Hilfsvereins zum Beitritt allzu saumselig entsprochen wird. Zwei Ortsgruppen sind eingegangeu. andere arbeiten mit Unterbilanz der Mitglieder. Das entspricht durchaus nicht der jüdischen Intelligenz, die eiuseheu mußte, daß sie da ein grundlegendes soziales Werk von enormer Bedeutung vor sich hat. Von humanitärer Bedeutung, die in die Augen springt, von jüdischer Einsicht, weil sie ein Elendsgebiet aufhellt, dessen Verhältnisse im Wege der Auswanderung auf die unseren ungünstig zurückwirken. Von moderner Anschauung, weil die Frauenemanzipation auch bei unserem Volke, deren Traditionen ihr entgegenwirken, durchgeführt wird. Besseres läßt sich wohl einer Organisation nicht uachsageu, die den Namen eines Hilfsvereins nicht bloß angenommen hat, sondern auch ehrlich verdient, wie schon diese karge Skizze eines reichen Tätigkeitsberichtes nachweist. Vom Aabrmarkrt des Lebens. Wenn das Rassengefühl schläft- Herr Theodor Fritsch, der Mittelstandsfabrikant und Hammerschläger in Leipzig, hat sonst ein scharf ausgeprägtes Rassengefühl, und er spürt das böse jüdische Blut sogar bei solchen, die nie Juden waren. Es genügt, daß jemand in irgend einer Frage modern oder liberal denkt, um die Diagnose auf jüdische Abstammung zu stellen. Fritsch hat in seinem Leben schon mindestens einige tausend Christen zu Juden gestempelt, weil er in ihnen mit seinem geheimnisvollen Mikroskop den semitischen Bazillus entdeckt hat. Er ist also eine unfehlbare Autorität auf diesem Gebiete. Manchmal aber scheint, namentlich in der warmen Jahreszeit, sein Rassengenius zu schlummern. So wird im letzten Heft seiner Zeitschrift Dr. Karl Wolfskehl als feinfühliger Uebersetzer altgermanischer Dichtungen geradezu überschwenglich gelobt. Es heißt da von Wolfskehl, er habe seine Aufgabe meisterhaft gelöst, er sei durch eminente Sprachbeherrschung und feinstes Stilgefühl zum Uebersetzer prädestiniert. Der Rezensent schließt: „In jedem deutschen Hause sollte, zur Wahrung deutschen Empfindens, deutscher Art, diese prächtige Ausgabe der ehrwürdigen Fragmente ältester deutscher Lieder und Sprüche zu finden sein!" Nun ist Wolfskehl Jude und zwar ein Jude, der sein Judentum nicht verleugnet. Und dennoch kann er sich nach diesem gewiß unbefangenen Zeugnisse in das Wesen des Germanentums mit soviel Liebe und Erfolg versenken und die alten Dichtungen im neuen Gewände wieder ausieben lassen! Wo bleibt da die Theorie von der gewaltigen Kluft zwischen Semitismus und Germanismus? Wo bleibt da die bei Fritsch ewig wiederkehrende Behauptung, daß der Jude das wahre Deutschtum nie zu erfassen vermag? Wahrlich, die Parodien auf den Antisemitismus brauchen die Gegner nicht zu schreiben, die Antisemiten besorgen es selber am besten. Rahel Levin hat E l l e n K e y, der berühmten schwedischen Frauenrechtlerin, eine biographische Skizze gewidmet. Wir zitieren aus der Vorrede einige Sätze, welche zeigen, welchen tiefen Eindruck die hervorragendste geistige Repräsentantin des deutschen Judentums auf eine so universal empfindende Frau wie die Egeria der internationalen Frauenbewegung gemacht hat: „Meine Absicht war, ein Bild der größten Frau zu geben, die das Judentum hervorgebracht hat, für mich zugleich die größte Frau, die Deutschland seine Tochter nennen kann. Dieses Vorhaben kann trotz einer Menge Arbeiten über Rahel nicht überflüssig genannt werden: von zehn gebildeten Deutschen, mit denen man über Rahel spricht, kennen fünf sie gar nicht, vier hatten etwas über sie gehört und nur einer sie wirklich erlebt! Ob es mir gelungen ist, ein solches Bild zu geben, darüber werden natürlich die Meinungen verschieden sein. Meine Hoffnung, das Charakteristische an Rahels Persönlichkeit einigermaßen erfaßt zu haben, stützt sich ausschließlich auf die Liebe, die ich für sie empfinde. Denn eine tiefe Liebe ist ein Pfadfinder, wenn es sich darum handelt, in das Wesen oder das Werk eines Menschen einzudringen, sei es, daß dieser Mensch noch mit uns auf den Wegen wandelt, die man die des Lebens nennt, sei es, daß er als einer jener Toten, die ewig leben, auf uns gewirkt hat. Jedesmal, wenn ich zu Rahel zurückkehrte, ist meine Liebe zu ihr gewachsen. Immer klarer habe ich die Wahrheit von Brandes Urteil erkannt, daß Rahel das „erste große und moderne Weib im deutschen Kulturleben ist", immer überzeugter teile ich die Ansicht von Hillebrand, daß Rahel als Weib und Goethe als Mann im gleichen Grade typisch für ihre Zeit sind. Aber neben dieser meiner Erkenntnis von Rahels objektiver Bedeutung ist ihr subjektiver Wert für mich immer größer geworden. Es gibt außer E. B. Brownings Werken kein Frauenbuch in der Weltliteratur, daß ich schwerer entbehren könnte als Rahels Briefe. Indem ich so meinen „Mangel an Objektivität" eingestehe und dazu meine Ueberzeugung, daß dieser Mangel das wesentliche Verdienst dieser kleinen Schrift ist, lasse ich sie jetzt in die deutsche Lesewelt hinausziehen, in der Hoffnung, daß Rahel noch ihre Macht als Seelenführerin und Herzenströsterin zeigen wird."

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