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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-13 · 33 (13.8.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 559 Nachdem diese Eingabe von einem Eperjeser Advokaten dem Vizegespan überreicht wurde, erhielt endlich der Ausgewiesene am 29. November 1907 die Erledigung seiner Rekurse mit der Erlaubnis zum Aufenthalte, vorläufig für ein Jahr. Während der unfreiwilligen Abwesenheit des Mannes war jedoch eines der Kinder erkrankt und ist in Ermangelung einer entsprechenden Aufsicht und Wartung, da die arme Frau allein das Wirtsgeschäft und die Handlung versehen mußte — gestorben. Die wiederholten ämtlichen Besuche, so auch seitens der Gendarmerie, um das Haus zu revidieren, ob der Ausgewiesene nicht etwa im geheimen sich in seinem Hause versteckt halte, wobei die Gesandten des Grenz-Hauptmannes mit den Bajonetten in und unter den Betten herumstocherten, bereiteten der armen Frau solche Angst und Aufregungszustände, daß sie im 8. Monat ein totes Kind zur Welt brachte. . . . Damit waren die Leiden und Marter des gehetzten Menschen noch nicht beendet. Vor Ablauf des Jahres, am 17. November 1908, suchte derselbe unter Vorlage eines vorzüglichen Sittenzengnisses seiner Wohnortsgemeinde, welches vom Ortsrichter uuo dem Bürtfaer Stuhlrichter Szatmüry gefertigt war, um Erneuerung der Aufenthaltserlaubnis beim Gcenzhauptmann an, erhielt aber vorerst keinen Bescheid. Im März 1909 erschien jedoch der Grenzpolizei- Hauptmann plötzlich im Wohnorte des Verfolgten und ließ 11 Bauern, von denen es bekannt war, daß sie dem Juden für entnommene Waren und Gefälligkeitsdarlehen Geld schulden vorladen und nahm mit ihnen ein langes Protokoll auf. lieber den Inhalt des Protokolls konnte bisher nichts in Erfahrung gebracht werden, da dasselbe wie seinerzeit das Dreyfus-Dossier behandelt wird und alle Bemühungen des Vertreters des Verfolgten, Einsicht ins Protokoll zu erlangen, blieben vergebens. Dagegen erhielt der Verfolgte auf Grund dieses Protokolles im März abermals die Ausweisung des Grenzpolizei-Hauptmannes aus ganz Ungarn und die Rekurse gegen diesen Bescheid wurden sowohl vom Vizegespan als auch vom Ministerium abgewiesen. ... Das Verhalten der oberen Behörden rechtfertigt wohl den Verdacht, daß dieses Protokoll abermals Unwahrheiten und falsche Beschuldigungen enthält, da ja sonst kein Grund zur Verheimlichung vorhanden ist. In jedem Falle hat wohl ein Einwohner Ungarns, der elf Jahre in Ungarn als Kaufmann, Grundpächter und Steuerträger wohnt, unbestraft und im Besitz einer Aufnahmszusicherung und eines guten Sittenzeugnisses ist, das gute Recht, zu fordern, daß man ihm die Beschuldigungen bekannt gibt, auf Grund welcher man ihn von seiner Scholle, von seinem Erwerb und seiner Familie vertreibt. Entweder sind die Behauptungen des Protokolls wahr, dann liegt kein Grund zu dessen Verheimlichung vor, oder sie sind ebenso unwahr wie das erste Protokoll, nun dann liegt hier offenbar ein krasser Mißbrauch der Amtsgewalt seitens der Grenz-Polizei vor und wir hoffen bestimmt, daß der Minister des Innern, Se. Exzellenz Graf Julius Andrässy solche, eines Rechtsstaates unwürdige Uebergriffe nicht dulden, sondern im Gegenteil ahnden wird. Interessant sind noch zwei folgende Momente. Als Referent über den Rekurs gegen die zweite Ausweisung fungierte beim Vizegespan ein Neffe des Grenz-Polizei- Hauptmannes, der seit Anfang dieses Jahres in Eperjes amtiert... Wie sehr unschuldig der Verfolgte sein muß, beweist weiters die Tatsache, daß mit Ausnahme eines einzigen Bauern . und der elf Bauern, welche vom Grenz-Polizei-Hauptmann zur Herstellung des Protokolls benützt wurden, sämtliche Einwohner der Ortsgemeinde mit dem Notar und Ortsgeistlichen gemeinsam eine Eingabe an die Grenzbehörde richteten, in welcher sie die tadellose Lebensweise des Ausgewiesenen betonen und um dessen Rückkunft bitten. Diese Eingabe ist den Rekursen beigelegen. Wir fordern dringend die Untersuchung dieser Affäre, da es sich hier um das Glück eines verfolgten Menschen und die Existenz einer unglücklichen Familie handelt. Jahresbericht des galizische« Hilfsverrines. Der galizische Hilfsverein ist auf einem der modernsten sozialen Grundsätze anfgebaut. Er hat nicht die Wohltätigkeit ins Auge gefaßt, deren Leistungen speziell in Galizien der Notwendigkeit nicht in die Nähe kommen können, sondern er bringt nach diesem Lande des Elends, was am notwendigsten fehlt: Arbeit. Der galizische Jude will nicht vom Bettel leben. Er ist bloß vom Schicksal dazu verdammt. Das Witzwort des Jargons, „was sech trefft^" ist eigentlich die Bezeichnung für seinen ehrlichen Willen, sich zu betätigen. Er scheut vor keinerlei Arbeit zurück. Wo man Intelligenz und soviel Kraft brauchen kann, als er eben besitzt, macht er, „was sich trifft", ohne Eigenliebe, ohne Furcht vor Gefahr und den größten Strapazen. Die letzten Monate haben dafür einen glänzenden Beweis erbracht. Im Naphthagebiet gerieten einige Schächte in Flammen und man konnte keine Arbeiter gewinnen, welche sich dem Glutherde mit Körben voll Erde bis ganz zum Rand, näherten, um den Brand zu ersticken. Denn ein furchtbarer Qualm drohte das Ersticken und die Hitze mit Ohnmacht. Bloß die armen, gedrückten, als feige verschrieenen Inden waren tapferer als die Huzulen und trotzten um den ausgesetzten Lohn der Lohe und der Lebensgefahr. Ständig unter dem Strahl der Feuerspritze, damit ihre Kleider nicht in Brand gerieten, wagten sie sich immer wieder vor und vollbrachten das kolossale Rettungsiyerk. Mit dieser einen Tat kann man alle antisemitischen Verleumdungen von der Arbeitsscheu der Juden vernichtend beantworten. Soll man Leute im Stiche lassen, die ihrer fähig sind und die gezeigt haben, daß sie bereit sind, in die Hölle zu gehen, wenn es dort Beschäftigung gibt? Aus der Antwort auf diese Frage heraus ist der galizische Hilfsverein entstanden, der alle volkswirtschaftliche Erkenntnis und alle Vernunft auf feiner Seite hat, aber leider nicht alle Juden. Seine Devise könnte lauten, daß Wohltat dem Armen einen Tag sichert, Arbeit das Leben. Dem Verein gehören an in der Vereinsleitung die Herren: Siegmund Mayer als Obmann, Adolf Pick als erster, Moriz Koritschoner als zweiter Obmannstell- Vertreter, Heinrich P o l l a k als Schriftführer-Stellvertreter, Wilhelm Kux als erster, Max Frank als zweiter Zahlmeister. Ferner arbeiten noch ein engerer Ausschuß, ein Aufsichtsrat und ein Schiedsgericht. Das Vereinsvermögen beträgt K 147.084, die Einnahmen K 46.263, die Ausgaben, deren Mehrbetrag dem Vermögen entnommen wurde, 53.945 Kronen. M't diesen Kräften und diesen Mitteln wurde eine großzügige und mustergiltige Organisation geschaffen und das Hilfswerk mit imponierenden Resultaten durchgeführt. Der Hilfsverein hat es streng vermieden, anderen Organisationen, die in Galizien arbeiten, wie der „Allianz" und dem „Hilfsverein deutscher Juden" in deren Arbeitszweigen Konkurrenz zu machen, etwa in der Auswandererhilfe und kulturellen Hebung, vernachlässigte aber diese Gebiete keineswegs, sondern blieb mit den genannten Korporationen im Zusammenhang, um eine Zentralisation der Gesamtaktion herbeizuführen. Glänzend war die Spezialaktion des Vereines, deren Endergebnis Ziffern sind, die von allen Juden mit Freuden gelesen werden. Diese Spezialaktion war dem bedürftigeren Teil der Bedürftigen, war den Frauen und Mädchen gewidmet, die im allgemeinen Berufsschwierigkeiten haben, bei den Juden durch Religion und Sitte noch besondere. Für sie wurde eine ganze Reihe von Industrien gegründet und

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