Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 554 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 32 Literatur. „Deutschland und England". Am 30. Mai 1857 schrieb Otto von Bismarck: „England kann uns keine Chancen maritimer Entwicklung in Handel oder Flotte gönnen und ist neidisch auf unsere Industrie." Erich Marcks, der Biograph Kaiser Wilhelm I. und seines eisernen Kanzlers, knüpft in seiner Schrift: „Deutschland und England" an dieses Wort Bismarcks an, wenn er sagt: Diese Interessen haben England handeln lassen, wie es gehandelt hat. . . . Die deutsche Einheit ist vollendet worden, ohne und ein wenig gegen England. Wenn der große englische Staatsmann Sir Robert Peel mit wahrhaft prophettschem Blick schon am 10. Oktober 184 L an den Freiherrn von Bimsen schreibt: „Die Einigung und die Vaterlandsliebe jenes Volkes, welches das Herz Europas bewohnt, wirr» für den Frieden der Welt die sicherste Gewähr und zugleich den mächtigst.n Schutz bieten gegen die Ausbreitung aller verderblichen Lehren", so klangen und klingen doch solche Stimmen ganz vereinzelt von jenseits des Kanals. Die veränderten Machtverhältniffe bringen es mit sich, daß Deutschland neben England als emopiuiche Hauptmacht trat. Wollen beide Konkurrenten ihre Nebenbuhlerschaft nicht zu kriegerischem Austrag bringen, sondern das alte Familienband der zwei germanischen Raffen friedlich neu knüpfen, was für beide das Ersprießlichste wäre, dann müssen si: vor allen Dingen sich wirklich kennen lernen. Unstreitig steht hier das größere Maß von Unwiffenheit auf englischer Seite; doch möchten wir auch den frommen Wahn zerstreuen, als ob deutsche Objektivität etwa ein so viel klareres Bild der Verwandten jenseits des Kanals gewonnen hätte. Einiges Wahre und viel Falsches — beißt auch hier die Summe der England-Kenntnis. Anglomanen preisen England entweder wegen Dingen, die gar kein Lob verdienen und nur einem aufs Aeußerliche erpichten Snob imponieren, oder phantasieren von etwas, das gar nicht besteht. Anglophoben hingegen schimpfen auf ein England ihrer eigenen Unwiffenheit, das bei Lichte ganz anders aussieht. Jede anglo-deutsche Verbrüderung muß daher damit beginnen, beiden Völkern die nationalen Scheuklappen abzubinden und ihnen die volle Realität vor Augen zu führen. Sonst bleibt jeder in den Illusionen seiner anererbten Autosuggestion befangen, daß er den andern nicht nötig und nichts von ihm zu lernen habe. Nur volle Erkenntnis der Wahrheit, was jedem fehlt, nur wahre gegenseitige Achtung kann hier aufrichtige Freundschaft verheißen. Dieses große Thema wird in dem soeben im Verlage von Karl Curtius, Berlin W 35 erschienenen Werke Karl Bleibtreu's (Preis Mk 3.50, geb. Mk. 4 50) von den verschiedensten Gesichtspunkten mit dem Vorsatz, beiden Völkern einen richtigen Begriff von einander beizubringen, in höchst gründlicher, origineller und eindrucksvoller Weise behandelt. Es wird in demselben schonungslos mit vielen Legenden aufgeräuuft. Bleibtreu ist wohl und eng vertraut mit der Psyche des Engländers, er sagt den Briten manche bittere Wahrheiten. Die Vortragsweise ist höchst eigenartig. Jedes Kapitel beginnt mtt der Vorstellung, die sich ein Brite von den betreffenden Dingen macht, dann folgt die, die der Deutsche sich bildet und schließlich beide korrigierend — wobei viel Neues, noch nie Gesagtes — folgt die Wahrheit. Es ist das rechte Buch zur rechten Zeit. Es wird aufklären» richtig stellen, Gutes stiften. Gerade im jetzigen Zeitpunkt bedürfen es die beiden Völker, durch Klarhett und Wahrheit zum gegenseitigen Verständnis zu gegenseitiger Achtung zu gelangen. Diesem Zwecke dient in ganz hervorragender Weise das neueste Werk Karl Bleibtreu's: „Deutschland und England." F. P. Eduard Fuchs Illustrierte Sitteugeschichte vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Erster Band: Renaissance. Mit 430 Text- Illustrationen und 49 meist doppelseitigen, farbigen und schwarzen Beilagen, bestehend aus den seltensten und schönsten Dokumenten zur Sittengeschichte seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. Komplett im Originaleinband (imitiert Wildleder mit Goldpreffung und Tttelbrld in Vierfarbendruck) gebunden 25 Mark. Zu beziehen auch in 20 Lieferungen zu je 1 Mark. Liebhaberausgabe (100 numerierte Exemplare auf feinstem Kunstdruckpapier in kostbarem Glauzledereinband) 50 Mark. Verlag von Albert Langen. Es liegen uns heute Lieferung 15 bis 20 dieses hervorragenden Buches vor, auf das wir unsere Leser während des Erscheinens schon öfters hingewiesen haben. Damit ist dieser in sich abgeschloffene Band, der die Renaissance behandelt, komplett geworden. Ein Beweis für seinen Erfolg ist es schon, daß die Lieferungsausgabe, wie der Verlag uns mitteilt, über 6000 Abonnenten gefunden hat. Ein abschließendes Urteil läßt sich erst jetzt abgeben, wo der Band fertig vorliegt. Und man kann sagen, daß auch die höchsten Erwartungen erfüllt sind, daß der Verlag die seinerzeit im Prcspett für die Lieferungsausgabe gemachten Versprechungen durchaus gehalten hat. Der Verlag hat keine Kosten gescheut, dieses Prachtwerk an Illustrationen und Bildbeilagen, sowie in der typographischen Ausstattung zu einer Musterleistung zu gestalten. Kohut A. Ludw g Feuerbach. Leipzig 1909. Fritz Eckard. 437 S. M 6,—, geb. M. 7.50. Der große und bahnbrechende deutsche Denker Ludwig Feuerbach, besten religionsphilosophifche und kritisch-methaphysische Werke auf die geistige Entwicklung und Kultur des deutschen Volkes Jahrzehnte hindurch einen mächtigen Einfluß ausgeübt haben und noch ausüben, bat endlich in dem bekannten Kulturhistoriker Dr. Adolf Kohut einen Biographen gefunden, der sich in dem vorliegenden Werke aufs Eingehendste mit Feuerbach und seinen Werken beschäftigt. Er bietet uns nach den besten, zuverlässigsten und zum Teile ganz neuen^ Quellen ein erschöpfendes, anziehend und fesselnd gehaltenes Bild von dem Leben, Wirken und Schaffen des noch immer nicht seinem vollen Werte nach gewürdigten Philosophen. Für den jüdischen Leser von besonderem Interesse sind die Stellen, die Feuerdachs Beziehungen zu den Juden, so zu dem bekannten Stuttgarter Kirchenrat Dr. Wassermann und dessen Vater (S. 29 ff.) zu Eduard Gans (99), David Friedländer (30), Ludwig Bambe rger (2t1), Lassalle (273) und tzenle (285) handeln. Feuerbachs Verhältnis zum Spinozismus gehört der allgemeinen Kulturgeschichte an. Das Buch, dem zehn Originalillustrationen als willkommene Beigabe eingestreut sind, verdient auch außerhalb der philosophischen Fachkreise zahlreiche Leser zu finden. x Wissenschaft und Religion Sammlung bedeutender Zeitfragen. In dieser Sammlung sind im Verlage von F. de. Le Roux u- Co. in Straßburg (das Stück M. 0.50) u. a. erschienen: Bibel und Geschichte von Prat, S. I., aus dem Franz., und Di e Bibel und die wissenschaftlichen Theorien von Colomer, deutsch von Pletl. Beide Schriften versuchen den Nachweis, daß die katholische Kirche die echte Wissenschaft nicht scheue, sondern mit ihr Frieden suche. Für die katholische Bibelexegese werden Normen angegeben, das Schriftwort mit den Ergebnissen der freien Forschung in Einklang zu bringen. R. Neue Bücher. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden. Redaktion: Dr. Arthur Ruppin und Dr. Bruno Blau. Berlin-Halensee, Johann Sigmundstraße 3. 5. Jahrgang. Juni 1909. Heft Nr. 8. Inhalt: I. Abhandlungen: 1. Dr. oec. publ. Jacob Segall, Berlin: Schulbesuch christlicher und jüdischer Kinder in Berlin von 1897 bis 1906. 2. N. W. Gold sie in. New-Aork: Die Bedeutung des jüdischen Proletariats für die englische Industrie. II. S t a t i st i s ch e s Archiv. Die jüdischen Gemeinden in Berlin im Jahre 1908. Gebrechliche unter-den Juden in Breslau. Der Etat der israel. Neligionsgemeinde in Dresden im Jahre 1908. Auswanderung von Juden aus Ungarn im Jahre 1907. Die Zahl der Juden in Ungarn im Jahre 1L07. Die Zahl der Juden in Egypten. III. Literatur. Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege. Neue Gutachten über das jüdisch-rituelle Schächtversahren. Nisselowitsch: Die Judensrage in Rußland. Monatschrist für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Begründet von Dr. Z. Frankel. Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Herausgegeben von Dottor M. Brann. 53. Jahrgang. Neue Folge, siebzehnter Jahrgang. Heft 5/6 Mai-Juni 1909. Breslau. Koebnersche Verlagsbuchhandlung. (Barasch und Riesenfeld.) Inhalt: Heinrich Heidenheimer: Zur Geschichte und Beurteilung der Juden vom XV. bis XIX. Jahrhundert (Schluß). Israel Schapiro: Leviticus XVII. im Lichte des Talmuds. Leopold Treitel: Agada bei Philo (Schluß). Johann Oehler: Epigraphische Beiträge zur Geschichte des Judentums. Moritz Mainzer: Jagd, Fischfang und Bienenzucht bei den Juden in der tannäischen Zeit (Fortsetzung). S. H o r o w i tz: Der Litte sutta nach dem Jalkut und anderen Quellen (Fortsetzung). Vorarbeiten zur „Germania judaica", II. Der Artikel Pray von H. Tykocinski. Louis Levin: Weitere Materialien zu einer Biographie Wolf Heidenheims. Besprechungen : Israel Davidsohn, Parody in Jewish Literature. Von Heinrich Malter. — Entwurf eines Gesetzes betreffend die Verfassung der jüdischen Religionsgesellschaft in Preußen. Von F. Hirschberg. Fürst C. M. Die Beschneidung vom kulturhistorischem und medizinischem Gesichtspuntte. Von Josef Wohlstein. — Alfred von Lindheim: Saluti senectutis. Die Bedeutung der menschlichen Lebensdauer im n odernen Staate. Von M. Güdemann. — Strack H. L.: Einleitung in den Talmud. Von V. Aptowitzer. Mitteilungen der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Kriefkaste«. K. S., Budapest. Der Familienzwist im Hause Stereny gehört nicht in die Spalten der „Oesterreichischen Wochenschrift". „Teut." „Dalles" ist ein jüdisches Wort, das aber auch bei Gojim vorkommt. S. B. Auch in Prag existiert ein Verein zur Erhaltung eines jüdischen Museums. Präsident ist Börsenrat Adolf Hahn. S. R. Die New-Iorker Judenheit besitzt 1191 öffentliche Institutionen: 7 nationale, 809 philanthropische, 148 Krankenhäuser und Asyle und 227 Bildungsanstalten. Ihre Unterhaltungskosten betragen insgesamt 10 Millionen Dollars jährlich.