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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Vlochs Wochenschrift. Sette 553 Abzeichen an ihren Kleidern tragen sollten, damit sie von dem Straßenpöbel erkannt und nach roher Herzenslust verhöhnt und verlästert würden, da berief er sich auf unser Gebot von den Schaufäden, das ja auch die Gezeichneten kennbar machen wollte. Und weil eure Töchter oft an nichts anderem als die Töchter Israels erkannt werden als an ihren Kleidern, an dem sündhaften Aufwand, den sie mit ihnen treiben, an der Prunk- und Putzsucht, die eure schwachen Kräfte übersteigt und letzten Endes auf den Weg der Sünde zeigt — darum berufet auch ihr euch euren Töchtern gegenüber auf unser Gebot von den Schaufäden und schärfet ihnen früh schon seinen Geist ein, an dem sie als die echten Töchter Israels zu erkennen seien, seinen Geist mit dem Worte: Dirrr nmn oaiab ■nn« mnn kbi Ihr sollet nicht uachgehen den Versuchungen eures Herzens und den Verführungen eurer Augen. Und das alte Rettungsseil der Religion; die Schaufäden an den vier Kleiderecken der Kinder Israels, von ihnen gilt auch fürderhin das Wort, das wir heute in unserem Prophetenabschnitte gelesen haben: nivv irrwarns onbxm Ihr rettet uns die Seelen vor dem sittlichen Tode. Amen! Amen! Neckisch springt der Wind auf das hügelige Gelände über, das den grenznachbarlichen Häuschen und Hütten Wehr und Wall ist gegen die ungestümen Launen des Stromes, wenn er zuweilen sein legitimes Bett zu verlassen, über die Stränge zu hauen und über seine steilen Ufern sich zu ergießen pflegt, und wird allmählich zum Sturm. Die kleine Rachel bekommt es mit der Angst zu tun und plagt ihren Papa, daß er umkehre und mit ihr schleunigst zu Muttern heimeile. Aus träumerischen Augen blickt der Vater seinen Liebling an; er merkte nichts von dem, was um ihn her vorging. Ihn beschäftigte ganz und gar seine Predigt, von der er jetzt zum erstenmal eine Totalansicht erhallen, von der er jetzt zum erstenmal einen Gesamteindruck gewonnen hatte, der zwar nicht ein Gefühl des Stolzes in ihm weckte; ein solch unedles Gefühl war dem schlichten und bescheidenen Manne, der sich früh schon in Selbstzucht genommen hatte, streng verpönt, auch litt er es bei Andern nicht gern, bei dem ihn aber eine sichtliche Befriedigung und eine wohlige Stimmung überkam. Mit großen Schritten durchmißt er die blütenschwere Akazienallee, immer noch versunken in das Thema seiner Predigt. Ein schäkerndes Pärchen in einer lauschigen Ecke wird unsanft aus seinen Liebkosungen aufgescheucht. Ja, diese Liebe kennen sie — lispelte der Rabbi leise vor sich hin — aber die andere, die große, allumfassende Menschenliebe, die da wurzelt in der Hingebung der Menschen an den ewigen Hort der Liebe und Treue über den Sternen, diese predigen wir, wie unsere großen Propheten vor Jahrtausenden — in der Wüste. „Wo still ein Herz in Liebe glüht, o rühret, rühret nicht daran", sprach wieder reuevoll der Rabbi in seinem Herzen und beflügelte seine Schritte. Dann packte ihn eine Erinnerung aus seiner Studienzeit, wo er in irgend einer Gemäldegalerie ein Bild gesehen hatte, das eine Sphinx darstellte. An ihren üppigen Frauenleib preßte sich stürmisch ein schmachtender Jüngling, während sie ihm ihre spitzen Krallen in den bebenden Rücken bohrte. Welch ein vortrefflicher Anschauungsunterricht über die Lockungen dir Sünde und über die Strafe, die auf dem Fuße folgt! Ein herrliches Bild! Das muß noch in die Predigt hinein, und zwar gleich auf der Stelle und an die Stelle, wo von der Sünde des Herzens und seinen süßen Werbungen die Rede ist. Aber es soll nicht die Symmetrie des Ganzen stören und nicht das Ebenmaß der Glieder verrenken; auch darf das Einschiebsel nicht als frecher Eindringling empfunden werden, der der Autochthonen Friede und Eintracht raubt. In nervöser Hast tastet der Rabbi noch einmal nach dem Schriftstück in der „Grünen Zeitung": er holt es heraus und späht gierig nach dem Punkte, von welchem aus die Operation kurz und schmerzlos zu vollziehen sein wird. Der Sturm peitscht die Wellen die Moldau entlang und heult klagend durch die Wipfel der alten Riesen in der langgestreckten Allee und verfängt sich in den Spalten des sorgsam gehüteten Manuskriptes und reißt es mit einem kühnen Ruck in die Lüfte hinauf und trägt es wieder herab in die wildschäumenden Wogen. Weg war es; versteinert blickt der Rabbi ihm nach mit Trauer und Tränen. Festgewurzelt steht er am Wassergrabe seines geistigen Kindes; zu dem schweren Kummer gesellt sich die bange Sorge: Was nun? Nach einer einmaligen Lesung rezipiert kein Menschenhirn eine Predigt, deren freier Vortrag für den Zeitraum einer knappen halben Stunde berechnet ist. Der kleine Wildfaug ist unerschöpflich in seinen naiven Fragen, die alle das aufregende Ereignis betreffen, dessen Augenzeuge er gewesen ist und die alle in das große Reich der Naturwissenschaften gehören; der arg verstimmte Vater antwortet kraus und wirr. Endlich wacht der Rabbi auf aus seinem dumpfen Brüten und eilt dem uahegelegeuen Wohuhause zu. Wieder kommt er vorbei an der grauen verfallenen Alt-Neuschul und an dem jüdischen Rathausturm. Der Stundenzeiger auf dem hebräischen Zifferölatte der alten Uhr zeigte schon auf 7, das ist sieben. Noch eine halbe Stunde und der erwartete Sabbath ist da, unwiderruflich und unaufschiebbar, nicht nur in der festlich geschmückten Stube der Familie, diesmal auch im Studierzimmer. Auf dem Schreibtisch erblickt er nur noch den Federkasteu der kleinen Rachel, der dort nach der allwöchentlichen Unterweisung der frommen Mutter bis zum Sabbathausgang zu ruhen hat. In fieberhafter Eile streckt er die Hand nach dem Federkasten aus, entnimmt ihm einen feingespitzten Bleistift, zieht aus der Brusttasche ein buntes Stück Papier und fährt mit fliegendem Atem kreuz und quer darüber hin und her. Nach wenigen Minuten üand das dürre Gerippe der tiefbetrauerten Predigt wieder vor seinen Augen; wenn nur der Rahmen glücklich gerettet ist, die Füllung wird sich schon noch finden in der langen, voraussichtlich schlaflosen Sommernacht. An ein Waschen und Kämmen, an ein Zurechtstutzen an eine letzte Feilung ist nicht zu denken bei einer Predigt die schriftlich nicht fixiert ist und die aus den kümmerlichen Erinnerungskrumen einer verlorenen Handschrift zusammengebraut werden soll. Einsilbig sitzt der Hausherr an der Sabbathtasi l; das gelehrte Gespräch des jungen Studenten, der als treuer Schüler des Rabbi zu den Freunden des Hauses zählt und Sabbath für Sabbath dem kleinen Familienkreise zugezogen wird, das gelehrte Gespräch über Physiologie und Histologie findet heute keinen aufhorchenden Gesellschafter; die reichen Schüsseln, welche die wackere Mutter der Hausfrau, eine deutsche Rabbinersgattin, zu Ehren des Tages mit dem Raffinement edler Kochkunst ungerichtet hatte, gehen unberührt an dem schweigsamen Manne vorüber. Vielleicht eine der stillen Kränkungen, denen sensible Naturen im jüdischen Amte so häufig ausgesetzt sind, raunten sich die Versammelten zu und zogen sich zurück. Die Lichter in den im Empirestil gehaltenen Silberleuchtern blaken und schwülen und neigen sich ihrem seligen Ende zu. Das Bild des Vergehens und Verwehens weckt in dem Rabbi wehmütige Erinnerungen an sein verwehtes Manuskript. Schwarz wälzen sich die Gedanken durch sein abgemarterles Gehirn: eine Predigt ohne Predigt. Dann kommt der schwärzeste der schwarzen: Wenn mir morgen trotzdem und trotz alledem die Predigt gelingt, dann schreibe ich sie auf und bringe sie zur Warnung für mich und meine liebwerten Kollegen und zur Strafe für die „Grüne Zeitung", die ja auch einen Teil der Schuld an meinem Mißgeschick trägt (warum hat sie das Manuskript nicht fester gehalten), in die „Österreichische Wochenschrift" unter dem Titel: Schicksal einer Predigt. Ende.

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